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Star Trek: Die Sehnsucht nach dem Anderen - Teil 3

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Die Reise des Helden

Die Reise des Helden ist die universelle Schilderung des Weges, der dem Menschen aufgegeben ist. Sie findet sich weltweit in den Kulturen aller Epochen in unterschiedlichster Ausgestaltung, jedoch im Kern mit so geringen Variationen, dass der Mythenforscher Joseph Campbell vom „Monomythos“ spricht. Bekannte Beispiele aus der Gegenwartskultur sind u.a. Der Herr der Ringe, Star Wars, Matrix, Harry Potter und Avatar. Als klassische Beispiele seien das Gilgamesch-Epos, das Kalevala, Parzival oder Mozarts Zauberflöte genannt.

Die fantastischen Reiche, die heimatlichen oder weit, weit entfernten Galaxien, in denen der Held und seine Gefährten unterwegs sind, symbolisieren das Innere des Mikrokosmos, des „Gesamtsystems Mensch“. Hier treten Personifikationen innermenschlicher Bewusstseinsanteile auf, deren teils dramatische Handlungen zu einer vollständigen Befreiung und Erneuerung des gesamten Mikrokosmos führen. Was danach kommt, kann mit Worten, Klängen, bewegten oder unbewegten Bildern bestenfalls angedeutet werden. Intuitiv ahnen wir, dass es sich in transzendenten Bereichen und Zuständen abspielt, die zum „Anderen“ gehören, dem Unsterblichen in uns. Deshalb enden die Schilderungen der Reise des Helden meist geradezu banal oder völlig offen. Und wiederum ahnen wir intuitiv, dass die Entwicklung in anderen Sphären weitergeht (vielleicht erst wirklich beginnt), die unserem Normalbewusstsein nicht mehr zugänglich sind.

Die archetypische Rahmenhandlung der Reise des Helden ist schnell umrissen: Üblicherweise ist die Weltepoche, in der die jeweilige Geschichte spielt, nach dem Untergang eines Goldenen Zeitalters (der ursprüngliche und prinzipiell vollkommene, jedoch noch nicht bewusste Zustand) in eine Krise geraten. Boshafte, feindliche Kräfte beherrschen alles und sind im Begriff, den letzten Widerstand zu vernichten. Nun tritt ein junges, zunächst noch unwissendes und praktisch hilfloses Prinzip auf den Plan, das seine Berufung bereits erkennen lässt, seine schicksalhafte Aufgabe aber zunächst abweist. In sein Schicksal geworfen, wächst der Held mit sehr viel Hilfe über sich hinaus und besiegt den Widersacher nach einer dramatischen, unter schmerzhaften Verlusten errungenen Einweihung.

Bei Star Trek liegt die Sache etwas anders: Nach verheerenden Kriegen ist die große Krise der Menschheit seit Jahrhunderten überstanden. Die Erde ist vereinigt und die kulturell gereiften Zivilisationen der Galaxie haben sich zusammengeschlossen. Der Wunsch nach Selbstverwirklichung hat die Selbsterhaltung als Motivation weitestgehend abgelöst. Durch Wissenschaft und Technologie wurde scheinbar ein neues Goldenes Zeitalter eingeläutet, in dem unbegrenzt verfügbare Ressourcen und Energie zum Ende von Armut und Kriegen geführt haben.

Aber die Entwicklung des Menschen ist noch nicht abgeschlossen. Er hat den Weg zu seinem innersten Selbst noch nicht vollendet. Ab einem gewissen Punkt findet die innere Bewusstwerdung, die „spirituelle Evolution“ nicht mehr automatisch statt. Sondern nun wird der betreffende Mensch vom Schicksal gleichsam aufgefordert, im eigenen Inneren den Prozess zu beginnen, der im kollektiven Gedächtnis der Menschheit unter dem Dateinamen „Reise des Helden“ abgespeichert ist.

Statt eines einzelnen, klar erkennbar im Mittelpunkt stehenden Helden treten in Star Trek gleich mehrere auf, deren Handlungen und Erlebnisse ein engmaschig verwobenes Ganzes bilden.

