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Star Trek: Die Sehnsucht nach dem Anderen - Teil 5 Die Kreise schließen sich

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Die meisten Zivilisationen des Alpha- und Beta-Quadranten haben sich unterdessen zu einer Allianz zusammengeschlossen – mit Ausnahme der Cardassianer, die sich dem Dominion anschließen, und der neu eingeführten Breen, die ein Bündnis mit dem Dominion eingehen. Auf der anderen Seite vollziehen die Föderation und das Klingonische Imperium nach einer anfänglichen Krise den endgültigen Schulterschluss. Als Kontaktmann und Experte für klingonische Kultur und Lebensart wird Worf, der ehemalige Sicherheitsschef der Enterprise, auf die Station versetzt. Die Romulaner müssen erst von der Gefahr durch das Dominion überzeugt werden, treten dem Bündnis dann aber ebenfalls bei. Rufen wir uns ins Gedächtnis zurück, dass in unserer Lesart alle diese Völker unterschiedliche, innermenschliche Aspekte und Eigenschaften symbolisieren, so wird klar, dass diese Situation einen Kulminationspunkt der nahenden Krise darstellt: Haben die besagten innermenschlichen Aspekte und Eigenschaften bislang ohne viel Interaktion oder gegenseitige Aufmerksamkeit koexistiert, so sind sie nun in zwei Lager zusammengeflossen, die einander als unvereinbare Gegensätze gegenüberstehen.

Die Ferengi, deren gesamte Kultur auf Habgier beruht und die in The Next Generation grundsätzlich als tölpelhafte, sich selbst maßlos überschätzende Ganoven dargestellt werden, erfahren hier eine erstaunliche Ausgestaltung und Vertiefung: Sie glauben an den Großen Materiellen Fluss (überall gibt es von irgend etwas zu wenig, wovon es anderswo zu viel gibt; der Große Fluss sorgt für den Ausgleich, und wer ihn zu navigieren versteht, wird Wohlstand erwerben), und ihre „Bibel“ enthält die Heiligen Erwerbsregeln – selten wurde die Anbetung des Mammon humorvoller und gleichzeitig tiefgründiger dargestellt.

Der Ferengi Quark führt die Bar auf der Promenade der Raumstation, wobei er seinen gutmütigen Bruder Rom und dessen Sohn Nog, schikanös ausbeutet. Er ist ständig in illegale Geschäfte verstrickt, weswegen sich zwischen ihm und Odo, dem Sicherheitschef der Station, eine vordergründig verächtliche, in Wirklichkeit jedoch von gegenseitigem Respekt geprägte Hassliebe entwickelt. Durch die Freundschaft mit Benjamin Siskos Sohn Jake schafft es Nog, kulturellen Begrenzungen und Vorurteilen so weit zu entfliehen, dass er als erster Ferengi überhaupt an die Akademie der Sternenflotte aufgenommen wird. Auch dieser Bewusstseinsaspekt ist damit ins Gesamtbewusstsein integriert.

Doch zunächst erweist sich das Dominion als zahlenmäßig, militärisch und technologisch erdrückend überlegen. Die Allianz wird immer mehr in die Defensive gedrängt, und das Dominion droht die gesamte Milchstraße in seine Gewalt zu bringen. Ununterbrochen dringen durch das Wurmloch weitere Flottenkontingente in den Alpha-Quadranten ein. Die Station Deep Space Nine fällt dem Dominion in die Hände. Kurz vor der Evakuierung vermint die Besatzung der Station das Wurmloch in einer Verzweiflungsaktion mit selbstvervielfältigenden Minen; die Passage ist damit blockiert und der Nachschub des Dominion vorläufig unterbrochen.

Rom entdeckt sein Talent als Ingenieur und greift entscheidend in den Widerstand gegen das Dominion ein. Währenddessen geht der Große Nagus Zek, das Oberhaupt der Ferengi, auf deren Heimatwelt eine Verbindung mit Quarks und Roms Mutter Ishka ein. Zu Quarks fassungslosem Entsetzen dankt er anschließend zugunsten von Rom ab – nicht ohne vorher Dekrete erlassen zu haben, die aus der frühkapitalistischen Oligarchie ein sozialromantisches Arbeiterparadies machen. Selbst die Habgier ist damit – wenn auch parodistisch überzeichnet – zu Güte transformiert und harmonisch in den Kanon der restlichen Bewusstseinsaspekte aufgenommen.

