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Philosophie in Zeiten der Bedrängnis - Teil 3

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Nach Teil 2

 

In der Krise: Entscheide ich oder bin ich?

Es ist nun schon oft gesagt worden: Eine Krise bietet die Möglichkeit eines persönlichen und auch kollektiven Bewusstseinswachstums. Sie bedeutet einen Umbruch und nimmt dem Ich etwas von seiner Macht. 

Denken wir in diesem Zusammenhang an die etymologische Bedeutung des Wortes Krise. Es leitet sich von dem griechischen krino ab, was soviel bedeutet wie „ich habe mich entschieden" oder „es ist für mich entschieden". Nun scheint es auf den ersten Blick so, als ob das Ich in solch dramatischen und verwirrenden Zeiten eigentlich keine große Wahl hat. Es stellt sich sogar die Frage, ob es in Zeiten der Krise überhaupt Freiheit oder endgültige Entscheidungen gibt, die das Ich treffen kann.

Auch von einem „Sucher auf dem Weg“ kann eine Krise das Äußerste verlangen. Das innere Gleichgewicht wird größter Anspannung unterworfen, wenn zum Beispiel eine Pandemie die wirtschaftliche und finanzielle Situation bedroht – durch den möglichen Verlust des Arbeitsplatzes oder Geschäftsausfälle.

In der jüngeren Geschichte hat es Krisensituationen gegeben (oder gibt es sie weiter), die in ihren Auswirkungen mit der gegenwärtigen Pandemie vergleichbar sind: die Spanische Grippe, die Finanzkrise, der Klimawandel, um nur einige zu nennen.  Die positiven Veränderungen, die sich aus solchen Krisen hätten ergeben können, blieben aber aus, weil das Ich weiterhin das Sagen hatte. So blieb alles beim Alten. Ein Spruch aus dem Volksmund bringt das schön zum Ausdruck:

„Sie tranken ein Glas, sie pinkelten, und alles blieb, wie es war.“

Der bulgarische Philosoph Peter Deunov (1864-1944) erklärte, dass jede Krise den Menschen in spiritueller Hinsicht vor eine Weggabelung stellt. Man kann sagen, sie öffnet die Tür für eine neue Möglichkeit, eine neue Richtung.

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte die Seele sich aufgrund der Dominanz des Ichs nicht entfalten; sie blieb wie eine Knospe geschlossen. Nun jedoch, unter dem Einfluss der Krise, kann das Ich beiseite geschoben werden und die Seele die Möglichkeit erhalten, aus dem Schlaf zu erwachen. Deunov nennt dies „das Hervortreten und Aufblühen der menschlichen Seele“ – eines der bedeutsamsten Ereignisse im Universum.

Peter Deunov weist auch auf den Ursprung des Wortes „Ich" hin, auf den er durch seine Studien über die Ostgoten stieß, die im heutigen Bulgarien lebten. Ihr Bischof Wulfila (311-383) erstellte die erste Bibelübersetzung aus dem Altgriechischen ins Gotische. Es ist ein Dokument, das Aufschluss gibt über den Ursprung der germanischen Sprachen. Wulfila kam darin zu dem Schluss, dass das gotische Wort Ik sich von den Anfangsbuchstaben von Iesu Krist (Jesus Christus) herleitet. Aus diesem Ursprung entwickelten sich das deutsche Ich, das englische I und das niederländische Ik. Daher ist es wohl auch kein Zufall, dass im Englischen das I mit einem Großbuchstaben geschrieben wird.

Wer der Kraft des Christus die Möglichkeit gibt, in ihm zu sprechen, und wer sich dazu entscheidet, dieser Stimme zu folgen, geht einen anderen Weg als der, der von seinem Ego getrieben wird. Ein solcher Mensch verhärtet sich nicht, wenn sein persönliches Überleben in Frage gestellt wird, sondern strahlt durch Akzeptanz und Einsicht eine ruhige und harmonische Kraft aus, die verbindende Kraft der Liebe.

Iesu Krist bringt nicht den Weg des „Ich bestimme über meine Zukunft" in diese Welt der Bedrängnisse, sondern die Kraft der Hingabe des Selbst, der Ichlosigkeit. Es ist eine Kraft, die nicht von dieser Welt ist, und die eine Brücke schlägt zwischen der steinharten Ich-Zentriertheit und der aufblühenden Göttlichen Seele im Menschen.

Diese Kraft Christi wird im Johannesevangelium durch die Worte ausgedrückt:

Ich bin das Brot des Lebens (6, 35)

Ich bin das Licht der Welt (8, 12)

Ich bin die Pforte für die Schafe (10, 7)

Ich bin der gute Hirte (10, 11)

Ich bin die Auferstehung und das Leben (11, 25)

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (14, 6).

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