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Wissenschaft und Religion: Feinde oder Verbündete?

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Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion kann nicht mehr als freundschaftlich bezeichnet werden. Im Mittelalter führte die Vorherrschaft der Religion über die Wissenschaft zu Obskurantismus und Rückschritt. Das Aufblühen der Wissenschaften hat die Grundmauern der Religionen jedoch erschüttert und Glauben und Dogmen bei vielen Menschen in Misskredit gebracht.

Durch wissenschaftliches Denken wurden nach und nach mythologische Figuren zerstört, die oft nur erschaffen worden waren, um Wissenslücken zu füllen. Naturphänomene erklären wir heute durch materielle Prozesse und nicht mehr durch das Wirken von Göttern und Geistern.

Unsere mentalen Fähigkeiten haben sich seit der Zeit unserer primitiven Vorfahren beträchtlich entwickelt. Während in der Vergangenheit Mythen als vernünftige Erklärungen zum Beispiel für einen Wandel des Klimas angesehen wurden, stützen wir uns heute auf unsere Kenntnisse über Atome, Elemente und Schwingungsfelder.

Die Bewusstseinsentwicklung des Menschen kann sich nicht mehr religiösen Dogmen und Zwängen unterwerfen. Bei vielen führt sie dazu, jegliches religiöse Wissen abzulehnen und generell die Haltung des Skeptizismus einzunehmen.

So gibt es also einen Konflikt zwischen wissenschaftlicher und religiöser Denkweise. Dennoch weisen beide Richtungen ähnliche Motivationen auf, sofern das Religiöse von einem spirituellen Suchen begleitet ist.

Die Wissenschaften versuchen, die Rolle des Menschen im Universum und alle seine Lebensumstände zu entschleiern, während die Religionen eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz suchen. Auf der einen Seite ist da das Religiöse, das von einem Verlangen nach Transzendenz getragen wird, aber oft in Dogmen verwurzelt ist, die das Weltverständnis begrenzen.

Auf der anderen Seite ist da die Wissenschaft, die rationales Denken ohne Dogmen verwendet, jedoch zum Skeptizismus tendiert; sie nimmt in der heutigen Zeit eine dominante Vormachtstellung ein, die alternative Herangehensweisen unterdrückt.

Über Religion

Betrachten wir den Begriff Religion etymologisch: Eine seiner Bedeutungen kommt von dem lateinischen Wort religio und verweist auf einen festgelegten Glauben an etwas Höheres oder auf Anbetung und Verehrung von etwas Heiligem. Diese Bedeutung spiegelt den dogmatischen Charakter von Religion wider. Es gibt jedoch noch eine tiefere Bedeutung des Wortes Religion, welche sich auf das lateinische religare bezieht. Man kann es am ehesten übersetzen mit „sich wiederverbinden“, „sich fest verbinden“, „sich vereinigen“. Gemeint ist die Wiederverbindung des Menschlichen mit seiner tieferen Essenz, dem Göttlichen. Diese zweite Bedeutung legt nahe, dass der Mensch von etwas getrennt ist und es die Möglichkeit einer erneuten Vereinigung gibt.

Tatsächlich wollen Religionen und auch einige philosophische Bestrebungen den Menschen dazu anstoßen, die Möglichkeit der Wiederverbindung mit dem Göttlichen zu erkennen. Die Suche nach dem Göttlichen hat im Laufe langer Zeiträume eine universelle Weisheit hervorgebracht, die bestrebt ist, die tiefgründigsten Fragen nach unserem Ursprung zu beantworten, wobei sie Reflektionen über existenzielle Konflikte und besonders über den Sinn des Lebens generiert.

Das Forschen nach dem Wesentlichen, dem Göttlichen, nach Transzendenz hat zur Folge, dass viele Religionen der Menschheit im Grunde dieselbe Botschaft überbracht haben. Allerdings macht es jede auf eine spezielle Art, die ihrer Zeit, ihrem Bewusstheitszustand und den jeweiligen historischen und geographischen Umständen entspricht. So ist es nötig, hinter die Oberfläche zu schauen. Die unterschiedlichen Religionen strahlen wie ein Kristall verschiedene Facetten einer einzigen Essenz aus.

Sobald religiöse Bewegungen ihren Höhepunkt überschreiten, verlieren sie oft ihren ursprünglichen Charakter: sei es durch Machtkämpfe, Uneinigkeiten über Interpretationen ihrer Lehre oder durch Abweichung von ihrem eigentlichen Ziel. Was dann übrig bleibt, ist nur noch eine kulturelle und intellektuelle Bewegung, die sich mit Hilfe von Doktrinen aufrecht erhält, die nicht mehr die Kraft ihrer ursprünglichen Essenz übermitteln und von blindem Glauben gepaart sind. Sie gleichen dann leeren Gefäßen.

Über die Wissenschaft

Die Wissenschaften brechen mit den religiösen Dogmen, indem sie den Menschen mit empirisch nachweisbaren Fakten konfrontieren, die er verstehen und analysieren kann. Sie repräsentieren auf diese Weise die Freiheit des Menschen, nur das für wahr zu halten, was auch beweisbar ist. Der Mensch muss sich keinen äußeren Autoritäten mehr unterwerfen, weder einem Meister, noch einem Priester, noch einer Institution.

