Till Eulenspiegel

Seele im Wunderland

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„Aber ich habe keine Lust, Verrückte zu besuchen“, wandte Alice ein.

„Oh, das lässt sich nicht vermeiden!“ Die Katze grinste.                     

„Hierzulande ist jeder verrückt. Ich bin verrückt. Auch du bist verrückt.“

„Woher weißt du, dass ich verrückt bin?“

„Sonst wärst du nicht hier“, antwortete die Katze.

                                                                            Lewis Carroll, Alice im Wunderland

Als Kind hat mich die Geschichte des kleinen Mädchens Alice fasziniert, die eines Tages durch den Schacht eines Kaninchenbaus fällt und sich unversehens in einer wundersamen Welt wiederfindet, deren groteske Bewohner absurde Verhaltensweisen an den Tag legen: Da ist etwa der verrückte Hutmacher, dessen Leben eine fortwährende Teeparty mit höchst eigenartigen Tischregeln ist; oder da sind pompöse, machthungrige Monarchen, die ihren Untertanen das Leben zur Hölle machen und dabei gar nicht merken, dass sie in Wahrheit nichts weiter als zweidimensionale Spielkarten sind. Selbst die kluge und vernünftige Alice verliert in dieser „verkehrten“ Welt bald die Orientierung. Hilfesuchend wendet sie sich an die Katze:

„Würdest du mir bitte sagen, welchen Weg ich einschlagen muss?“ „Das hängt in beträchtlichem Maße davon ab, wohin du gehen willst“, antwortete die Katze. „Oh, das ist mir ziemlich gleichgültig“, sagte Alice.Dann ist es auch einerlei, welchen Weg du einschlägst“, meinte die Katze.

Ein Traum?

Immerhin, Alice erwacht am Ende der Geschichte, um festzustellen, dass alles nur ein Traum war. Das würde sich wohl mancher moderne Zeitgenosse, der sich mit dem merkwürdigen Gebaren seiner Mitmenschen und einer oft wahnwitzig erscheinenden Welt konfrontiert sieht, auch wünschen! Unser Planet befindet sich in akuter Gefahr, aus einem bereits prekär gewordenen Gleichgewicht zu kippen, unzählige Menschen sind in katastrophalen Schauplätzen der Gewalt und Zerstörung gefangen, verlieren ihre Existenzgrundlage, fürchten um ihre Gesundheit, vereinsamen in epidemischem Ausmaß, geraten aus ihrem inneren Gleichgewicht, erkranken körperlich und auch psychisch.

Droht uns eine weitere „Welle“, die das bereits seit langem mehr oder weniger latent vorhandene psychische Elend an die Oberfläche spült? Inmitten einer Flut von aktueller medialer Berichterstattung zu diesem Thema findet sich zum Bespiel folgende Aussage von Miriam Prieß (Resilienz-Coach und Unternehmensberaterin aus Hamburg): „Der Leidensdruck ist enorm, die Therapie- und Behandlungsplätze sind überlaufen. Die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Probleme hat sich in zehn Jahren mehr als verdoppelt.“ (in: FOCUS 29/2019) Laut einem bereits vor der Corona-Krise veröffentlichten Artikel (in: Die Zeit, November 2019) „erkranken 400.000 bis 800.000 Bundesbürger mindestens einmal im Leben an den Wahnvorstellungen oder Gefühlsstörungen einer Schizophrenie“. Die weltweiten Statistiken sind alarmierend.

Leben wir also in einer zunehmend kranken, närrischen Welt, in der die Menschen keine Peilung, keinen „Plan“ mehr haben? Oder lassen wir uns zum Narren halten?

Menschen, die in unserer Gesellschaft mehr oder weniger „normal“ und unauffällig funktionieren, sind vermutlich geneigt, sich für seelisch „gesund“ zu halten. In einer gesunden Abwehrreaktion distanzieren sie sich von Mitmenschen, die der allgemein anerkannten Norm nicht entsprechen, die bizarre Verhaltensweisen an den Tag legen, deren Erleben von Realität dem der Mehrheit nicht entspricht oder sogar zuwiderläuft. Eine derartige Unangepasstheit irritiert uns und erscheint uns vielleicht sogar in dem Maße als bedrohlich, in dem wir ahnen, dass die Grenzschicht, die unser Normalbewusstsein vom psychisch Abnormen und Kranken trennt, in Wahrheit sehr viel dünner ist, als uns lieb ist.

