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Sein oder nicht sein

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Wir alle haben die Freiheit, zu sein oder nicht zu sein. Das bedeutet, dass wir die Möglichkeit, das innere Potenzial haben, im Einklang mit den Gesetzen des Universums zu leben oder nicht. Mit Universum meine ich nicht nur die materielle Welt, wie wir sie kennen, sondern die Gesamtheit der sichtbaren und unsichtbaren Welten, die in allen ihren Aspekten miteinander verwoben sind.

Wir besitzen dieses großartige innere Potenzial, aber wie sieht es in unserem täglichen Leben aus? Hinterlässt das Wort Freiheit nicht einen bitteren Nachgeschmack in unserem Mund, wenn wir unsere tägliche Praxis betrachten? Sind wir nicht zu modernen Sklaven eines Wirtschaftssystems geworden, das die Natur und so viele Menschen ausbeutet, vielleicht auch uns selbst?

Als ich vor einigen Jahren den Film Crazy Heart sah, fiel mir der Text eines Liedes auf, das von der Hauptfigur "Bad Blake", einem vom  Leben gezeichneten Country-Sänger, gesungen wurde.1 Hier ist ein Teil des Textes:

Ich ging dorthin, wo ich nicht hingehen sollte,

sah, wen ich nicht sehen sollte,

tat, was ich nicht tun sollte,

war, wer ich nicht sein sollte.

Es ist lustig, dass Herunterfallen sich wie Fliegen anfühlt,

jedenfalls für eine kleine Weile.

Darin steckt Lebenserfahrung, Weisheit. Besonders in dem Satz „Es ist lustig, dass Herunterfallen sich wie Fliegen anfühlt, jedenfalls für eine kleine Weile“. Wir denken, dass wir unseren Zielen, unseren Wünschen, unserem selbst erfundenen Sinn des Lebens entgegenfliegen. Was wir nicht bedenken, ist, dass sich Fallen wie Fliegen anfühlt. Und dann kommt, voll schwarzen Humors, aber mit nüchternem Realitätssinn, das „für eine kleine Weile". Denn wir schlagen auf dem Boden auf. Die Realität zerschmettert unsere Träume, bricht uns die Flügel.

Kann ich jemanden dafür verantwortlich machen? Ja, mich selbst. Ich ging dorthin, wo ich nicht hingehen sollte, sah, wen ich nicht sehen sollte, tat, was ich nicht tun sollte und war, wer ich nicht sein sollte.

Die Frage ist nun: Wohin sollte ich gehen und wer sollte ich sein?

Muss ich an einen bestimmten Ort gehen, um frei zu sein? Die Antwort lautet: ja und nein. Muss ich meinen Koffer packen und nach Tibet reisen? Nein, denn wir nehmen uns immer selbst mit; wir sind unsere eigenen Gefängniswärter.

Ja, ich muss an einen bestimmten Ort gehen. Dazu muss ich zunächst erkennen, dass Freiheit nicht die Befreiung meines Selbst bedeutet, sondern die Befreiung von meinem Selbst oder Ich. Ich kann mich dem umfassenden Bewusstsein öffnen, das in mir angelegt ist. Dort, wo sich meine Wesenheit in den „Wassern des Lebens“ mitbewegt.

Wo sind diese Wasser der Freiheit? Jesus, der Christus, sagte über sich selbst, dass er keinen Platz habe, wo er sein Haupt hinlegen könne.2  Seine Realität, die Schwingungsebene seines Bewusstseins, lag weit über den irdischen Bedingungen. Sein energetisches, sein seelisches Feld befand sich nicht in Übereinstimmung mit den irdischen dualistischen Lebensumständen. Deshalb sprach er die Worte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." 3 Die Dinge in seiner höheren Wirklichkeit, die vom Gesetz der universellen Liebe beherrscht wird, sind anders: Dort konnte er sein Haupt niederlegen. Und er lud uns ein, ihm nachzufolgen in seine höhere Wirklichkeit. Seine Mission war es, uns den Weg vorzuleben, wie wir den wahren Menschen aus seiner Gefangenschaft in uns befreien können, wie wir die Geist-Seele aus der Versklavung befreien, erwecken können. In diesem Sinne lautet die Antwort auf die Frage „Soll ich irgendwo hingehen, um frei zu sein?": „Ja!“

Wenn wir des Elends und des Leidens, der Grausamkeiten und der Kriege überdrüssig sind, wenn wir unserer selbst in unserem aktuellen Bewusstseinszustand überdrüssig sind, können wir dann irgendwo hingehen, um in Freiheit und Harmonie zu leben? Denken wir an die Worte: „Ich war, wer ich nicht sein sollte.“ Aber wer bin ich und wer sollte ich sein?

Das ist keine einfache Frage. Wir sind ein komplexes System. Wir bestehen aus einem sterblichen und einem unsterblichen Teil. Der sterbliche Teil ist unsere Persönlichkeit, den unsterblichen Teil nennen wir Mikrokosmos oder Monade. Wenn wir uns auf den sterblichen Teil konzentrieren, dann sehen wir, dass auch er eine komplexe Zusammensetzung ist, bestehend aus dem grobstofflichen Körper und unterschiedlichen feinstofflichen Körpern. In ihnen bildet sich unser Ich-Bewusstsein oder Ego.

Wenn wir unsere Persönlichkeit mit einem Auto vergleichen, dann ist das Ich der Fahrer. Im Allgemeinen sind wir uns nicht bewusst, dass unser Ich kein einheitliches Operationszentrum ist, sondern aus drei separaten und nicht immer harmonisch interagierenden Zentren besteht. Jan van Rijckenborgh beschreibt in seinem Buch Der kommende neue Mensch diese Situation (in den Kapiteln Die Natur der menschlichen Gefangenschaft und Es gibt keine Brücke zwischen dem natürlichen und dem geistigen Menschen).

