Painting by Hilma af Klint

Hilma af Klint: Mögliche Welten

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Die Pinakothek von São Paulo kuratierte von März bis Juli 2018, erstmalig in Südamerika, eine Einzelausstellung der schwedischen Malerin Hilma af Klint (1862-1944). Sie wurde als Pionierin der abstrakten Malerei anerkannt, obwohl sie den größten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts weithin unbekannt geblieben war.

1907 arbeitete Hilma af Klint an der Serie „Bilder für den Tempel“, die  aus 193 klassifizierten Werken aus den Jahren 1906 bis 1915 besteht. Gleichzeitig malte Picasso seine „Demoiselles d'Avignon“, Gustav Klimt seinen berühmten „Kuss“ und Frida Kahlo „Mexico City“. Kurz darauf traten Namen wie Kandinsky, Munch und Mondrian in das Licht der Öffentlichkeit –Künstler, die der Kunstgeschichte ihren Stempel aufdrückten. Nur Hilma af Klint tauchte in dieser Geschichte noch nicht auf, denn ihr abstraktes Werk wurde erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht – auf ihren eigenen Wunsch. Wie auch immer, es dauerte bis 1986, dass  ihr Werk erstmals in der Ausstellung „The Spiritual In Art: Abstract Painting 1890-1985“ am LACMA (Los Angeles County Museum of Art) dem interessierten Publikum zugänglich gemacht wurde.

Ihr Werk erforscht Wege zu einem höheren Sein. Hilma af Klint wusste damals, dass die Öffentlichkeit noch nicht in der Lage war, ihre Arbeit zu verstehen, und das ist bis heute nicht vollständig der Fall. Sie schlägt einen Weg der Selbsterkenntnis vor, der uns alle betrifft. Schrittweise öffnet sich die Menschheit dafür. Die beginnende Aquarius-Ära bringt eine wachsende Offenheit für neue Ideen mit sich. Jedoch sind die Ideen, die die Malerin aufgegriffen hat, nicht neu – sie sind zeitlos.

Hilma af Klint war nicht nur eine Künstlerin, sie war ein Mensch auf der Suche nach spiritueller Entwicklung. Zu Beginn war sie ein Instrument, um Immaterielles ins Materielle und Unsichtbares ins Sichtbare zu übersetzen. Laut Johan af Klint, dem Neffen und Erben der Künstlerin sowie Vorsitzenden der Hilma af Klint-Stiftung[1], „ist ihr Werk eine stoffliche Entsprechung der geistigen Welt.“ Später enthüllte sie die Entwicklung ihres eigenen Bewusstseins.

Zwei LOGON-Autoren hatten die Ausstellung in São Paulo besucht. Hier sind ihre Eindrücke:

Wenn wir das Werk von Hilma af Klint betrachten, nehmen wir seine Größe wahr – und etwas, das sich nicht in Worte fassen lässt. Die Künstlerin drückt sie sich oft mithilfe von geometrischen, und dann auch wieder mithilfe von organischen Formen aus. Gewissermaßen ist ihr Werk abstrakt, denn es berührt uns in einer Weise, die für den konkreten Verstand allein ziemlich unverständlich ist. Um diese Kunst zu verstehen, muss man sie mit dem ungeteilten Sein erfahren und sie in das innerste Selbst, das Herz, eindringen lassen, so dass dort eine Saite erklingen kann, die mit ihr in Resonanz ist. Hilma af Klints Kunst ist nicht allein für den Verstand gemacht; man kann sie fühlen, sobald man sich den Leinwänden nähert, und das gilt besonders für diejenigen, die speziell für den Tempel gemalt wurden. Für welchen Tempel hat Hilma af Klint gemalt? Sie malte nicht FÜR einen Tempel – sie zeigte den Weg, einen inneren Tempel zu bauen.

Ihr Werk lässt alles, was wir davon mit unseren Augen wahrnehmen, in uns nachhallen, es ist selbst Erkenntnis. Es offenbart einen spirituellen Weg, und zwar den, den die Künstlerin geht; er existiert, und jeder Mensch, der ihn sucht, kann ihn finden. Er ist ein Geschenk an die Gegenwart, denn jetzt wird er der Menschheit gezeigt, ihrem gegenwärtigen Bewusstsein, im jetzigen kosmischen Moment, der durch innere Ruhelosigkeit, Durst nach neuen Erfahrungen und Unzufriedenheit mit den aktuellen Zuständen gekennzeichnet ist. Wir beobachten, wie magnetisch ihre Gemälde sind und wie stark Besucher der Ausstellung von ihnen berührt werden, viele davon Kinder unter 10 Jahren. Kann es einen besseren Beweis dafür geben, wie innerlich vertraut und allgemeingültig ihre Kunst ist?

