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Platon – die sterbliche und die göttliche Seele im Menschen

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Der griechische Philosoph Platon, 428/427 v. Chr. in Athen geboren, stammte aus einem adeligen Geschlecht. Einige nahe Verwandte von ihm waren Mitglieder in Führungsgremien der oligarchischen Tyrannis in Athen sowie der darauf folgenden wiedererrichteten Demokratie. Platon selbst entschied sich gegen eine politische Laufbahn. Wie Aristoteles berichtet, war Platon zuerst ein Anhänger der Lehre des Herakliteers Kratylos. Ab dem jungen Erwachsenenalter wurde er Schüler von Sokrates. Er war bestrebt, ein tugendhaftes und gottgefälliges Leben zu führen, in dem Gerechtigkeit und die Verwirklichung des göttlich Guten an erster Stelle standen.

Einen zentralen Stellenwert in Platons Werk hat die Seele. Sie ist es, die den Menschen dem Göttlichen näherbringt, die unsterblich ist und sich so lange reinkarniert, bis der Menschen wieder mit seinem göttlichen Ursprung verbunden ist. Im Timaios, dem Spätwerk Platons, erfahren wir von der Entstehung der Schöpfung einschließlich der Seele. Zuerst schuf der immer seiende Gott den immer werdenden Gott in Form einer Kugel, das heißt unsere ursprüngliche göttliche Erde. Sie ist ein lebendes Wesen, ein sich immer wandelnder Gott. In ihre Mitte senkte er die Weltseele ein. Erst in einem weiteren Schritt formte er aus der Weltseele die menschlichen Seelen.

Um die Weltseele zu schaffen, mischte er aus dem „unteilbaren, keinem Wechsel unterworfenen Sein und dem teilbaren, in den Körpern werdenden [Sein] … aus beiden eine dritte Gattung des Seins“. [1]Diese drei Bestandteile – des unteilbaren Seins, des teilbaren Seins und des Seins aus der Verbindung zwischen beiden – mischte er wiederum mehrfach jeweils in verschiedenen Verhältnissen zu einer Idee zusammen. Aus ihr bildete er die Weltseele.

Im nächsten Schritt erfolgte die Erschaffung des Menschen und der menschlichen Seele. Dabei setzte der ewige Gott den menschlichen Körper aus Feuer, Wasser, Luft und Erde zusammen und versah seine Schöpfung mit einer menschlichen Seele, indem er die übrig gebliebenen Teile der Weltseele wieder in denselben Verhältnissen wie zuvor mischte und daraus die menschliche Seele erschuf. Er überließ es den jungen, nur bedingt unsterblichen Göttern, den Körper des heutigen Menschen zu formen. Diese umgaben die unsterbliche Seele mit einem sterblichen Leib und fügten zudem eine sterbliche Seele hinzu, die mit Begierden, Leidenschaften, Schmerz, Furcht, Erzürnen sowie mit Sinneswahrnehmungen versehen war.

Somit wurde die unsterbliche Seele an einen sterblichen Körper mitsamt einer sterblichen Seele gefesselt. Für die unsterbliche Seele formten sie den Kopf als kugelförmigen Körper, der der von Gott erschaffenen göttlichen Erde gleicht. Die sterbliche Seele hingegen trennten sie durch den Hals von diesem göttlichen Sitz und verbannten sie in den Brustkorb. Den begierigen und nach Nahrung verlangenden Teil der sterblichen Seele wiesen sie dem Bauchbereich zu. Da dieser Bereich der Vernunft und Einsicht nicht zugänglich war, verliehen sie der Leber die Sehergabe, damit der Mensch beim Schlafen mit der göttlichen Wahrheit in Berührung kommen könne. 

Die Seele des Menschen ist nach Platon somit zweigeteilt: sie hat einen göttlichen, unsterblichen Anteil und einen irdisch, sterblichen. Der Mensch ist in aller Regel jedoch ganz mit dem irdischen, sterblichen Anteil der Seele verbunden und identifiziert sich mit ihm. Dies bedeutet, dass er nicht nur seinen Begierden folgt, sondern auch von der göttlichen Welt abgeschnitten ist und diese nicht erkennen kann.

Platon bringt dies in seinem berühmten Höhlengleichnis zum Ausdruck, in dem er den Menschen in einer Höhle sitzend sowie an Beinen und Nacken gefesselt darstellt, so dass der Kopf nur in Richtung der hinteren Höhlenwand blicken kann. Die Höhle wird von einem Feuer erhellt. Zwischen diesem und den gefesselten Menschen werden Gegenstände vorbeigetragen, die der Mensch jedoch nur als Schattengebilde wahrnimmt. Wie die Dinge eigentlich beschaffen sind, kann er nicht erkennen. Diese Schattenbilder sind für uns Menschen die sichtbare Welt. Durch die Seele können wir nach Platon Erkenntnis erlangen. Die sterbliche Seele, die nur die Schattenbilder wahrnimmt, ist jedoch nicht in der Lage wirklich zu erkennen, sondern sie kann nur Vermutungen anstellen.

