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Sein und Nichtsein in den drei Gesichtern Gottes

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Die Augen – zwei kleine Scheinwerfer

Um mit einem anderen Menschen in Kontakt zu treten, suche ich oft als erstes den Blick. Ich versuche, in seinem Gesicht zu lesen. Seitdem viele Menschen, durch die Corona-Pandemie bedingt, ihr Gesicht unter einer Maske verstecken, bleiben für einen Kontakt oft nur die Augen. Sie können nicht so viel verstecken wie die Mimik. Der Kontakt über die Augen ist direkter, ehrlicher und offener. Überhaupt spielt das Gesicht eine große Rolle, wenn es darum geht, sich gegenseitig wahrzunehmen, etwas mitzuteilen oder die Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Den Augen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sie können nichts verheimlichen. Sie sind der besondere Anziehungspunkt unseres Gesichts für andere und für uns sind sie die Fenster, durch wir nach außen blicken, um die Dinge aufzunehmen und zugleich wie mit zwei kleinen „Scheinwerfern“ die Welt um uns herum zu beleuchten. Ihre Wachheit ist der Ausgangspunkt für Erfahrungen.

Wenn die Augen nach innen blicken

Darüber hinaus können die Augen noch mehr. Sie können sich schließen, um nach innen zu blicken. Dort gibt es andere Welten, die wir mal fröhlich, mal ängstlich, traurig oder manchmal sehr sehnsuchtsvoll durchwandern. Augen haben mit Wahrnehmung zu tun. Wahrnehmung erzeugt Verbindung, daraus entstehen Bewegung und Dynamik, der Beginn jeder schöpferischen Aktivität.

Genau betrachtet lebt der Mensch in vielen Welten, und jede birgt ihre eigene Realität. Diese Welten sind nicht immer schön. Manchmal betritt er sie sehnsuchtsvoll suchend, durchwandert sie wie Räume eines großen Hauses. Irgendetwas, tief in ihm verwurzelt, treibt ihn vorwärts. Dann versucht er, bisherigen Welten zu entfliehen, um bessere zu bauen. Das ist ein Stoff, aus dem Filme gedreht und Bücher geschrieben werden.

Neue Welten – Schein oder Sein

Anfang der Siebziger Jahre erschien der Film Welt am Draht von Rainer Werner Fassbinder. Die Hauptfigur, die eine virtuelle Welt in einem Computer entwickelt, erkennt langsam, selbst nur Teil einer virtuellen Welt zu sein. Freunde und Kollegen halten ihn für verrückt, aber unbeirrbar sammelt er Indizien für seine These und lernt schließlich eine Frau kennen, die als Verbindung zur realen Welt fungiert und ihm all seine Vermutungen bestätigt. Es vollzieht sich als Teil einer Liebesgeschichte, dass er schließlich mit ihrer Hilfe sein Bewusstsein auf seinen ursprünglichen Erzeuger überträgt und so der künstlichen Welt entflieht. Er muss dafür aber in seiner ursprünglichen Welt sterben.

In Wissenschaft, Religion und Kunst gibt es viele Hinweise, dass unsere Welt nur so lange für uns eine absolute Realität ist, wie wir fest daran glauben. Im Buch Sofies Welt von Jostein Gaarder erfährt Sophie, dass sie nur der Protagonist in der Geschichte eines Autors ist. Sophie muss sich aus dem Buch des Autors befreien, indem sie die Geschichte umkehrt und als Sophia, Weisheit, als ewige Form in die Ideenwelt eingeht. Hier geht es um die grundlegenden Fragen der Menschheit: „Wer bin ich?“ und „Was ist das für eine Welt, in der ich lebe?“

Die Suche nach dem Ursprung

Solche Themen haben eine große Faszination, denn wir tragen das Wissen um unsere Existenz in Scheinwelten und die Suche nach der Wahrheit in uns. Mythen und Schöpfungsgeschichten zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie vielfältig diese Suche sein kann. Gemeinsam ist ihnen, dass sie dem Menschen eine Vorstellung von seinem Ursprung geben.

Die Schöpfungsgeschichten zeigen, dass der Ursprung viele Gesichter hat, die je nach Volk und Kultur sehr unterschiedlich sind.