Der inzwischen zum Captain beförderte Benjamin Sisko steigt vom Kommandanten der Raumstation zu einem ranghohen Anführer der Allianz auf. Mit der USS Defiant, einem schwerbewaffneten, mit einer romulanischen Tarnvorrichtung ausgestatteten Protoypen, spielt auch in dieser Serie endlich wieder ein Raumschiff – ein „Fahrzeug“ des Bewusstseins für die Reise durch die menschlichen Innenwelten – eine zentrale Rolle. Dass die Defiant mit einer Tarnvorrichtung ausgestattet ist, zeigt zweierlei: Zum einen die neue Ebene vertrauensvoller Kooperation mit den Romulanern (die Integration des betreffenden Aspekts ins Gesamte); zweitens stellt dies den klaren Bruch eines Abkommens dar, in dem die Föderation sich einseitig verpflichtet hatte, auf Tarntechnologie zu verzichten. Wie schon zuvor bei Dr. Bashirs und Chief O’Briens Beschaffung des Gegenmittels für Odos Infektion wird deutlich, dass ein altes, starr autoritäres Gesetz seine Macht verloren hat und durch bewusstes, eigenverantwortliches Handeln nach Maßgabe der Situation ersetzt worden ist.

Worf erhält einen neuen Namen, als er sich dem Haus Martok anschließt. Er stellt nach zahlreichen Heldentaten seine Ehre endgültig wieder her, indem er den korrupten Kanzler des Klingonischen Reiches tötet. Damit wird Worf zum neuen Kanzler – und gibt diese Würde umgehend an den ehrenhaften, integren General Martok weiter, dessen Haus er sich angeschlossen hat.

In Worf und Martok finden sich deutliche Anklänge an das Motiv des „edlen Wilden“. Sie werden das klingonische Imperium aus seiner archaischen, teilweise barbarischen Verfassung herausführen und reformieren. Worf selbst wird zum Botschafter des Klingonischen Reichs befördert. Er, der aus den animalischen Wesensbereichen stammt und schon vor langer Zeit ins vernunftbegabte, kultivierte Bewusstsein integriert worden ist, gibt diese Verfeinerung nun in seinen Ursprung zurück und wird zum Mittler zwischen beiden. Auch seine Heldenreise findet damit ihren krönenden Abschluss.

Helden und Anti-Helden

Über die Reise des Helden haben wir ausführlich gesprochen; auch Deep Space Nine zeigt sich als epische Erzählung einer ganzen Reihe ineinander verschachtelter, eng verzahnter Heldenreisen. Aber selten wird das unverzichtbare Gegenstück – nennen wir es die „Reise des Bösewichts“ – so ausführlich geschildert wie hier am Beispiel von Gul Dukat.

Wir begegnen Gul Dukat („Gul“ ist sein Rang, „Dukat“ sein Name) gegen Ende von The Next Generation als Oberbefehlshaber der cardassianischen Besatzungstruppen auf Bajor. Er ist ein skrupelloser, zynischer Despot, der als „typischer Cardassianer“ von Anfang an konsequent als Feindbild aufgebaut wird. Nach dem Ende der Besatzung taucht er immer wieder als boshafter Gegenspieler auf, der opportunistisch zwischen den Fronten laviert, um die narzisstische Kränkung seines Machtverlusts zu rächen. Gleichzeitig ist er so vielschichtig und ambivalent gezeichnet, dass er schnell vom platten Abziehbild eines Schurken zum komplexen Anti-Helden wird.

Nun passieren mehrere Dinge gleichzeitig. Als Dukats halb-bajoranische Tochter (nur ein Indiz seiner Vielschichtigkeit) unter tragischen Umständen ums Leben kommt, verliert er den Verstand. Er entfesselt die seit Jahrtausenden magisch gebannten Pah-Geister (die ebenfalls unstofflichen Gegenspieler der Propheten), wird von ihnen überschattet und ist spätestens jetzt der ebenbürtige Gegenspieler für Benjamin Sisko, den „Gesandten“ der Propheten. Dukat ist damit zu einem (Anti-)Helden von luziferischen Ausmaßen geworden. Unter seiner Führung gelingt es, die Minen am Eingang des Wurmlochs zu entschärfen.

Auf der anderen Seite wartet bereits eine riesige Invasionsflotte, um in den Alpha-Quadranten vorzudringen und das Schicksal der Allianz zu besiegeln. Als einziges Schiff in Reichweite stellt sich die Defiant der Übermacht zu einem aussichtslosen Gefecht. Benjamin Sisko bittet die Propheten um Hilfe – und wird „erhört“. Obwohl den unstofflichen, nicht an eine lineare Zeit gebundenen Propheten die Existenz der stofflichen Wesen fremd und unverständlich ist, ergreifen sie Partei für die Verteidiger und vernichten die Invasionsflotte des Dominion vollständig. Damit wendet sich das Blatt.

Dukats Adjutant Damar beginnt als biederer Befehlsempfänger, verfällt unter der Herrschaft des Dominion frustriert dem Alkohol, findet dann seine Würde wieder und wird zum Anführer des cardassianischen Widerstands gegen das Dominion. Als er den Märtyrertod stirbt, erhebt sich das cardassianische Volk, und auf dem Höhepunkt der Entscheidungsschlacht wechselt die cardassianische Flotte die Fronten. Die verbleibenden Streitkräfte von Dominion und Breen sind damit besiegt.

