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Star Trek: Die Sehnsucht nach dem Anderen Teil 1

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„Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen.“

  • aus dem Vorspann von „Star Trek: The Next Generation“

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“

  • aus der Offenbarung des Johannes

 

Das Phänomen

Die Science-Fiction-Saga Star Trek[1] (deutscher Titel: „Raumschiff Enterprise“) feierte Ende 2016 ihr 50-jähriges Bestehen. Von ihrem Schöpfer und Produzenten Gene Roddenberry[2] ursprünglich mit deutlichen Anleihen an die Western-Serien der 1950er und 60er Jahre konzipiert[3] und inzwischen weit mehr als eine Sammlung utopisch-idealistischer Fernsehserien und Kinofilme, stellt Star Trek einen der mit Abstand wirkmächtigsten kulturellen Impulse der letzten Jahrzehnte dar. Der raubeinig-leidenschaftliche Captain James T. Kirk, der rational-analytische Erste Offizier Spock, der aufbrausende Bordarzt Leonard „Pille“ McCoy und viele mehr sind Ikonen der Popkultur. Millionen von Fans auf der ganzen Welt (mittlerweile in dritter Generation) und T-Shirts mit Thesen wie „Alles, was ich über das Leben wissen muss, habe ich aus Star Trek gelernt“ sprechen eine eindeutige Sprache.

Dabei war anfangs nicht abzusehen, dass die originale Serie eine solche Dynamik entwickeln würde. 1966 mit begrenztem Budget gestartet (das man Kulissen, Maske und Effekten auch deutlich ansieht), gewann die Serie recht schnell eine überschaubare, aber überaus loyale Fangemeinde. Als wegen schlechter Quoten beschlossen wurde, Star Trek nach drei Staffeln einzustellen, wurde die Serie durch wiederholte Ausstrahlung, Conventions und private Aufführungen zum Kult. Die hartnäckige Treue der Fans zahlte sich aus: Nach einer 1972/73 ausgestrahlten Zeichentrickserie wurden von 1979-1991 sechs Kinofilme produziert, an die sich von 1987-2005 vier weitere Serien sowie bis 2002 weitere vier Kinofilme anschlossen. Seit 2009 wurde mit bisher drei Filmen eine komplette Neuauflage gestartet, die in einer alternativen Zeitlinie spielt und die Abenteuer der ersten Generation mit jungen Schauspielern neu erzählt.

Die originale Serie wurde und wird oft wegen ihrer billigen Kulissen und des rudimentären Make-Ups belächelt, das aus kaum verfremdeten Schauspielern exotische Aliens machen soll. Diese Kritik geht jedoch, sich an ihrer eigenen, vermeintlichen Schläue ergötzend, am Thema vorbei. Der Anspruch von Star Trek war nie die möglichst „realistische“ Präsentation einer technologisch fortgeschrittenen Zukunftsgesellschaft, sondern Kulissen, Maske und Kostüme skizzieren lediglich den Rahmen für die thematisierten Fragestellungen.

Obwohl Star Trek eindeutig in der „harten“, naturwissenschaftlich plausiblen Science-Fiction verankert ist (anders als z.B. die klar märchenhafte Star-Wars-Saga), richtet sich Star Trek mindestens so sehr an Herz, Idealismus und Empathie des Publikums wie an den Verstand. Dem Zuschauer wird „zugemutet“, sich auf Emotion, Sehnsucht und Hoffnung einzulassen und Logiklöcher, fantastische Ereignisverkettungen sowie teils unfreiwillig (?) komische Masken zu verzeihen. Der seit 50 Jahren anhaltende Erfolg der Saga beweist nicht, wie Zyniker behaupten, die „Naivität“ des Publikums, sondern die tiefe, menschliche Ursehnsucht nach einem Lebenszustand, der frei von den Unvollkommenheiten unserer Alltagsrealität ist. Hier geht es nicht um Realitätsflucht, sondern um die Vision einer lebenswerteren Realität.

Gestartet auf dem Höhepunkt des kalten Krieges, ist Star Trek ursprünglich von der Ambivalenz zwischen angespannter (damaliger) Gegenwart und hoffnungsbeladener (damaliger) Zukunft geprägt. Schon das Design des titelgebenden Raumschiffs Enterprise spiegelt dies wider: Die in Star Trek von den Menschen geflogenen Raumschiffe kommen in einer riesigen Vielfalt von Größen, Typen und Varianten daher, aber eine Grundform ist ihnen allen praktisch ausnahmslos gemeinsam: Aus einem relativ kleinen „Sekundärrumpf“ wächst vorn auf der Oberseite ein kurzer Hals, auf dem die „Untertassensektion“ sitzt. Dieser das Design dominierende, scheibenförmige Schiffsteil beherbergt u.a. die Brücke (Gehirnbewusstsein), Quartiere (Beseelung), Sensorik (Wahrnehmung) und Bewaffnung (Wille). Seine Form greift die „fliegenden Untertassen“ auf, deren (angebliche?) Sichtungen sich seit den 1950er Jahren mit der Hoffnung auf außerirdisches Leben und friedliche, gedeihliche Koexistenz verbanden, mit der nach außen projizierten Sehnsucht nach dem Anderen, der die eigene Unvollkommenheit aufhebt.