Allerdings haben die Wissenschaften im Laufe ihrer Entwicklung ebenfalls dogmatische Züge angenommen. Die Wissenschaftsgemeinde hat eine Machtsstruktur geschaffen, die dazu tendiert, ihre Paradigmen festzuschreiben und die den Anspruch erhebt, als einzige das Recht zu haben, die Wirklichkeit zu erklären. Die Menschen werden dazu gebracht, nur das für wahr zu halten, was ihre fünf Sinne (durch Technologie erweitert) wahrnehmen können. Dieser Skeptizismus verschließt die Augen davor, dass es in Vergangenheit und Gegenwart viele verlässliche Zeugnisse von der Existenz feinerer Schichten der Realität gibt.

Die Menschen unserer Zeit neigen dazu, den Wissenschaftlern alles zu glauben; kaum jemand hat die Möglichkeit, ihre Aussagen zu überprüfen. Gleichzeitig können wir beobachten, wie schnell sich wissenschaftliche Paradigmen und Theorien ändern. Der Philosoph Karl Popper betonte, dass wissenschaftliche Theorien niemals bewiesen, sondern nur durch weitere Experimente falsifiziert werden können.

Wissenschaften haben nicht das Wissen vom praktischen und inneren Leben des Menschen zum Inhalt; das war schon immer die Domäne von Philosophie, Religion und Spiritualität. Deswegen ist wissenschaftliches Denken allein unvollständig, es eignet sich nicht dazu, die existenziellen menschlichen Fragen zu beantworten.

Beide Herangehensweisen sind notwendig

Das bedeutet, dass jeder, der solche existenziellen Fragen verstehen möchte, Wissenschaft und Religion miteinander versöhnen muss, indem beide sich nicht an Dogmen klammern, innere Autonomie erlangen und rationales Denken benutzen, um Erkenntnisse in der religiösen Domäne zu suchen. Religion wird hierbei zu Spiritualität.

Wir können sogar sagen, dass die Wissenschaft eine Verbündete von Religion bzw. Spiritualität ist. Sie dokumentiert die Großartigkeit, Perfektion und Organisation sowie die Entwicklung von Kosmos und Natur. Dabei bleibt Raum, das Wirken einer höheren Intelligenz, die allem sowohl Impulse gibt als auch Freiheit lässt, anzunehmen.

Einstein sagte: „Ohne Gott ist das Universum nicht zufriedenstellend zu erklären“, und: „Die Religion der Zukunft wird kosmisch sein und wird einen persönlichen Gott transzendieren und dadurch Dogmen und Theologie überwinden“.

Von dem Gesagten ausgehend, können wir die Möglichkeit erkennen, religiös-spirituelles und wissenschaftliches Denken in der gemeinsamen Suche nach Wahrheit miteinander zu versöhnen.

Ein berühmter Ausspruch, der Helena Blavatsky zugesprochen wird und später das Motto der Theosophie wurde, lautet: „Keine Religion ist höher als die Wahrheit.“ Der russische Philosoph Nikolai Berdiaiev brachte das Gleiche zum Ausdruck, indem er sagte: „Es gibt nichts, das der Suche nach Wahrheit und der Liebe zu ihr überlegen wäre. Die einzige und alles umfassende Wahrheit ist Gott, und das Wissen von der Wahrheit bedeutet ein Eindringen in das göttliche Leben.“

Die Suche nach Wahrheit scheint im Menschen verwurzelt zu sein. In beinahe allen Kulturen findet sich die Lehre, dass es im Menschen ein verborgenes Element der Wahrheit gibt. Von den Urchristen wurde es „Senfkorn“ genannt, Buddhisten sprechen von der „Lotusblume“, Taoisten von „Tao“ und Hindus kennen den „Atman“. Die Geistesschule des Rosenkreuzes spricht vom „Geistfunkenatom“ im Menschen.

Mit diesen Begriffen wird auf ein göttlich-geistiges Element hingedeutet, das einem Spiegel gleich etwas von einer absoluten, unveränderlichen Realität abbildet. Wenn wir uns mit diesem göttlichen Prinzip in unserem Herzen wieder verbinden, finden wir Wahrheit als lebendigen Besitz und nicht als intellektuelles Vermögen. Es entsteht Weisheit, die zu innerer Transformation führt, es entwickelt sich eine innerliche Religion. Eine solche Wiederverbindung befähigt zur Autonomie und befreit von äußeren Zwängen. Ahnungen vom Vorhandensein eines allumfassenden göttlichen Bewusstseins werden erlebt.

Wer Erfahrungen dieser Art gemacht hat, wird zum Wahrheitssucher und nimmt die große Aufgabe auf sich, sein biologisches, egozentrisches Bewusstsein in ein neues, aus der göttlichen Weisheit stammendes Bewusstsein zu transformieren. Dazu gilt es, Unzulänglichkeiten und Getrenntsein zu durchleben und sich dem anzuvertrauen, was als Intuition erfahren wird. Es ist ein Prozess, der schmerzvoll sein kann, weil Anhaftung und Selbsterhaltungstrieb strukturelle Wesensmerkmale des natürlichen Menschen sind.

Der Wahrheitssucher wird die wissenschaftliche Denkweise mit der intuitiven Erkenntnis vereinen. Gleichzeitig wird er alles religiöse Denken hinterfragen und prüfen, ob es aus der göttlichen Wahrheit kommen kann und wie es mit wissenschaftlicher Erkenntnis vereinbar ist.

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