Das Interesse am Unsichtbaren

Beeinflusst durch Bewegungen wie die der Rosenkreuzer, der Theosophie und der Anthroposophie, zeichnete Hilma af Klint Dimensionen auf, die sich den bloßen Verständnismöglichkeiten der Sinne entziehen. Es sind die unsichtbaren Kräfte der Welt, die die Künstlerin auch in unzähligen schriftlichen Aufzeichnungen darstellt und katalogisiert. In ihrer Zeit flammte das Interesse am Unsichtbaren neu auf, wie man auch an wissenschaftlichen Entdeckungen wie den Röntgenstrahlen und elektromagnetischen Wellen sehen kann. Und es wurde deutlich, dass Trennung in Wirklichkeit nicht existiert, dass alle Dinge miteinander verbunden sind, sich aber jedem Menschen unterschiedlich darstellen. Hilma af Klint entdeckte dies auf künstlerischem Weg. Auf der okkulten Ebene waren es spiritistische Sitzungen, die an Bekanntheit gewannen. Die Künstlerin machte ihre spiritistischen Erfahrungen mit dem „Kreis der Fünf“, einer Gruppe, die aus ihr und vier anderen Freundinnen bestand und die auch channelten und ecriture automatique betrieben.

Es ist anzumerken, dass die schwedische Malerin mit einem höheren magnetischen Feld in Kontakt kam, einem reinen und erhabenen Feld, über das sie mit Rudolf Steiner sprach. Dieses Feld gehörte nicht zu der Welt der Gegensätze wie Licht und Finsternis oder Gut und Böse: es ist das Feld des Geistes.

Heilige Geometrie und Wege der Entwicklung

Hilma af Klint verdiente ihren Lebensunterhalt als Porträt- und Landschaftsmalerin. Sie war sehr gründlich. In ihrem spirituellen Werk, das die Botanik behandelt, machte sie in Skizzenbüchern zahlreiche (philosophische) Aufzeichnungen über die Anordnung von Atomen und magnetischen Feldern sowie über Heilige Geometrie. Jesus Zaton schreibt in seinem Buch „Heilige Geometrie: Natürliche, wissenschaftliche und pythagoräische Grundlagen“[2]: „Heilige Geometrie beschränkt sich nicht auf Maße, sondern versucht, die Energiemuster zu erforschen, durch die alle Dinge aus der Einheit oder dem metaphysischen All erschaffen wurden: Von der Entwicklung eines Embryos bis zu den Mustern, denen die Entstehung und Ordnung von Planetensystemen und Galaxien folgen, zu Punkten und Linien auf Tierhäuten oder zu der Weise, in der DNA-Moleküle strukturiert sind; vom Kleinsten zum Größten wird alles durch die Heilige Geometrie beherrscht.“

Hilma af Klints Werke erzählen die gesamte Schöpfungsgeschichte, vom Chaos zum Anfang, dem Wort. Die Bilderserie „The Ten Largest“ zeigt die Entwicklung des Bewusstseins in Spiralen anhand der menschlichen Entwicklung von der Kindheit bis zum hohen Alter. Die „Paintings For The Temple“ gipfeln in der „Altar Piece“-Serie, die den eigenen spirituellen Pfad der Künstlerin aufzeigt, als alchimischen Prozess, der Blei zu Gold transmutiert. Eine andere schöne Serie ist „The Tree of Knowledge“; in Nummer 1 platziert die Malerin ein Herz  (das Zentrum des menschlichen Wesens) am Fuß eines Baumstamms. Das Herz ist es, das die Tür zu den anderen Dimensionen beherbergt, welche zum Heiligen Gral (in der Krone des Baumes) führen, welcher zwölf Strahlen aussendet. Je weiter sich die Strahlen vom Gralsbecher entfernen, desto tiefergehend die Trennung. Dies wird durch schwarze und weiße Tauben symbolisiert, die sich, obwohl miteinander verbunden, immer mehr aus ihrem ursprünglichen Einssein entfernen. Nur in der obersten Dimension sind sie eins. Weiter unten streben sie immer weiter auseinander.

Der Pfad der Selbsterkenntnis, den Hilma af Klint ging, fällt zusammen mit ihrer Kunst: einer Kunst, die fähig ist, das spirituelle Leben derer zu transformieren, die damit in Kontakt kommen. Ein Leben, das aus dem Herzen fließt, das Ewigkeit um sich her verbreiten möchte – nicht als Bild, sondern als Kraft, als unendliches Geschehen, hier, in der Gegenwart.

Derzeit ist im Münchner Lenbachhaus (noch bis zum 10.03.2019) das Werk Hilma af Klints in der Ausstellung „Weltempfänger“, gemeinsam mit Werken von Emma Kunz und Georgiana Houghton, zu sehen. Die drei ausgestellten Künstlerinnen eint, dass sie versuchten, feinstoffliche Wahrnehmungen und spirituelle Gesetzmäßigkeiten malerisch auszudrücken.

 

 


[1]    im schwedischen Original: Stiftelsen Hilma af Klints Verk

[2]    im portugiesischen Original: Geometria sagrada: Bases naturais, cientificas e pitagoricas (bislang nicht ins Deutsche übersetzt)

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