Beobachtung

Sich einlassen auf die lebendige Natur. LOGON (Petra Erxleben) interviewte die Düsseldorfer Künstlerin Barbara Meisner - Teil 1

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P.E. Liebe Barbara, ich freue mich sehr, dass du dich zu diesem Interview bereit erklärt hast. Gern möchte ich mit dir über deine Erfahrungen mit der Wahrnehmung sprechen. Was ist Wahrnehmung für dich?

B.M. Ja, wenn ich so ein Wort höre, gehe ich erst einmal etymologisch vor. Laut Definition ist Wahrnehmung etwas, das auf die Sinnesorgane einwirkt: man nimmt etwas auf, wird sich dessen als Ganzes sinnlich-ideell bewusst. Man bemerkt etwas, interessiert sich für etwas, setzt sich ein. Aber auch: man nimmt einen Termin wahr, vertritt eine Pflicht, übernimmt eine Aufgabe, seine Verantwortung.

Johannes Stüttgen, der Weggefährte von Joseph Beuys, der ein wöchentliches Ringgespräch leitet, an dem ich teilnehme, sagt: „Begriffe sind sehr hohe Wesen.“ Sie offenbaren sich nur demjenigen, der geforscht hat und für sie bereit ist. Die Klärung der Begriffe, also das tiefe Verständnis dieser Begriffswesen, ist eine Gnade.

Wahrnehmung von Welt baut auf Erinnerungen, etwas sehr Subjektivem, je nachdem, welchen Eindruck unsere Sinneseindrücke im Gehirn hinterlassen haben. Wenn sich ein Eindruck mit starken Emotionen verbindet und wir wirklich Freude oder Kummer hatten oder haben, bleibt die Erinnerung viel länger im Langzeitgedächtnis, weil sie durch Gefühle neuronal stärker vernetzt wird. Deswegen ist es wichtig, dass wir entscheiden, was wir in uns hineinlassen.

Außer den bekannten fünf Sinnen, gibt es ein sechstes, eigentlich unser größtes Sinnesorgan, das Fasziengewebe, „the sixth sense“. Faszien (lat. fascia = Band) sind aus Kollagen und Elastan, also etwas, was klebt, und etwas, was flexibel ist. Dieses Bindegewebe, das unseren Körper zusammenhält, verbindet alle Bestandteile des Körpers flexibel mit­einander. Fasziale Umhüllungen setzen sich bis ins Kleinste fort. Wie eine Orange: erst kommt die dicke Außenschicht, dann trennen dünne Schichten die einzel­nen Scheiben voneinander und schließlich umgibt eine ganz feine, transparente Um­hüllung jede einzelne Faser. Die verschiedenen Faszienschichten sind mit Rezeptoren ausgestattet, die auf Druck- und Zugbewegungen, auf Temperatur, Schmerz und Stress reagieren und dem Gehirn die Lage des Körpers im Raum melden.

P.E. Da denke ich an das Gebilde der ganzen Menschheit, wobei jeder Einzelne subjektiv etwas wahrnimmt. Wie kommt der Einzelne und so schließlich auch eine Menschengruppe einer objektiven Wahrheit näher?

B.M. Wenn etwas stimmt, „stimmig“ ist und seine Botschaft klar ist, dann kommt es bei allen an. Es müssen nicht spirituell geschulte Menschen sein, sie müssen keine bestimmte Bildung haben. Gerade bei der Kunst merkt man das: Wenn ein Ausdruck irgendetwas trifft, was einer universellen Wahrheit entspricht, dann verstehen es alle.

Deswegen sagt Joseph Beuys: „Die Kunst ist das Einzige, was unsere Welt verändern kann.“ Er meint nicht irgendein Bild im Goldrahmen an der Wand, sondern er meint die kreative Kraft, die jedem und allem innewohnt.

P.E. Mich würde interessieren, wie du als Künstlerin persönlich, subjektiv, in die achtsame Wahrnehmung gehst.

„Zeichne mich!“

B.M. Ich gehe sehr gerne in die Natur, bei Wind und Wetter. Alle Sinne sind aufmerksam: Wo bleibt mein Auge hängen, was spricht zu mir?

Wir können ja mal zu den Werken mit den Pilzen da drüben gehen, zu den drei „Bildräumen“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild 2

 

Bild 3

Bei einem Herbstspaziergang waren mir diese drei Pilzgemeinschaften aufgefallen, einmal die Boviste, die zweite Gruppe waren die Trichterlinge in einem sogenannten „Hexenkreis“ und die dritten, dunklen heißen Totentrompeten. Alle drei haben mir „gesagt“: „Zeichne mich!“ Für das Zeichnen habe ich mich dann wirklich ins Laub auf den Waldboden gesetzt – ich habe deshalb immer eine Regenhose an – und habe dann die Trichterlinge erst einmal ganz konventionell gezeichnet. Sie sehen ein bisschen aus wie schwingende Röcke, diese Formen haben etwas Barockes, und die Trichter sehen wie Brunnen aus. Zu Hause bei der Nacharbeit dachte ich, ich möchte gerne zeigen, dass diese Pilze unterirdisch miteinander verbunden sind. Mit Tusche habe ich dann ein feines Netzwerk auf die Zeichnung der Pilze gemalt, das angedeutete geometrische Formen bekommen hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild 4

Was mich fasziniert, sind diese kleinen und großen Strukturen in der Natur, weil sie so schön geordnet sind. Ästhetik und Struktur sind hohe Werte für mich. In der Natur mag ich besonders auch die Formen der Vergänglichkeit – bis hin zum modernden Verfall. Die Totentrompeten beispiels­weise vergehen langsam und verändern im Herbst ihre Form und Farbe, werden ganz blauschwarz und leuchten bei Nässe.

