Kokons

Von der Raupe zum Schmetterling. Krankheit – ein Heilungsprozess

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Der Prozess der Verpuppung

Die Raupe ist vergleichbar mit einem Erfahrungen sammelnden Menschen, der lebt, „frisst“, bis er immer „dicker“ wird. Die Fülle der Erfahrungen lässt ihn an einem bestimmten Punkt nachdenklich werden: „Was bedeutet das alles, hat das Leben vielleicht einen viel tieferen Sinn, als ich dachte?“ Ganz im Geheimen rührt sich die Seele. Der nach Wahrheit Suchende wird verunsichert, wendet sich schließlich nach innen, er „verpuppt“ sich.

Auch die Raupe verwandelt sich in eine Puppe. Der Mensch, der nicht mehr bereit ist, so zu leben wie bisher, wird in die Einsamkeit, die Isolation gezwungen.

Um die Raupe herum ist es eng, dunkel. Sie wird unansehnlich, unbeweglich. Für den Sucher, der hoffungsfroh begann, geht es nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts. In gewissem Ausmaß entgleitet ihm sein Leben. Er entdeckt seine absolute Unvollkommenheit, ist erschöpft, fühlt sich krank. In dieser Phase der Isolation, im Puppenstadium, entfaltet sich in der Raupe ein neues Wesen, der Falter, der Schmetterling.

In seiner „Einsamkeit auf Patmos“ erfährt der Mensch Verzweiflung, Dunkelheit ..., aber auch Verwandlung. Es kann durchaus der Durchgang durch eine Krankheit sein, vielleicht sogar eine unheilbare ...Wenn er aber alles aufgegeben, losgelassen hat, u.a. auch die Verzweiflung, durchlebt er das „Endura“ [1]. Es gleicht einem Sterben, einem Eintreten in einen dunklen Tunnel. An dessen Ende aber sieht er Licht. Ihm strebt er zu … und er wird in Freiheit geboren – das Puppen-Wesen transmutiert, verwandelt sich in einen Schmetterling, der sich in die Luft erhebt und der Sonne entgegenschwebt.

Einer der Faktoren, die die Zeit der Corona-Krise mit sich brachte, ist, dass die Menschen zu einer Kontaktarmut gezwungen wurden. Viele von ihnen sahen weder ihre Enkel, noch ihre Freunde, Arbeitskollegen oder ihre Eltern. Sie wurden in der Isolation auf sich selbst zurückgeworfen. Sie durften sich in Zurückgezogenheit auf sich selbst besinnen (oder sie erhielten jedenfalls die Chance dazu), erfuhren eine Krise, alles bröckelte ab vom bisherigen Leben, aber zu gleicher Zeit konnten sie, wenn sie diesen Zustand als Chance begriffen, das Licht sehen, wie die Puppe durch den abbröckelnden Kokon hindurch.

Für sie wird dann nichts so sein wie bisher, die Puppe kann nicht mehr zur Raupe werden, und ebenso wenig kann es der Schmetterling – der Mensch kann nicht mehr zurück. Auf ihn kommt das unbekannte Neue zu, vor dem viele Menschen Angst haben.

Es kommt der Moment, in dem„der alte Mensch“ dem drängenden Werden des “neuen Menschen“ nicht mehr widerstehen kann.

Ich erlebe einen solchen Prozess

Eine Freundin, mit der ich während der Corona-Zeit in WhatsApp-Kontakt stand, sagte, sie mache gesundheitliche Krisen durch; ich konnte sie verstehen, da es mir nicht anders ging. Spontan antwortete ich ihr, wir stünden im Prozess der Verpuppung. Beide suchten wir keine weiteren Kontakte nach außen. Wir fühlten uns beide nicht wohl...

Bei körperlichen Unpässlichkeiten – egal, was es ist – erlebe ich in mir meist ein tiefes Vertrauen. Es ist, wie wenn mich etwas liebt, wenn mich jemand liebt. Ich habe kein Bedürfnis, meine individuellen körperlichen Beschwerden vom Arzt abklären zu lassen, ich benötige allein Ruhe.

Ein Versuch, mir vom Arzt helfen zu lassen, stimmte mich hinterher missmutig, brachte mich aus dem Gleichgewicht. Ich war dem Rat von Freunden gefolgt und machte mir klar, dass ich auf meine innere Stimme hören muss. Ich habe kürzlich eine OP abgesagt.

Jeder geht seinen eigenen Weg. Ich habe sehr verschiedene körperliche Erfahrungen, die niemand nachvollziehen kann und die auf diese Weise auch kein anderer Mensch hat. Jeder sollte seinem eigenen Innern folgen. Wenn eine allgemeine Grippewelle umgeht, dann fehlt mir meist etwas völlig anderes. Meinen Körper in einer solchen Situation anzuschauen, ist mein Lernprozess. Ein Forschen nach der Ursache, ein Reflektieren, aber auch eine Hinwendung an meine innere Instanz, ist nun angesagt. Mich ihr anzuvertrauen, mich ihr zu schenken, zu übergeben – das meine ich mit „Endura“. Ich darf meine Unvollkommenheit anschauen, mir verzeihen, und es fällt mir dann auch viel leichter, anderen zu verzeihen, ... ich darf mich lieben lernen.

