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Zahlen erzählen die Geschichte des Lebens Teil 2

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Zum Teil 1

Die Eins

Mit der Eins beginnt die Schöpfung, aus der Eins gebiert sich die Welt. Die Eins ist der erste Energieimpuls, der erste Strahl, der aus dem Urgrund, der Leere hervorbricht. Die Eins symbolisiert den Willen des Vaters und entspricht dem Ur-Ton, dem ersten Schöpfungswort, aus dem sich die ganze Schöpfung entfaltet und offenbart.

Der Anfang tritt aus der zeitlosen Urverborgenheit hervor als ein formloser Funke.

Nicht weiß war er, nicht schwarz, nicht rot oder grün, noch überhaupt von irgendeiner Farbe. Erst als er Raum und Ausdehnung annahm, brachte er Farben hervor, und ganz im Inneren des Funkens brach eine Quelle auf, aus der Farben auf alles Untere herabströmten

so lesen wir im Sohar (Bd. 1, S. 63 ff), einem Werk der Kabbala.

Aus der Eins gebären sich alle Zahlen, in ihr sind sie beschlossen, von ihr werden sie umfasst. Im Tao Te King, dem chinesischen Weisheitsbuch, heißt es:

Aus Tao entsteht Eins, Eins erzeugt Zwei, Zwei erzeugt Drei, und aus Drei entstehen die zehntausend Dinge.

Die Eins stellt die Qualität der Einheit, der Ungeteiltheit dar. Zugleich repräsentiert sie die Einsicht. Einsicht bedeutet, die Einheit aller Dinge hinter der Vielheit der Welt zu erkennen.

Darin zeigt sich, dass das Verstehen der Eins, die Rückkehr zur Eins, der schwierigste und letzte Schritt ist, den der Mensch gehen kann. Hier findet er sein höchstes Ziel und den Sinn seines Daseins.

Die Einheit zeigt sich für unseren Geist auf zwei Arten: sowohl geistig als auch stofflich, sowohl verborgen als auch geoffenbart. Materie ist in ihrer Ausdehnung ebenso unermesslich wie der Raum. Sie wird nur in den unterschiedlichen Zusammenfügungen und Kombinationen sichtbar. Ähnliches gilt für das Licht: Wenn es kein Dunkel gäbe, wäre das Licht nicht sichtbar. Wenn es kein Licht gäbe, wäre die Dunkelheit formlos und nicht wahrnehmbar.

Auch „Gutes“ kann man nur als solches empfinden, wenn das „Böse“ ebenfalls existiert. 

Die Eins trägt also die Möglichkeit der Zwei in sich, es sind zwei Pole in ihr angelegt. Mit Hilfe der Polarität, der Gegensatzpaare, wird es erst möglich, etwas zu bezeichnen.

Die Zwei

Und er schied das Licht von der Finsternis, und er nannte das Licht Tag, und die Finsternis Nacht

so heißt es in der Genesis. Die Zwei ist Ausdruck der Erscheinung der Welt im Bewusstsein des All-Einen.  Die Form und die Art und Weise, in der die Welt erscheint, sind die der Polarität und der Vielfalt. Das Leben pendelt zwischen Gegensätzen (hell – dunkel, warm – kalt, laut – leise, plus – minus, Nordpol – Südpol, Liebe – Hass ….) und behauptet sich durch sein Gleichgewicht. In der östlichen Weisheit wird das durch das Symbol des Yin und Yang dargestellt. Obwohl Gegensätze, sind beide Pole stets nur zwei Seiten des einen Seins. Ihre Einheit liegt in ihrem Ursprung begründet.

Der Urimpuls der Schöpfung besteht also in der Teilung oder Polarisierung der Eins. Das Auseinandertreiben der beiden Pole der Einheit bewirkt Spannung, Bewegung und damit Leben. Denn in ihrem Getrenntsein streben die Pole wieder zusammen. Das Eine will wieder in Erscheinung treten. Durch die dualen Erscheinungsformen der geschaffenen Welt entstehen Kraft und Bewegung. Gedanken, Dinge und Schwingungen streben in zwei Richtungen: entweder auseinander oder in die Richtung der Vereinigung im Ursprung.

So wirken im Universum zwei Ur-Kräfte: die der Polarisierung und Differenzierung einerseits und die der Einung und einer hieraus folgenden Neuschöpfung andererseits. Das gilt für die gesamte Natur und ebenso für die Seele des Menschen.