Neue Entwicklungen, neue Gegner

Zu Capt. Kirks Zeiten (einem früheren, im Vergleich geradezu unschuldig verspielten Bewusstseinszustand) herrschten noch klare Verhältnisse: Es gab die Vereinigte Föderation der Planeten, bestehend aus Menschen, Vulkaniern, Andorianern und Tellariten. Es gab grünhäutige Humanoide aus dem Sternbild Orion, die echsenartigen Gorn und ein paar weitere außerirdische Rassen, die als ziemlich austauschbare „Aliens der Woche“ (sprich: „unterhaltsame aber relativ unbedeutende, innerpsychische Bewegtheit der Woche“) aber nie eine große Rolle spielten. Dann gab es die autoritären, hinterhältigen Romulaner – und natürlich die aggressiven, säbelrasselnden Klingonen, bei deren Auftauchen handfester Ärger garantiert war. Inzwischen haben die Föderation und das Klingonische Imperium eine Art Burgfrieden geschlossen – die aggressive, wilde Seite und die kultivierte, anpassungsbereite Seite des Bewusstseins haben sich angenähert und im Rahmen des Möglichen versöhnt. Nun werden interne Intrigen und Machtkämpfe im Klingonischen Reich nach und nach immer bedeutender für die Handlung – obwohl prinzipiell integriert, ist diese Seite des Bewusstseins noch nicht zur Ruhe gekommen.

Zwischen dem romulanischen Territorium und dem der Föderation wurde eine Neutrale Zone eingerichtet, aber von den Romulanern selbst (Hinterlist, Verschlagenheit) hat man seit Jahrzehnten nichts gehört. Als sie mit einem Paukenschlag wieder auf der Bildfläche erscheinen, wird die Neutrale Zone zu einem Gebiet ständiger Machtkämpfe und provokativer Nadelstiche. Deutung: Das gereifte Bewusstsein hat sich von seiner eigenen Verschlagenheit zwar innerlich distanziert, die Kultiviertheit vortäuscht, um dann brutal und skrupellos zuzuschlagen. Sie ist aber, wenn auch unsichtbar, stets präsent und liegt auf der Lauer. Dazu passt, dass die Schiffe der Romulaner über Tarnvorrichtungen verfügen, die sie bis zum letzten Moment unsichtbar machen.

Weiterhin tauchen die gierigen Ferengi auf, deren gesamte Kultur auf Profitstreben beruht, die militaristischen Cardassianer und die von ihnen zunächst brutal unterdrückten, fundamentalreligiösen Bajoraner, die primitiven aber gerissenen Pakleds und viele andere. Die wirklich mächtigen, furchteinflößend gefährlichen Widersacher sind Q und die bereits erwähnten Borg.

Die großen Widersacher

„Q“ ist der Name einer Rasse, der Name jedes Angehörigen dieser Rasse – und der Name eines ganz bestimmten Exemplars, das schon im Pilotfilm der Serie auftaucht und die Besatzung der Enterprise bis zur letzten Folge immer wieder heimsucht. Das Q-Kontinuum hat sich schon vor Urzeiten über die Gebundenheit an Raum und Zeit hinausentwickelt und ist zu einer Spezies ausschließlicher, praktisch allmächtiger Bewusstseinswesen geworden. In einem trüben, von selbsterschaffenen Ersatzrealitäten erfüllten Zwischengebiet vegetieren sie in quälender Lähmung und Langeweile oder brechen wegen Nichtigkeiten Konflikte vom Zaun. Für sie gibt es scheinbar nichts mehr zu erfahren und keine Entwicklungsmöglichkeit mehr. Prinzipiell könnten sie über das Universum herrschen und sich von allem, was lebt, als Götter verehren lassen – aber selbst das ist ihnen schon vor Äonen langweilig geworden. Da sie in ihrer Entgrenztheit unfähig sind (und in ihrem Dünkel auch gar nicht auf die Idee kommen), sich „geringeren“ Lebensformen liebevoll zuzuwenden, verschmachten sie bewusstseinsmäßig auf dem einsamen Gipfel ihrer vermeintlichen Vollkommenheit. Ob wir es hier mit einer Schilderung jener uralten, quasi-göttlichen Herrscher- und Verwalterhierarchien zu tun haben, die in Epheser 6:12 als „Mächte und Gewalten unter dem Himmel“ angedeutet werden?