Der Sekundärrumpf hat nicht nur die Aufgabe, die Untertassensektion mit dem Rest des Schiffs zu verbinden, sondern außer dem Maschinenraum (Bauchbewusstsein) beherbergt er das „Herz“: Den „Warpkern“ genannten Hauptreaktor, in dem eine Materie/Antimaterie-Reaktion abläuft, vermittelt und reguliert durch Kristalle des fiktiven Elements „Dilithium“.[4] In dieser Reaktion neutralisieren sich Materie und Antimaterie gegenseitig vollständig; dabei werden die unvorstellbaren Energiemengen freigesetzt, die für den Antrieb und weitere zentrale Technologien nötig sind. Ganz im Sinne von Isaac Asimovs Bemerkung, dass „jede genügend fortgeschrittene Technologie nicht mehr von Magie zu unterscheiden“ sei, setzen diese Technologien alle wesentlichen Begrenzungen im Alltag des 23. und 24. Jahrhunderts außer Kraft. Der fantastischen Technologien sind drei: Warp-Antrieb, Transporter und Replikatoren. Mehr dazu später.

An der Vorderseite des Sekundärrumpfs, gewissermaßen auf Höhe des Solarplexus, befindet sich der „Navigationsdeflektor“. Dieser erzeugt ein Kraftfeld, das vor dem Schiff befindliche Hindernisse aus der Flugbahn befördert. Und selbstverständlich verfügt das Schiff über Schutzschilde, die es als unsichtbares Energiefeld umgeben und jeden äußerlichen Angriff abhalten – es sei denn, die Energie geht zur Neige, oder dem Angreifer ist die Signatur des Kraftfeldes bekannt, sodass er sich anpassen kann.

Richtung Heck ragen zwei mächtige, nach außen strebende Ausleger aus dem Sekundärrumpf, an deren Ende die „Warpgondeln“ sitzen. Sie stellen den Hauptantrieb dar, der das Schiff befähigt, binnen Stunden oder Tagen interstellare Entfernungen zu überbrücken, und sind ihrer Grundform nach zylindrisch. Darin zitieren sie die Raketen der damaligen Zeit, die als ballistische Mittelstreckenwaffen die gewaltigste Zerstörungskraft ihrer Epoche darstellten, aber auch als mächtige Frachtraketen im Rahmen der Mercury-, Gemini- und Apollo-Programme Menschen und technisches Gerät bis zum Mond brachten.

Im Design der Enterprise (und des Großteils der von Menschen geflogenen Schiffe im Star-Trek-Universum) vereint sich ein Symbol der Ursehnsucht nach dem Anderen mit dem damals ultimativen technologischen Inbegriff menschlicher Schaffenskraft und Zerstörungsmacht, Kreativität und Unerschrockenheit. Die beiden Seiten der menschlichen Existenz (animalisch und spirituell) sind in diesem Entwurf kombiniert, und das Grundprinzip des stofflichen Kosmos schlechthin – das Wechselspiel der Gegensätze – ist ihre Energiequelle. Wie der Mensch besitzen die Schiffe jeweils drei Bewusstseinszentren in Herz (Reaktor), Haupt (Brücke) und Becken (Maschinenraum). Der Aufbau des Schiffs veranschaulicht den „Mikrokosmos Mensch“ vollständig – mit einer Ausnahme, dazu später.

Die Enterprise ist also das perfekte Vehikel, um dem Motto von Star Trek zu folgen: „To boldly go where no one has gone before“. Dabei entspricht das englische „bold“ dem deutschen „mutig“ nur fast; es bedeutet darüber hinaus „keck“, „dreist“ oder „unverfroren“.

(Wird fortgesetzt)

 

 

 

 


[1] http://de.memory-alpha.wikia.com/wiki/Star_Trek, zuletzt aufgerufen 11.03.2017

[2] http://de.memory-alpha.wikia.com/wiki/Gene_Roddenberry, zuletzt aufgerufen 11.03.2017

[3] Alexander, David: Star Trek Creator: The Authorized Biography of Gene Roddenberry. New York: Roc, 1995, S. 211/212

[4] In unserer Realität existiert Dilithium als gasförmig vorkommendes Molekül aus zwei Lithium-Atomen.

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