In der Auseinandersetzung mit der uns so gut bekannten Polarität von Mann und Frau und von Männlich und Weiblich können wir lernen, Wesentliches und Wahres von Äußerlichem und Vergänglichem zu unterscheiden. Auf diese Weise gelangen wir zu einer höheren Erkenntnis. Sie lehrt uns, Zwei-fel, Zwie-tracht und Ver-zwei-flung  zu überwinden, loszulassen und die beiden Pole erneut in die höhere Einheit einzufügen.

„Du musst verstehn!“, sagt die Hexe in Goethes Faust,

Aus Eins mach Zehn,

und Zwei lass gehn,

Und Drei mach gleich,

so bist du reich.

- Faust, Goethe

Die Worte „Zwei lass gehn“ wollen wir hier hervorheben.

Die Drei

Die Spannung zwischen der Eins und der Zwei und ebenso die Spannung innerhalb der Zwei zwischen Männlich und Weiblich, Oben und Unten, Gut und Böse ... wird durch die Drei erlöst. Die Drei ist das Prinzip der Bewegung, Dynamik, des Ausgleichs, der Verbindung, die Zahl des Wieder-Findens und der Rückkehr. Sie ist die Zahl der Überwindung der Gegensätze.

Deshalb setzen die Chinesen sie ebenfalls mit Tao gleich. Tao entspricht der Eins und der Drei, es umfasst beide Pole, enthält Yin und Yang und ist seinerseits in beiden enthalten. In der christlichen Terminologie kann man sagen: Von Vater und Mutter wird der Sohn erzeugt, der den Zustand von Bewusstsein und Licht darstellt und offenbart.

Auf unser alltägliches Leben übertragen bedeutet dies, dass die Spannung zwischen zwei Polen  nur gelöst werden kann, wenn man sich nicht in den dualistischen Beschränkungen verfängt, sondern einen überblickenden Standpunkt, eine neue Ebene der Betrachtung einnimmt.

Das Symbol dieses Erkenntnisvorgangs ist das gleichseitige Dreieck.

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Einer Strecke liegt eine Spitze gegenüber, die in die Richtung eines höheren, transzendenten Zieles weist. Das gleichseitige Dreieck stellt die einzige geometrische Struktur dar, die aus ihrer Geometrie heraus nicht bewegt werden kann. Man kann sie nicht ins Rollen bringen. Dadurch symbolisiert sie eine Stabilität und Stärke, die von keinem anderen Vieleck erreicht werden kann.

Mit der Drei wird ein Geburtsvorgang eingeleitet, aus dem eine neue Dimension, eine neue Ebene der Betrachtung entsteht. In vielen Religionen wird der oberste Schöpfer als dreifältig dargestellt: in der christlichen Tradition als Vater, Sohn und Heiliger Geist, in der indischen als Brahma, Vishnu und Shiva.

Erwachend aus dem paradiesischen, jedoch unbewussten Urzustand der Einheit, müssen wir die Welt der Zweiheit und der Illusion durchlaufen, um zu einer neuen und diesmal bewussten Einheit mit dem Geist in der Drei aufzusteigen.

Der Dreierschritt von Eins, Zwei, Drei stellt ein fundamentales Muster des Entwicklungsweges dar, das sich im Großen wie im Kleinen, in der Schöpfung insgesamt wie im Persönlichen, Individuellen in allen Phasen des Werdens widerspiegelt: Aus der Einheit geboren, geht die Seele durch Trennung, Zweifel, und Krisen hindurch, um zu Erkenntnis und Wachstum zu gelangen und so zur Einheit zurück zu finden. Immer wieder folgt nach einer erreichten Einung eine erneute Polarisierung, um uns durch ihre neue Thematik wiederum vor eine neue Aufgabe, eine neue Stufe des Bewusstseins zu stellen.

Dieses Prinzip besagt, dass nichts verloren geht, dass die Existenz der Polarität zu keiner Vernichtung, sondern zu einem höheren Sein führt, in dem Erfahrung, Liebe und höheres Bewusstsein enthalten sind. Voraussetzung hierfür ist, dass wir die Herausforderungen annehmen und durchleben. In dem Maß, in dem das Bewusstsein wächst, wächst auch unser Seelenprinzip.

 

Zum Teil 3


Quelle:

Michael Stelzner, Die Weltformel der Unsterblichkeit. Vom Sinn der Zahlen, 1996

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