Einer von ihnen (bei dem, so dürfen wir annehmen, aus schierer Verzweiflung erste Ansätze einer neuen Offenheit zu knospen beginnen) entwickelt eine geradezu kindlich verspielte Faszination für die Besatzung der Enterprise (ungefähr so, wie ein Kind von einem Ameisenhügel fasziniert ist), bringt sie immer wieder mutwillig in ausweglose, überwältigend bedrohliche Situationen und tritt dabei meist als maliziöser Manipulator oder schikanöser Zuchtmeister auf. Die unbeugsame Würde, Prinzipientreue, Aufrichtigkeit und Loyalität dieser so zerbrechlichen, kurzlebigen Wesen im Angesicht selbst höchster Gefahr lässt ihm keine Ruhe. Denn sie zeigt ihm seine eigene, geflissentlich verdrängte Unvollkommenheit. Seine scheinbare Allmacht stößt krachend an ihre Grenze, sobald er versucht, diese Wesen zum Verrat an ihren Werten zu verführen. Q kann als Symbol für Mephisto gedeutet werden, den „Geist, der stets verneint“. Für den kosmischen, in ewiger Verweigerung gefangenen Widersacher und Verführer, den man nicht besiegen, sondern nur überlisten oder – die möglichen Folgen in Kauf nehmend – klar abweisen kann. Q ist auch dafür verantwortlich, dass die Föderation auf die bereits erwähnten Borg trifft – zu früh, wie Guinan anmerkt, die mit dieser Rasse bereits Erfahrung hat.

Die Borg sind eine humanoide, technologisch weit fortgeschrittene Rasse – oder besser: ein Sammelsurium verschiedenster humanoider Rassen – , die ihre organischen Körper mittels kybernetischer Implantate bis zur Unkenntlichkeit aufrüsten. Sie besitzen kein Individualbewusstsein, sondern sind zu einem Kollektiv zusammengeschaltet, in dem jede einzelne Borg-Drohne ununterbrochen die Gedanken aller anderen hört. Die Borg betrachten sich als Krone der Schöpfung, alle anderen Rassen als minderwertig, und ihre Botschaft lautet: „Widerstand ist zwecklos!“ Andere Rassen werden bei Kontakt „assimiliert“, d.h. ihres Willens beraubt, ebenfalls mit kybernetischen Implantaten entstellt und dem Kollektiv eingegliedert.

Die Borg symbolisieren den Teil der kosmischen Widersacherkräfte, der auf der stofflichen Ebene mit profanen Mitteln die All-Einheit imitiert. Ein wahrhaft diabolisches Prinzip, das im menschlichen Wesen zu Größen- und Machbarkeitswahn, Intoleranz, Unterdrückung, Ausbeutung und Zerstörung führt. Sie entwickeln sich durch die einverleibten Eigen- und Errungenschaften der assimilierten (und dabei ausgelöschten) Rassen ständig weiter, sind als Kollektiv schier unbesiegbar und quasi unsterblich. Die Technologie (die wir als schöpferische Kreativität deuten) missbrauchen sie dazu, an ihrem eigenen Lebenszustand herumzupfuschen, und sind dadurch zu abstoßenden Hybriden geworden. Keine Maschinen, aber auch keine wirklichen Lebewesen mehr, vernichten sie Lebendigkeit, Vielfalt, Freiheit und Bewusstsein mit reflexartiger Selbstverständlichkeit, wo sie sie antreffen. Sie wollen das Leben selbst unterwerfen, das sie nicht begreifen und daher vollständig mißachten. In ihrer kalten, Zerstörungssucht verkörpern sie die genaue Antithese dessen, was sie zu sein glauben.

Dabei sind die Borg keineswegs die unbesiegbare Assimilationsmaschinerie, für die sie sich halten; die Q könnten die Borg mit einem flüchtigen Gedanken aus dem Universum schnipsen, wenn sie genügend Interesse aufbringen könnten. Und in der völlig fremdartigen Spezies 8472 aus einer ebenso fremdartigen Dimension stoßen die Borg auf einen Gegner, der nicht assimiliert werden kann, ihnen aber dafür hinsichtlich Aggressivität und Zerstörungspotential mindestens ebenbürtig ist.

Interessanterweise zeigt sich an einem einzelnen, von der Besatzung der Enterprise „Hugh“ getauften Borg (und später viel ausführlicher an „Seven of Nine“), dass einzelne Borg-Drohnen durchaus wieder zu Individuen werden können, wenn es gelingt, sie vollständig vom Kollektiv zu trennen. Im weiteren Verlauf stellt sich überraschend heraus, dass das Borg-Kollektiv nicht aus dem Kollektivbewusstsein heraus agiert, sondern wie ein Bienenvolk von einer Königin befehligt wird. Und gegen Ende von Star Trek: Voyager führt eine Mutation dazu, dass ein kleiner Teil der Borg-Drohnen in der Unimatrix – einer Art Traumwelt – einander losgelöst vom totalitären Zwang des Kollektivs als Individuen begegnen können.

(wird fortgesetzt)

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