Wir haben ein Bewusstseinszentrum in unserem Kopf, das mit unseren mentalen Fähigkeiten verbunden ist. Das zweite Bewusstseinszentrum finden wir in unserem Herzen; es ist mit unseren Gefühlen und Emotionen verbunden. Das dritte Bewusstseinszentrum befindet sich in unserem Becken. Es ist der beherrschende Kern unseres Ich-Bewusstseins und steht in Verbindung mit unseren Instinkten und Trieben. In diesem „dritten Ich“ dreht sich alles um das Überleben und die Befriedigung unserer Wünsche. Jeder Mensch ist mit einem solchen dreifachen Ego ausgestattet, und das bringt uns in eine schwierige Lage. Manchmal ist es so, als ob drei Fahrer im Auto sitzen würden. Wenn der Kopf nach rechts abbiegen will, mischt sich das Herz ein und will das Lenkrad nach links drehen. Und um das Chaos komplett zu machen, meldet sich das dritte Ich und legt den Rückwärtsgang ein. Wohin fahren wir, wohin geht unser Leben?

Die Menschheit hat versucht, dieses Problem mit Hilfe von Erziehung und Kultur zu lösen. Aber die Schwierigkeit ist: Nur die Iche in Kopf und Herz können erzogen und kultiviert werden. Das dritte Ich bleibt immer „der Selbsterhalter", das Tier in uns, das sein Überleben im Sinne hat. Für kultivierte Menschen, die nach hohen Idealen leben und nach dem Guten streben, ist dieses dritte Ich eine Quelle des Leids und der Enttäuschung. Man würde am liebsten die Augen davor verschließen, seine Existenz leugnen und uns hinter der erworbenen Kultur verstecken. Aber das ist keine Lösung. Die blutgetränkte Geschichte der Menschheit beweist es. Um zu einer objektiven Einschätzung unserer selbst zu kommen, um zu wirklicher Selbsterkenntnis zu gelangen, müssen wir auch diesen Teil von uns selbst akzeptieren.

Ein solches unberechenbares Wesen kann niemals „die Freiheit“ erreichen. Es wäre einfach zu gefährlich für die gesamte Schöpfung. Freiheit kann nur demjenigen gewährt werden, der verantwortungsvoll mit ihr umgehen kann. Egal, wie viele Bücher „der Fuchs“ gelesen hat, wenn er „in einen Hühnerstall“ gelangt, ist das Ergebnis sicher. Ist dann alles Streben der Menschheit umsonst? Werden unsere Hände immer mit dem Blut anderer befleckt sein? Nein, es gibt eine Lösung. Es gibt einen Weg zur Freiheit, einen Weg der Befreiung.

Die Möglichkeit dazu finden wir nicht in unserem vergänglichen Teil, in unserer Persönlichkeit, sondern in unserem unsterblichen Teil, in unserem Mikrokosmos, unserer Monade. In der Beziehung, die wir zu ihr begründen können, befindet sich die Tür zur Freiheit. Wenn wir diese Tür öffnen, eröffnen wir die Möglichkeit einer totalen Transformation unseres Bewusstseins. Das Problem ist, dass wir uns des unsterblichen Teils derzeit nicht bewusst sind. Unser Bewusstsein gehört dem vergänglichen Teil an. Daher bauen wir in der Regel, wenn wir in uns Freiheit begründen wollen, auf der falschen Grundlage, auf dem falschen „Eckstein". Wir bauen auf dem dreifachen Ich-Bewusstsein; es ist der "böse Blake", der in uns allen lebt.

In der Bibel gibt es einen Satz, formuliert in mystischer Sprache:

„Siehe, ich lege in Zion einen Stein, einen auserwählten und kostbaren Eckstein, und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden." 4

Vielleicht ist er nicht leicht zu verstehen, aber er deutet auf eine innere Realität hin: Es gibt einen geistigen Eckstein; er ist das Zentrum, das „Herz“ des Mikrokosmos, das Herz unseres unsterblichen Teils. Wenn wir damit beginnen, auf diesem Stein zu bauen, arbeiten wir an dem heiligen menschlichen Tempel, sodass der Geist in ihm wohnen kann. Dann sind wir wirkliche Menschen geworden, sind wir ganz geworden. Das Naturhafte beginnt auf diesem Weg, sich dem geistigen Menschen unterzuordnen, in allen seinen Bewusstseinsbrennpunkten. Das gesamte Wesen verwandelt sich, wird, wie es heißt, erneut geboren. Dann erleben wir, in einem ganz neuen Bewusstsein, was Freiheit ist.

Der geistige Eckstein, das Zentrum des Mikrokosmos, ist ein Schatz, in dem das Bild des wahren Menschen als heiliges Erbe aufbewahrt ist. Es ist dieses Bild, von dem man sagen kann, dass „Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf".5 Wenn wir diesen verlorenen Schatz in uns selbst entdecken, dann tun wir das, was wir tun sollten. Wenn dieses Bild seine Kraft erlangt und lebendig wird, wenn es beseelt wird, dann sehen wir, wen wir sehen sollten: unser eigenes wahres Selbst.

Dann können wir mit Freude sagen: „Ich bin dorthin gegangen, wohin ich gehen sollte, und jetzt bin ich der, der ich sein sollte!“

 

  • 1. ] https://www.youtube.com/watch?v=RX4-U2r4lS0
  • 2. Matth. 8,20
  • 3. Joh. 18, 36
  • 4. 1. Petrusbrief 2, 6
  • 5. 1. Mose 1, 27
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