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Onhemonkandire und Endura: Das ewige Leben in der Sicht der Guarinis und Katharer

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Religionen versuchen am Ehesten, eine Antwort auf die Frage zu finden, was nach dem Tod kommt. Allerdings unterscheiden sich die Antworten, wie sich auch die religiösen Richtungen voneinander unterscheiden. Einige Antworten sind vorherrschend dank der größeren Verbreitung einzelner Religionen. Zu einer kleinen Minderheit gehören die Sichtweisen des Onhemonkandire der Gurarini-Indianer Südamerikas und des Endura der Katharer im mittelalterlichen Südfrankreich. Beide thematisieren die Auferstehung des Menschen und den Tod des illusionären Ich. Trotz der geographischen Entfernung und des zeitlichen Unterschieds haben die beiden Gemeinschaften ähnliche Anschauungen entwickelt.

Eine unter den Guarinis weit verbreitete Auffassung besagt, dass das ewige Leben bereits während des vergänglichen irdischen Daseins erlangt werden kann. Das geschieht auf einem Weg, der Apecatu Ava-porã genannt wird: heiliger Weg des Menschen. Er führt zum Araguijé kandire, einer Auferstehung, die Ähnlichkeiten hat mit der christlichen, aber die Besonderheit, dass sie nicht nach dem körperlichen Tod stattfindet, sondern während des Lebens.

Die Idee einer Auferstehung bereits während des Lebens mag manchen paradox erscheinen, aber sie war auch die Überzeugung einzelner christlicher Strömungen. Zu ihnen gehörten die Katharer, auch Albigenser genannt, eine in Südfrankreich entstandene Gemeinschaft, die im 12. Jahrhundert ihre größte Ausbreitung hatte. Sie fußte auf den Regeln eines inneren Christentums.

Die Katharer nannten den inneren Weg, den sie beschritten, Endura. Er führte zum Tod des irdischen Ich und zur Wiedergeburt/Auferstehung des Göttlich-Geistigen im Menschen. In der Vollendung des Endura entstand die Verbindung des inneren, neuen Menschen mit dem göttlichen Geist, eine Verbindung, die den “Weg des Perfekten” eröffnete.

Es ist kein Wunder, dass die offizielle Kirche die Katharer als Ketzer ansah, bekannten sie sich doch zur Möglichkeit einer intimen und unmittelbaren Beziehung zu Christus, durch die die Kirche als Vermittlerin zwischen Gott und Mensch ihrer Bedeutung weitgehend beraubt wurde. Die Katharer lehnten die Hierarchie der katholischen Kirche ab und begründeten eine eigene Art von Hierarchie, die vom Sympathisanten bis zum Perfekten reichte. Für das Machtgefüge der damaligen Zeit, das auf der engen Verflechtungen von Kirche und Königtum beruhte, war das nicht hinnehmbar.

Das Onhemonkandire in der mystischen Sicht der Guarinis hängt zusammen mit ihrem Glauben an ein Land ohne Übel, an Iwi Maraê. Noch unlängst brachen die Guarinis auf der Grundlage dieses Glaubens zu einer Migration auf, die sie in verschiedene Regionen Südamerikas führte. Sie suchten Iwi Maraê, das irgendwo sein musste, in einer Gegend, die sie noch nicht erreicht hatten. Ihre Vorstellung erinnert an das Gelobte Land des jüdischen Volkes.

Viele Guarinis sahen die Unsterblichkeit, die es innerhalb des physischen Körpers zu erringen galt, als Unsterblichkeit des physischen Körpers selbst an, ähnlich wie viele Christen daran glauben, dass die Erwählten nach dem Jüngsten Gericht in ihren gegenwärtigen irdischen Körpern ewig leben würden.

Zur Auferstehung und zum ewigen Leben gab und gibt es innerhalb des Christentums sehr unterschiedliche Sichtweisen. Die Katharer befanden sich in Übereinstimmung mit gnostischen Richtungen des frühen Christentums, wenn sie die Berichte über das Leben Jesu als Symbole für den inneren Prozess ansahen, den jeder, der das ewige Leben anstrebt, zu durchleben hat.

Nach dem Brasilianischen Forscher Joene Saraiva lehrten die Perfekten (die Eingeweihten) der Katharer, dass “die geweihte Hostie nicht als der Körper Christi anzusehen sei und die Toten nicht in ihren irdischen Körpern auferstünden; dass Taufe und Heirat nicht zur Erlösung führten, und sie bekannten, dass ihr Glaube sich auf einen neuen Himmel und eine neue Erde beziehe”.

Auf Grund des Werkes von Kaká Werá, das die Weisheit der Guarinis bekannt machte, wurde deutlich, dass die Lehren über das Onhemonkandire auch symbolischen Charakter haben. Die Suche nach Iwi Maraê, der Erde ohne Übel, ist Sinnbild für den spirituellen Weg des Einzelnen zu seinem göttlichen Ursprung.

Es ist ein Weg, an dessen Ende die körperliche Form, arandu, zurückgelassen wird. Auferstehung bedeutet für die Guarinis ebenso wie für die Katharer das Erwachen eines neuen Bewusstseins, oder, anders gesagt, das Bewusstsein eines neuen, inneren Menschen, das nicht an die Grenzen des physischen Körpers gebunden ist. Es wird während des Lebens errungen, geht aber über die Horizonte des jetzigen Lebens weit hinaus.

Den Glauben, dass ein ewiges Leben bereits während des irdischen Daseins zu erringen ist, gibt es auch heute noch in unserem Kulturkreis: er lebt in den gnostischen Christen der Schule des Goldenen Rosenkreuzes fort, die in gewisser Hinsicht spirituelle Erben der Katharer sind. Die Suche nach dem Gelobten Land, dem Land ohne Übel, ist viel mehr als die Erwartung, dass eine Verheißung nach langer Zeit erfüllt werden wird. Es ist das Annehmen der Aufgabe der Wiedergeburt. Denn: “Wenn man nicht zuerst, noch bei Lebzeiten, die Auferstehung gewinnt, wird man im Tode nichts gewinnen”, heißt es im gnostischen Evangelium nach Philippus.

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