Gleichzeitig kommt es in den Feuerhöhlen auf Bajor zum Entscheidungskampf zwischen Benjamin Sisko und Dukat, bei dem sich Benjamin Sisko scheinbar opfert (ein weiteres, immer wiederkehrendes Motiv der Reise des Helden), um Dukat zu besiegen und die Pah-Geister endgültig wieder in den Feuerhöhlen gefangenzusetzen. Die mittlerweile von der Infektion schwer gezeichnete Gründerin befiehlt, das gesamte cardassianische Volk auszulöschen; der Befehl wird teilweise ausgeführt, ehe die Kommandozentrale gestürmt wird.

Der inzwischen geheilte Odo verbindet sich mit der Gründerin. Dadurch heilt er auch sie – und nun ist sie auch endlich überzeugt, dass die Föderation keine feindlichen Absichten hat. Odo kehrt mit ihr auf die Heimatwelt der Gründer zurück, wo er endgültig in der Großen Verbindung aufgeht und diese dadurch ebenfalls heilt.

Auf diesen dreifachen Sieg folgt der Friedensschluss. Aus den Trümmern der alten, totalitären Militärdiktatur wird sich ein völlig erneuertes Cardassia erheben und seinen Platz unter den anderen gereiften Völkern/Wesensaspekten der Milchstraße/des Mikrokosmos einnehmen.

Nun ist die gesamte Milchstraße erkundet, erschlossen und befriedet. Der Weg des Helden ist gegangen und die Geschichte auserzählt. Das Bewusstsein hat sich im Lauf der zahllosen Abenteuer so weit vervollkommnet, wie es nach den Maßstäben unserer Welt möglich ist. Wir dürfen gespannt sein, wie die Reise in den Dimensionen anderer Welten weitergeht.

Die drei großen Etappen

Zusammenfassend die drei großen Abschnitte der Reise des Helden: Aufbruch, Initiation und Heimkehr anhand von Beispielen aus Star Trek: The Next Generation:

Wir begegnen der neuen Enterprise und ihrer jungen Besatzung, als der erfahrene Captain Picard das Kommando über das frisch vom Stapel gelaufene Schiff übernimmt. Gleich auf ihrem Jungfernflug zur ersten Mission wird die Enterprise von Q abgefangen, der die Besatzung zwingt, ihm zu beweisen, dass die Menschheit gereift ist und sich von ihrer animalischen Selbstbehauptung befreit hat. Das gelingt – und Q entlässt die Enterprise mit der Drohung, er werde ihre Besatzung weiter beobachten und immer wieder prüfen. Das ist der erste große Abschnitt: Aufbruch und erster Sieg.

Den zweiten großen Abschnitt, Initiation und Prüfung, stellt der zuvor geschilderte, ebenfalls durch Q ausgelöste Konflikt mit den Borg dar. Die Rettung des Captains (des leitenden Willensprinzips) aus der zerstörerischen Täuschung durch die Gegenkräfte wird vom Ersten Offizier William Riker (Mut, Tatkraft) und Zweiten Offizier Data (Intelligenz, Wissen) geplant. An der Durchführung sind alle beteiligt.

Auch der dritte Abschnitt, Überwindung und Heimkehr, wird durch Q initiiert. Diesmal muss die Besatzung ihre Anstrengungen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft „gleichzeitig“ koordinieren, um eine Störung in der Raumzeit zu verhindern, die andernfalls das gesamte Universum auslöschen würde. Das war die ultimative Prüfung, Q ist zufrieden und lässt von der Besatzung der Enterprise ab. Er taucht später noch vereinzelt auf, nun aber nicht mehr als unerbittlicher Widersacher, sondern eher als gutmütige Nervensäge. Gegen Ende der Saga verschlägt es unsere Helden sogar ins Q-Kontinuum, wo sie dabei mithelfen, das Kollektiv zu befrieden und aus seiner kritisch gewordenen Stagnation zu befreien. Selbst der existenziell zum Antagonismus verdammte Widersacher ist damit, soweit möglich, liebevoll integriert.

The Next Generation endet auf bewegende Weise, indem der bis dahin immer disziplinierte und unnahbare Captain Picard zum ersten Mal an der Pokerrunde der anderen leitenden Offiziere teilnimmt. Das Gesamtbewusstsein zeigt sich in seiner neu errungenen Einheit und Stärke. Und nun kann es spielerisch werden – denn wir können noch etwas gewinnen.

Und die Enterprise setzt ihre Reise fort, „um unerschrocken dorthin zu gehen, wohin noch nie ein Mensch zuvor gegangen ist“.

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