Im Apokryphon des Johannes, einer gnostischen Schrift, die 1945 nahe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi gefunden wurde, kann man die Entstehung und Entwicklung der Schöpfung als ein Zusammenspiel von drei „Gesichtern Gottes“ beschrieben finden. Im Gesicht des „Unnennbaren“ entwickelt sich die Idee eines Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist. Im zweiten Gesicht entwickelt sich ein Schöpfungsraum der Verwirklichung, in dem die ganze Dynamik und Bewegung entsteht, um die Ideen und Gedanken des ersten Gesichtes erkennbar machen. Im dritten Gesicht schließlich bildet sich die Polarität von Licht und Finsternis, in der durch Erfahrung die Entwicklung eines Menschen nach dem Ebenbild Gottes möglich wird.

Potenzial, Dynamik und Erfahrung

Das „Gesicht der Ideen“ schaut mit geschlossenen Augen. Es ist unnennbar, weil keiner größer ist, der ihm einen Namen geben könnte. Es ist unkennbar, weil keiner so tief reicht, dass er es bis auf den Grund schauen könnte. Die Physik spricht von reiner Potenzialität, manche religiösen Richtungen einfach vom „Nichts“. Es zeigt keine Dynamik, keine Regung und keine Aktivität.

Das zweite Gesicht, das der Verwirklichung, entsteht aus dem ersten; es ist reines Licht, ein Licht von höchster Schönheit. Dieses Gesicht besteht aus reiner Liebe, und es erzeugt dem ersten Gesicht, ihm, dem Höchsten zu Ehren, aus der Potenzialität Dynamik. Sie schauen einander an: er, der Erste, ist die Idee, der Zweite macht sich zu seinem Denken. So entstehen Erkenntnis, Unvergänglichkeit, ewiges Leben und Wahrheit. So entfaltet sich aus dem zweiten Gesicht in enger Abstimmung mit dem ersten ein unsterblicher „Äon“, der weiteren Äonen und Völkern Leben spendet.

Damit ist das Ebenbild aber noch nicht vollständig entstanden. Denn mit der Schöpfung durch das Licht des zweiten Gesichts entwickelt sich auch Dunkelheit, die kein Bestandteil des ersten Gesichtes ist. Indem diese Dunkelheit Wesen und Leben bekommt, entsteht das dritte Gesicht, eine Schöpfung, die nicht mehr Bestandteil des ersten Gesichtes ist. Die dritte Schöpfung lebt aus dem Licht der zweiten und führt zur Verdunklung.

Das dritte Gesicht erschafft eine Welt, die nicht mehr die ganze Schöpfung kennt, aber das erste und zweite Gesicht noch als Ahnung in sich trägt. Es bringt Leben hervor, das in der Lage ist, dem Blick des ersten und zweiten Gesichtes zu begegnen, denn unbewusst trägt es sie in seinem Wesen. In einer Welt der Erfahrung reift das Leben zu Erkenntnis, Weisheit und Liebe. Schließlich erzeugt die bewusste Schau des ersten und zweiten Gesichts einen Menschen, ein Doppelwesen, das mehreren Welten angehört, das die ganze Schöpfung kennt. Durch Erfahrung wird ihm die dunkle Seite der Schöpfung bewusst, durch Reifung die lichte Seite. Dieser Mensch entfaltet sich zum Ebenbild Gottes, er kehrt so zurück ins Ganze der Schöpfung.

Vom Höhlenbewohner zum Ebenbild Gottes

So wie das zweite Gesicht seinem Rhythmus entsprechend die „Augen“ öffnet und in die Welt des dritten Gesichtes schaut, so folgt dort als Reaktion darauf Hochkultur auf Hochkultur, in denen sich Menschen entwickeln, die in der gesamten Schöpfung leben können. Unter ihren Blicken erkennen sie zuerst, dass sie nur „Höhlenbewohner“ sind. Sie beginnen zu fragen: „Wer bin ich?“, „Wo komme ich her?“. Fragen und Erkenntnis führen dazu, dass die Kraft des zweiten Gesichts in ihnen zirkuliert und einen neuen Geist-Seelen Körper erzeugt, den das dritte Gesicht schließlich freigeben muss. Was mit Fragen beginnt, endet in einem Körper aus Weisheit und Liebe. Mit jenem betreten verwandelte Menschen schließlich eine „Neue Welt“, in der die Kenntnis aller drei Gesichter zur Selbstverständlichkeit wird.

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