Die Objekte der Wahrnehmung, also hier die Pilze, sind für mich wesenhafte Subjekte, Erscheinungen der Schöpfung. Wenn sie mich ansprechen, ist die Verbindung da. Ich frage: Wo ist gerade mein Dienst gefragt?

P.E. Bei den leuchtend-dunklen, verwesenden Pilzen ist es dir wunderbar gelungen, dieses Schillern und Leuchten des noch Lebendigen im Verwesungsprozess herauszuarbeiten. Der violett bemalte Holzrahmen unterstreicht das sehr schön.

B.M. Das Motiv selber hat die Energie und die kann ich in den Innenraum tragen. Das heißt, meine Bildräume, also Holzkästen teilweise aus verwittertem Fundholz gebaut, bearbeite ich malerisch. Die Farbigkeit der Pilzzeichnung, in dem Fall das Schwarz, das Dunkelblau oder das Magenta übertrage ich nach außen auf den Rahmen und erweitere dadurch den Sinneswahrnehmungsraum.

P.E. Du kommst wahrhaft in Kontakt mit der lebendigen und transformierenden Natur. Wenn du in der Natur bist, dann ist nicht nur das Auge, sondern der ganze Mensch an dem Kontakt beteiligt.

Herzenergie

B.M. Hier in Birnbach wurde mein Geruchssinn stark angesprochen, weil die Luft so frisch und sauber ist. Ich wohne ja in Düsseldorf am Hauptbahnhof, da finden zwar auch Mysterien statt, sagt Beuys, aber hier wirkt die Natur unmittelbar – gerade im Herbst – die Luftfeuchtigkeit, die Gerüche, die Formen und Farben. Ich habe mich manchmal auf den Boden gesetzt, gerne in die Nähe von Farnen. Außerdem habe ich, wenn ich Farben sehe, gleichzeitig so etwas wie ein Geschmacks­erlebnis. Beteiligt ist immer die Herzenergie. Morgens um sechs Uhr bin ich aufgestanden und raus und teilweise barfuß durch das taunasse Gras gegangen. Herrlich! Dann habe ich die Kuhherde entdeckt, das sind für mich heilige Tiere, die kamen und guckten nach mir. Zu ihnen sagte ich: „Ich bin eure Freundin, ich gehöre zu euch, in mir ist auch eine Kuh innerlich“, und habe sie gezeichnet. Ich habe sie auch fotografiert in diesem stimmungsvollen Nebel, der frühmorgens herrschte.

P.E. Diese schöne Herbstszene können wir in dem Heft zum „Birnbach-Projekt“ wiederfinden, welches du anlässlich der Ausstellung gestaltet hast.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Bildräumen. Sie fordern von dem Betrachter etwas ganz anderes als die hängenden Malereibahnen, die eine unmittelbare, große Präsenz im Raum haben.

"Bildräume“

B.M. Wir können ja mal zu diesem Werk hier gehen, das „Wald“ heißt, damit ist Birnbach im Westerwald ja reich gesegnet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild 5

Die Bildräume habe ich am liebsten ganz ohne Glas, damit das Werk direkter in Kontakt mit dem Betrachter kommt. Ich vertraue diesen Bildwesen, also den Werken, dass sie sich selber schützen. Hier habe ich beispielsweise präparierte Pilze reingeklebt und dort eine getrocknete Orchideen­blüte, übrigens eine fleischfressende Art; sie sieht aus wie eine Sense. Sie könnte im Sinne von Gärtnern gelesen werden, aber auch für den Tod, den Sensemann, stehen. Mittig habe ich einen angedeuteten, segnenden Menschen hineingezeichnet. Der Wald-Bildraum geht unten in eine Art Reliquienschrein über, der mit dunkelviolettem Samt ausgekleidet ist, in dem man Tintlinge sieht. Diese Pilze heißen so, weil man früher die schwarze Tinte, ihren Saft, zum Zeichnen und Schreiben benutzt hat. Übrigens erzählte mir meine Mutter, dass ich schon als Kind fasziniert war von diesen Verwesungs- und Transformationsprozessen und solche Funde mit nach Hause getragen und sie über Wochen beobachtet habe. Jedenfalls: als die Tintlinge trocken waren, sahen sie plötzlich aus wie dünne Knochen. Eigenartig, wie so ein Pilz, der ja eigentlich ganz weich ist, zu etwas Hartem wird. So sind sie für mich sozusagen die Knochen vom Wald und dieses leuchtende Lila hat etwas Sakrales.

Meine Bildräume sind eine Einladung, ganz nah heranzugehen, sich mit ein bisschen Forschergeist darauf einzulassen. Es sind zum Teil auch Wesen hineingezeichnet, die nach oben fliegen. Um sie zu entdecken, muss man genau hinschauen. Sie erscheinen wie fast unerkennbare, ätherische Insektenwesen, ähnlich dem unsichtbaren Myzel, dem Pilzgeflecht Untertage.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

 

 

 

 

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