Einladungskarte zu einem magischen Theater

Wie der Steppenwolf in Hermann Hesses gleichnamigem Roman könnten wir jedoch eines Tages eine Einladungskarte zu einem magischen Theater erhalten und uns unversehens in einem tausendfältigen Spiegelkabinett den Zerrbildern und Abgründen unserer eigenen psychischen Natur gegenübergestellt finden.

Mussten nicht auch die Helden im archaischen Mythos dem Ungeheuer der eigenen Wesensnatur unerschrocken entgegentreten, in das beängstigende Dunkel der Unterwelt hinabsteigen, aus einem unentrinnbaren Labyrinth den einen Ausweg finden?

Who is the Clown? Who is the Fool?

Which one knows he’s playing? Which one is lost in the game?

(Wer ist der Clown? Wer ist der Narr?

Wer von euch weiß, dass er sich in einem Spiel befindet?

Wer von euch hat sich in dem Spiel verirrt?)

                                                                                      Eric Burdon

Die Spielkarte des Narren

Ein weiteres Bild steigt in mir auf, das mir einen Einblick in eine archetypische Welt gewährt: Es ist die Spielkarte des „Narren“ aus dem Rider-Waite-Tarot. Durch viele, manchmal abenteuerliche, manchmal einsame, manchmal gefahrvolle Wegstrecken meines Lebens hat sie mich als inneres Bild begleitet.

Die Karte zeigt einen jungen Mann in recht ausgefallener, bunter Kleidung, der einen naiven und verträumten Eindruck erweckt. Ein weißer Hund folgt ihm auf den Fersen. Es ist nicht klar ersichtlich, ob der Hund den Wanderer mit seinem Gebell warnen will, oder ob er ihn verfolgt und in die Wade beißen will. (Steht das Tier etwa sinnbildlich für die animalische Natur eines Menschen, der im Begriff ist, die Grenze des Naturgesetzmäßigen zu überschreiten?) Das Bündel, das der Jüngling über der Schulter trägt (enthält es Altlasten, letzte Reste an weltlicher Habe?), ist nicht allzu groß und erschwert ihm nicht das Fortkommen. Doch wohin geht der junge Wandersmann? Den Blick in lichte Höhen gerichtet – die Sonne scheint freundlich auf ihn herab – scheint er gar nicht zu bemerken, dass er von schroffen Felsen umgeben ist und in seiner beschwingten, tänzerischen Pose bereits hart an einem steilen Abgrund steht!

Ohne Zweifel befände sich der so einsam und weltfremd Erscheinende in großer Gefahr – wäre da nicht die weiße Rose, die er in anmutiger Geste in der Hand hält. Es ist diese Rose, dieses magische Zeichen, durch das der Betrachter mit Gewissheit erkennt, dass dem Narren nichts passieren wird, das ihn ernstlich in Gefahr oder von seinem Weg abbringt. In seiner Selbstvergessenheit scheint er frei zu sein von der Anhaftung an den Körper und die irdische Welt. Dies mag der Grund sein für seine Furchtlosigkeit und seine tatsächliche Unverwundbarkeit. Andererseits mag seine Einsamkeit daher rühren, dass die Menschen, die zur irdischen Welt gehören, sein wahres Wesen nicht zu erkennen vermögen und ihn zum Außenseiter werden lassen.

Der Karte „Der Narr“ ist im Tarot die Zahl Null zugeordnet. Dabei ist nicht eindeutig festgelegt, ob sie am Beginn des Weges durch die 21 großen Arkanen oder an deren Ende steht. Was ist denn eigentlich ein „Narr“? Welche Rolle spielt er? Was ist er seinem innersten Wesen nach?

Narr Gottes

Ich möchte diese geheimnisvolle Figur gern noch etwas näher betrachten. Dem Archetyp des weisen Narren begegnen wir in allen Kulturen dieser Welt. Gerade auf Grund seiner isolierten gesellschaftlichen Stellung hat er Zugang zu Erkenntnissen und Erfahrungen, die dem gewöhnlichen Menschen verschlossen bleiben.