Immer wieder in den letzten Jahrzehnten erfuhr ich, was meinen Körper betraf, Situationen - nachts im Bett oder vor dem Computer oder während eines Workshops - in denen ich dachte, jeder Mensch an meiner Stelle würde sofort zum Arzt gehen oder sogar den Notarzt anrufen. Jedes Mal befand ich mich in großer Ruhe und entspannte mich. Einmal verreiste ich am nächsten Tag und genas schnell wieder, ein anderes Mal führte ich ein Gespräch mit einer Bekannten und merkte, wie ich wieder gesundete. Vor fast zehn Jahren war ich häufig von einem bestimmten „Übel“ befallen. Als dies wieder geschah – bei einer internationalen großen Veranstaltung in Südfrankreich - stieß ich aus meiner Tiefe ein Stoßgebet aus: ich möchte gesund sein – und die Hilfe kam, Jahre später traten diese körperlichen Erscheinungen immer seltener auf. (Der telefonische Kontakt mit einem Freund half mir ...)

Die Krankheiten, die ich im „stillen Kämmerlein“ und allein durchlitt, waren und sind für mich wie ein Kokon-Stadium, wo ich ganz mit mir konfrontiert war und bin. Helfen kann mir dabei ein Gespräch, das zu einem tiefen Selbsterkennen führt und mir „die Augen öffnet“.

Ich erlebe die Dinge des Lebens als Wunder-bar. Gibt es nicht etwas viel Größeres, als wir uns vorstellen können, etwas, das unseren Körper genesen lässt? Die Selbstheilungkräfte sind in uns verborgen, wir dürfen sie ent-decken und anregen oder durch gesunden Lebenswandel fördern. Angstlosigkeit ist ein großer Faktor und tiefes Vertrauen in eine unbekannte Liebe, Vertrauen in uns selbst, in unseren inneren Arzt. Natürlich zweifle ich auch immer wieder, dass es Heilung in mir gibt. Aber wenn ich mit mir konfrontiert werde, entscheide ich mich für den Weg des Vertrauens, für einen Weg, auf dem ich sicher geführt werde. Ich erlebe es als die Führung von einer größeren Macht. Vor Jahren suchte ich – angeregt durch einen inneren Impuls – ein spirituelles Gespräch mit einem Freund – und es lief auf etwas viel Größeres hinaus, als ich es mir hätte ausmalen können, ganz individuell auf mich „zugeschnitten“

Bittere Erfahrungen, Krankheiten, Enttäuschungen, alles findet kurz vor oder im Kokon-Stadium des werdenden Schmetterlings, des reifenden Menschen, statt – damit die Welt durch alles hindurch mit neuen Augen geschaut werden kann, mit den Augen des Schmetterlings, mit den Augen der neuen Seele.

 

Anhang (LOGON):

Wie der Schmetterling zu sich erwacht

Die Verwandlung der Raupe in einen Schmetterling ist ein oft verwendetes Bild für grundlegende innere Wandlungsprozesse des Menschen: Die Raupe verpuppt sich und aus der Puppe kommt der Schmetterling hervor. Doch was geschieht da eigentlich?

Die amerikanische Biologin und Autorin Norie Huddle hat sich intensiv mit den biologischen Prozessen dieser Transformation beschäftigt (s. ihr Buch ButterflyA tiny Tale of Great Transformation, 1990)

Wenn sich eine Raupe in ihren Kokon einspinnt, dann vollziehen sich parallel zwei Prozesse: Die Enzyme beginnen damit, die Zellstruktur des Wurms aufzulösen; gleichzeitig entstehen parallel zu diesem Desintegrationsprozess neue Zellen, die sich von den Zellen des Wurms massiv unterscheiden. Man könnte sagen: Sie schwingen in einer anderen Frequenz als der Rest des Raupenkörpers. Norie Huddle nennt sie “imaginative” oder “Imago-Zellen”, weil sie die Informationen enthalten, aus denen der Schmetterling entstehen wird.

Das Immunsystem der Raupe betrachtet diese Zellen jedoch als feindliche Fremdkörper und versucht, sie zu vernichten. Das gelingt anfangs; je mehr jedoch die Zerfallsprozesse im verpuppten Wurm weitergehen, desto zahlreicher werden die Imago-Zellen.

Schon bald kann das Immunsystem der Raupe sie nicht mehr schnell genug vernichten. So überleben immer mehr der Imago-Zellen die Angriffe, und es beginnen sich Cluster zu bilden, die Informationen austauschen. Dann, nach einer Weile, passiert wieder etwas höchst Erstaunliches: Die Klumpen von Imago-Zellen formen lange Fäden und beginnen, Netzwerke zu bilden und so innerhalb der verpuppten Larve noch mehr Informationen auszutauschen.

Dann kommt ein Punkt, an dem dieses Netzwerk plötzlich zu begreifen scheint, dass es etwas ist, etwas Neues! Diese Erkenntnis einer eigenen Identität ist die Geburt des Schmetterlings.

Nun übernimmt jede der Imago-Zellen ihre spezielle Aufgabe und beginnt die Information, die sie trägt, zur Gestaltung der neuen Form beizutragen. Sie sucht sich ihren Platz als Zelle des Flügels, des Fühlers, der Augen – sie wird zur Schmetterlingszelle.

s. hierzu das Interview von Geseko von Lüpke mit Nicanor Perlas, bei: https://wirundjetzt.org/ueber-uns/inspirationen-geschichten/die-geschichte-von-der-raupe-und-vom-schmetterling/

 


[1]               Mit diesem Begriff bezeichneten die Katharer im Mittelalter das Ersterben der persönlichen Wünsche und Vorstellungen.

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