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Der Mythos der Pistis Sophia kehrt wieder

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Das Evangelium der Pistis Sophia gehört zu den wenigen gnostischen Schriften, die schon im 18. Jahrhundert erneut zum Vorschein gekommen waren. Eine englische Übersetzung erschien zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Carl Gustav Jung besaß ein Exemplar davon. Die Schriftfunde von Nag Hammadi aus dem Jahre 1945 werfen ein neues Licht auf die Pistis Sophia. Sie erscheint als die Vergegenwärtigung einer Geistkraft, die sich in unserem Leben im 21. Jahrhundert offenbaren kann.

Das spirituelle Leben in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung war vor allem auf die Lichtwelt gerichtet, die man Pleroma nannte. Dort wird der Lichtmensch geboren. Der Mensch, der wir sind, so lehren uns die Schriften, trägt einen Funken des ursprünglichen Lichtes des Pleroma in seinem Herzen. Hier liegt der Beginn eines Einweihungsweges, der ins Pleroma zurückführt.

Während der ersten Jahrhunderte nach Christus etablierte man ein Dogma, durch das die freie Entfaltung der Lehren des Lichts verhindert wurde. Das Licht schien zwar immer noch in die Dunkelheit hinein, aber die Fähigkeit, seine Botschaft innerlich zu verstehen, schwand allmählich. So wurden die Schriften der frühen Tage umgeschrieben. Sie wurden den Verständnismöglichkeiten angepasst und etwas, was immer möglich war, wurde auf ein einmaliges historisches Geschehen bezogen: auf einen Heiland, der außerhalb der anderen Menschen gelebt hatte.

Der Weg der Einweihung aus der Dunkelheit zum Licht wurde nur noch innerhalb der etablierten religiösen Ordnung als gangbar angesehen.

Zeitgenössische Forscher erklären uns, wie im Verlauf der ersten Jahrhunderte viele mythische Bilder verschwanden und vergessen wurden. Und den Mythos, dessen Lichtkraft damals in vielen Menschen aufgeleuchtet war, machte man zu einem einmaligen historischen Ereignis – so geschehen bei Jesus. Durch Vernichtung vieler Schriften geriet auch die Pistis Sophia in Vergessenheit. Sie trat zurück ins kollektive Unbewusste der Menschheit.

Durch die Funde können wir heute einen Teil der alten Schriften wieder studieren. Und wir können nun den Mythos der Pistis Sophia auf unsere Weise verstehen. In den Nag Hammadi Schriften wird diese Gestalt an verschiedenen Stellen als eine kreative spirituelle Kraft im Pleroma beschrieben, als Trägerin und Bewahrerin der Weisheit des Lichtmenschen.

Allerdings erschuf sie, wie die Schriften sagen, in einem bestimmten Moment ein Universum außerhalb der Lichtwelt des Pleroma. In ihm treten die Schatten auf und schließlich die Dunkelheit. In ihm entfaltete sich das Leben der Menschheit und wurde zu dem, was es heute ist.

Der Askew Codex, der das Evangelium der Pistis Sophia enthält, zeichnet von dieser mythischen Gestalt ein Bild, das eine Reaktion auf die entstandene Entwicklung darstellt. Das Evangelium berichtet von einer Seele, die sich von den Triebkräften des Lebens in der materiellen Welt befreit. Sie gelangt zu einem tiefen Verstehen, dass diese Welt vom Willen, Bewusstsein und von den Wünschen eines niederen Instinktes beherrscht wird. Die Pistis Sophia richtet sich auf das „Licht der Lichter“ und es gelingt ihr, sich von der Dunkelheit zu befreien und sich mit Jesus, dem Heiland, zu vereinen.

Der unter vielen Aspekten beschriebene Weg macht deutlich, welche Möglichkeiten in uns stecken. Wir können eine geistige Kraft in uns aktivieren nach einer Methode, die in der Sprache des Mythos dargestellt wird. Wichtig dabei ist, dass wir von dem ausgehen, was uns bereits bewusst geworden ist. Und immer, wenn wir ins Schwanken geraten, können wir die Pistis Sophia anrufen, die Quelle der Weisheit und des Vertrauens in unserer eigenen Tiefe. Das Wort Pistis verstehen wir als „Glauben“, das Wort Sophia als „Weisheit des Herzens“.

Im 21. Jahrhundert, in dem wir dynamisch mit den Energien arbeiten, die uns zur Verfügung stehen, messen wir unser Bewusstsein an den Realitäten. Sie führen uns vor Augen, was notwendig ist, um zur Vertiefung zu gelangen. Dazu gehört nicht nur Besinnung, sondern auch, dass wir uns dem, was uns entgegentritt,  mit einem empfänglichen, weisheitsvollen und auch staunenden Herzen nähern.

Das Leben so zu führen, wie es unserer wahren Natur entspricht, bedeutet, zu glauben, zu vertrauen, zu entdecken, berührt zu werden, zu staunen. Und einher geht damit, dass wir Dinge vergessen, erleiden, annehmen, Dinge aufs Neue entdecken, dass wir hinfallen und wieder aufstehen.

Wenn wir den ewigen Werten des Pleroma Einlass geben und versuchen, sie anzuwenden, entwickelt sich ein Bewusstsein, bei dem sich Grenzen auflösen und eine alles umfassende Liebe zum Grundton des Lebens wird. Der Mythos bleibt dann nicht im Mythischen, er wandelt sich zu einer aktiven geistigen Kraft, die Inspiration, Freude und Vertrauen in den inneren Lebensquell verleiht, der freigelegt ist.

So kehrt die Pistis Sophia wieder, im 21. Jahrhundert.

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