Interessanterweise glaubte man in früheren Zeiten, dass Verrückte in besonderer Weise von Gott begnadet, sogar heilig seien. In jedem Falle weist die Figur des Narren in auffälligem Maße Eigenschaften wie Mut, Originalität und Experimentierfreude auf. Seine Unangepasstheit gründet sich auf einer ausgeprägten Intuition sowie der Fähigkeit, Instinkt und Imagination in Einklang zu bringen.

In früheren Zeiten durfte allein der Hofnarr dem Herrscher Paroli bieten. Er konnte Widersprüche und Wunden offenlegen und Wahrheiten verkünden, die jeden anderen den Kopf gekostet hätten. Somit verfügt der Narr über eine weitere Gabe von sehr erhabener und befreiender Art: Er hat Humor.

Es ist bekannt, dass viele spirituelle Lehrer es verstanden, Weisheit mit Witz zu verbinden. So hielten sie ihre Schüler oft zum Narren, um ihnen bestimmte Einsichten und Lektionen zu vermitteln. Im Sufismus spielt der Narr – neben den Archetypen des Tänzers, des Heilers, des Kriegers und des Priesters – eine herausragende Rolle. Auf einer tieferen Ebene hat er Verbindung zu den anderen Archetypen und belebt deren Qualitäten.

Als der „Narr Gottes“ (eine in früheren Tarot-Spielen übliche Bezeichnung) hat er einen besonderen Zugang zur göttlichen Welt. Er empfängt deren Botschaften und Impressionen und leitet sie an die Menschen weiter. In seiner kriegerischen Eigenschaft entlarvt er die Torheiten und Einbildungen der Menschen und gibt sie der Lächerlichkeit preis. Da er ein tiefes Verständnis und Mitgefühl für die Außenseiter und Verrückten dieser Welt, für die verborgenen Beweggründe des Herzens und die Leiden der Psyche besitzt, ist er auch mit den Kräften eines Heilers begabt.

Als Gaukler und Tänzer besitzt er ein sicheres Gespür für das Gleichgewicht der Dinge. Er bewegt sich gleichermaßen gewandt über ebene Erde und Abgründe wie in schwindelnden Höhen. Zudem bezaubert er die Welt mit seiner Anmut und Heiterkeit.

Noch einen Schritt

Ich stelle mir vor, dass der Wanderer zwischen zwei Welten auf der Tarotkarte einen weiteren Schritt wagt und sich – wie der Adler, den er als Symbol auf seinem Gepäck trägt – in die Luft erhebt und in das Licht eintaucht, das ihn bereits von allen Seiten umgibt. Durch seine weiße Rose erhält er Zugang zur Welt des Geistes und somit zu völlig neuen Erkenntnissen und schöpferischem Vermögen. Statt sich weiterhin mit dem Rad des Lebens zu drehen – mal oben, mal unten hängend, mal Verfolger, mal Verfolgter –, erreicht er den Mittelpunkt. Die unbewegte Stille, die ihn dort umfängt, ermöglicht ihm eine Freiheit, die alles Vorstellungsvermögen des Verstandes übersteigt.

Gelassen auf dem Ast eines Baumes sitzend

Ich frage mich, was der Archetyp des Narren – als eine mir selbst innewohnende Kraft – mich lehren kann. Zunächst einmal: die Kunst der Selbsterkenntnis. Sind wir denn in Wahrheit nicht alle Narren – gerade da, wo wir uns überlegen wähnen?

Des Weiteren: Lachen und Leichtigkeit. Auch in Zeiten und Umständen, in denen der Weg schwer erscheint. Oder wenn mich das vertrackte Leben auf diesem unseren Planeten schier in den Wahnsinn treiben könnte.

Und nicht zuletzt: Auch anderen helfen zu erkennen und zu überwinden.

Nach seiner erhabenen Schau hoch oben in den Bergen könnte der Akrobat wieder nach unten steigen, hinab ins Gebiet des Wunderlandes. Gelassen auf dem Ast eines Baumes an einer Wegkreuzung sitzend, könnte er dem Mädchen Alice freundlich zunicken.

Vielleicht hat sie sich dann an den Sonderbarkeiten der Wunderwelt und ihrer Kreaturen satt gesehen und fragt den Narren –ihren eigenen inneren Kompass – nach dem richtigen Weg.

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