In seinem Liniengleichnis beschreibt Platon eine nächste Stufe der Erkenntnis. Er vergleicht die Wahrnehmung unserer Welt nun mit den Spiegelbildern auf der Wasseroberfläche. Auf dieser Stufe kann der Mensch die Dinge mit seinen Sinnen klarer und differenzierter sehen. Er hat zwar noch kein wirkliches Wissen über das Gesehene, bildet sich aber Meinungen darüber.

Erst wenn die sterbliche Seele sich in die Richtung des Geistes, des nous wendet, wird sie zur erkennenden Seele, die das Gesehene zu erforschen beginnt, indem sie durch Hypothesen und logisches Denken die Welt zu verstehen beginnt. Dabei hat der Mensch durch die Verbindung mit dem Geist bereits Zugang zur Ideenwelt, der Welt, die dem ursprünglichen göttlichen Leben entspricht. Im Höhlengleichnis zeigt Platon das Erreichen der Ideenwelt dadurch, dass die Menschen die Höhle verlassen und sich langsam an das Licht der Sonne adaptieren. Jetzt können sie die Ideen erkennen, die hinter den Dingen stehen und in dieser Denkschule eine höhere Realität besitzen als die physischen Dinge selbst. Sie werden mit Hilfe der unsterblichen Seele als Urbilder des eigentlichen Seins vom reinen Denken erfasst. Zudem ist auf dieser Stufe die Seele mit Vernunft begabt. Vernunft ist die Instanz, die uns anzeigt, was richtig oder falsch ist im Sinne eines inneren ethischen Kompasses, der auf den Gesetzen des Geistes basiert.

Wahre Erkenntnis bekommt der Mensch jedoch erst dann, wenn seine Seele nicht nur die Ideenwelt wahrnehmen, sondern auch zum voraussetzungslosen Urgrund vordringen kann. In diesem Urgrund ist der göttliche Urbeginn zu finden, der Beginn der göttlichen Schöpfung. Erst hier eröffnet sich dem Menschen die reine göttliche Welt.

Wie kann nach Platon der Mensch diese Erkenntnis der göttlichen Schöpfung erreichen? Er muss sich zu dieser göttlichen Welt hin entwickeln. Platon geht vom idealtypischen Philosophen aus, der seine Seele von der Verstrickung mit der irdischen Welt abkehrt und sich der göttlichen Seele zuwendet, indem er tugendhaft lebt, nach dem Guten an sich strebt und seine irdische Seele läutert. Wie anfangs angeführt, kennt nur die sterbliche Seele Schmerz, Zorn und Begierden. Die ursprünglich göttliche Seele verweilt im Bereich des Guten, das Platon in seinem Sonnengleichnis mit dem Licht der Sonne gleichsetzt. Die Seele wird hier mit der Sonne verglichen. So wie erst das Licht der Sonne dem Auge die Wahrnehmung der Gegenstände ermöglicht, ermöglicht das Gute der Seele erst die Erkenntnis der wahren Welt.

Somit geht es bei der Erkenntnis des Urgrundes nicht um ein analytisches Erfassen, sondern es ist eher ein Schauen und Verweilen in der Ideenwelt bei einem gleichzeitigen intuitiven Verstehen der ursprünglichen Schöpfung. Die Verwirklichung des Guten muss dabei zum Seinszustand geworden sein. Dann erschließt sich dem Schauenden die Wahrheit, die hinter den Ideen steht. Gemeint sind nicht Ideen, wie wir sie mit unserem Denken formen. Die Ideen, die Platon meint, sind die eigentliche Wirklichkeit. Sie sind die lebendigen Urbilder, die bestehen bleiben, auch wenn die einzelnen Dinge vergehen. Hierzu zählen auch die Urbilder von den Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Liebe sowie die Idee vom Leben an sich und unserer Schöpfung. „Diejenigen aber, deren Leben als durchaus Gott wohlgefällig erfunden wird, die sind es, die mit diesen unterirdischen Stätten [unserem jetzigen Ort auf der Erde] nicht in Berührung kommen und von ihnen befreit bleiben wie von Gefängnissen, indem sie nach jener reinen Wohnstätte gelangen und auf den Höhen der Erde sich ansiedeln. Von diesen selbst aber leben die, welche sich durch Philosophie geläutert haben, körperlos durch alle künftige Zeit fort und gelangen in Wohnstätten, die noch herrlicher sind als die genannten; sie zu schildern ist aber nicht leicht und in der noch zu Gebote stehenden Zeit nicht möglich.“ [2]

 

Literatur:

Erler, Michael: Platon, C.H. Beck Verlag, München 2006.

Platon, Der Staat (Politeia), Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 1982.

Platon, Sämtliche Werke, Bd 4, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbeck bei Hamburg, 25. Aufl. 2019.

Platon, Von der Unsterblichkeit der Seele (Phaidon), Anaconda Verlag GmbH, Köln 2018.

 


[1]             In: Platon, Timaios, Sämtliche Werke Bd. 4, S. 33.

[2]             In: Platon, Von der Unsterblichkeit der Seele (Phaidon), S. 120.

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