Buddha

Buddha's Nirvana und christliche Gnosis Teil 2

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Bodhi, das „Erwachen“, ist das, was der Siddhattha Gotama (Sanskrit: Siddharta Gautama) unter dem Feigenbaum in Uruvelā (nahe dem heutigen Gayā) erfuhr. Weder das Lesen brahmanischer Schriften noch strenge Askese hatten ihn dazu geführt. Aber die Sehnsucht nach Erlösung war so stark in ihm, dass er nicht aufhörte danach zu streben. Der Gnostiker ist von der gleichen Sehnsucht nach der Vereinigung mit der allumfassenden Liebe erfüllt. In dieser Hinsicht ist er eins mit dem Mystiker. Im späteren Buddhismus wird von der Buddhanatur gesprochen, dem Zustand des Nibbāna, der vollkommenen Verschmelzung mit dem Letztendlichen, oder, wie der Gnostiker sagen würde, die Vereinigung des aus der Asche auferstandenen Phönix, der Geistseele, mit dem ewigen Geistfeuer. Der Gnostiker erwacht immer wieder neu infolge des Prozesses der Heilwerdung. Es ist ein geistiges Durchbrechen des alten Korsetts der Muster, es ist Auferstehung aus der Asche der Dialektik. Der Zweifel aber soll ein ständiger Wegbegleiter sein! „Darum prüfet alles, das Gute behaltet!“ lautet ein Kernsatz der Universellen Philosophie. Gleichermaßen ist er auch auf dem buddhistischen Weg ausdrücklich erwünscht!

Alle karmischen Bindungen lösen sich während dieses Prozesses. Das ist auch das höchste Ziel im Buddhismus. Wenn kein Karma mehr erzeugt wird, dann verursachen die Handlungen keine Spuren mehr in der Welt. Der Saṃsāra, oder gnostisch gesprochen, die „Welt der Dialektik“, der aufeinander wirkenden Dualitäten, beinhaltet ein beständiges Wandern: Geburt, Werden und Vergehen lösen einander ununterbrochen ab. Nichts bleibt, nichts ist beharrend, alles ist vergänglich. Alle Wesen sind in diesem Kreislauf gefangen und gebunden durch Karma, d. h. durch ihre Taten, Gedanken und Emotionen, Wünsche und Begierden. Das gilt es zu erkennen und zu überwinden!

Auf dem Pfad geht es –  sowohl im Buddhismus wie auch auf dem gnostischen Einweihungsweg – immer wieder um die Übung der Achtsamkeit, d.h. ganz im Hier und Jetzt zu sein, alles klar und bewusst wahrzunehmen, die Situationen, in denen man sich gerade befindet, wie auch die Personen, mit denen man zu tun hat, und diese nicht zu beurteilen. So erlangt man Erkenntnis, ein Wissen, das nicht mehr das Verstandesbewusstsein ist, sondern ein Wissen höherer Art, das in den Bereich der Weisheit und Wahrheit fällt und das letztlich im Herzen, in der Rose, im Christuslicht, in der Buddhanatur gegründet ist. Dieses „Denken mit dem Herzen“, wie es der Gnostiker ausdrückt, geschieht allmählich durch einen Persönlichkeitswechsel im Prozess der „Transfiguration“.[1] Dabei bildet sich zuerst ein neues seelisches „Fahrzeug“, danach wird das ganze körperliche System des Menschen neu erschaffen. Diese Verwandlung wird im buddhistischen Sutta „Über die Frucht des Asketentums“ dargestellt; aus dem Willen des (erneuerten) Herzens gestaltet der Mensch seinen neuen, unsterblichen Körper und zieht ihn „wie ein Schwert aus der Scheide“. [2]

„Lebe im flammenden Heute wie in einem täglichen Fest!“ Das ist der Aufruf des Gnostikers an den Menschen! Nur im Jetzt ist letztendlich die Wahrheit, nur das „flammende Jetzt“ ist das Heilige, das allein Heilende. Vergangenes und Zukünftiges sind leblose Schatten, Gedankenkonstrukte des Ichs, Schatten, wie das Ich selbst.

Tiefes liebevolles Erbarmen, das wahre Mitgefühl ist die Frucht, die aus diesem Urquell gespeist wird. Sowohl ein Bodhisattva des Mahāyāna Buddhismus wie auch ein Gnostiker können nun wahrhaft dem Mitmenschen auf rechte Weise dienen. Sie erinnern ihn an den inneren Auftrag, der keimhaft in jedem Menschen angelegt ist; es ist der Ruf heimzukehren in die wahre göttliche Heimat. Wenn Christus, die „Rose“ im eigenen Inneren, zu leuchten beginnt, wird der Prozess der Befreiung in Gang gesetzt. Der Fuß ist dann auf den Pfad gestellt.

 

 


[1] Catharose de Petri, die Mitbegründerin der Geistesschule, beschreibt Transfiguration als „eine gnostische Methode zum Vollbringen des Endura, das ist das vollkommene Ersetzen des sterblichen, abgetrennten, erdgebundenen Menschen durch den ursprünglichen unsterblichen, göttlichen Menschen, den wahren Geistmenschen, dem göttlichen Schöpfungsplane gemäß“, in: Catharose de Petri: Transfiguration, Haarlem: Rozekruis Pers, 1995, S. 9.

[2] Karl Eugen Neumann: Die innere Verwandtschaft buddhistischer und christlicher Lehren. Zwei buddhistische Suttas und ein Traktat Meister Eckharts, Leipzig 1891

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