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Wahrnehmung – Wahrgebung – Wahrschaffung

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Wahrnehmung

Wahrnehmung wird heutzutage allgemein verstanden als der Prozess, bei dem das Gehirn sensorische Informationen organisiert und interpretiert.[1] Beim Autofahren kann ich viele kleine Details wahrnehmen: das Geräusch beim Schließen der Tür, das Weiche oder Harte der Sitze, die Rundung des Lenkrads, die Anzeigen auf dem Armaturenbrett, die Beschleunigung der Fahrzeugs oder das Geräusch des Motors beim Losfahren.

Neben der Wahrnehmung der Außenwelt gibt es auch eine Selbstwahrnehmung. Dazu gehören die Gedanken und inneren Erlebniszustände wie Freude, Trauer, Lust, Langeweile, Ärger, Entspannung.

Menschliche Wahrnehmung ist fast immer mit Interaktion verbunden – zum Beispiel der Interaktion zwischen Innen und Außen mit Hilfe der Sinneseindrücke. Diese Interaktion hat mindestens zwei Seiten: einen Sender und einen Empfänger. Insofern gibt es nicht nur Wahrnehmung, sondern auch Wahrgebung.

In diesem Sinne sind Wahrgebung und Wahrnehmung ein Austausch, ein Geben und Nehmen – der Wahrnehmende wird zum Objekt der Wahrnehmung. Die Grenzen auf der materiellen Ebene lösen sich im wahrnehmenden Bewusstsein auf. Die Stille wahrzunehmen bedeutet, zur Stille zu werden, die Stille in sich einzulassen. Das All wahrzunehmen führt dazu, die Weite und Lebendigkeit im Kosmos zu erleben.

Untrennbar mit der Wahrnehmung verbunden sind die Objekte der Wahrnehmung: Hände, Laptop, Auto, Lenkrad. Sie sind sprachliche Benennungen für Wahrnehmungs-Phänomene. Die Sprache dient als zweite Schicht, aufgesetzt auf die sinnliche Wahrnehmung – eine Art Beta-Matrix neben der Alpha-Matrix. Für die alten Griechen war die Sprache eine von Gott gegebene Fähigkeit – auch dies ein Aspekt der Wahrgebung.

Viele unserer Wahrnehmungs-, Gefühls- und Denkmuster haben wir im Laufe des Lebens erlernt. Wir laden diese Muster als eine Art „Software“ aus den kollektiven, morphogenetischen Feldern für uns „herunter“. Wir üben und probieren sie aus, bis sie für uns ganz selbstverständlich werden.

Für den Forscher Rupert Sheldrake ist das bewusste Selbst über diese Felder direkt mit der äußeren Umgebung und den Zuständen des Körpers verbunden – sowohl bei Wahrnehmungsprozessen als auch bei bewusst kontrollierter Aktivität.[2]

Immer, wenn wir diese Strukturen anwenden, beleben wir sie neu. Wir können uns im großen Wahrnehmungsraum relativ frei bewegen und immer die neueste Software herunterladen, wobei die Spielregel, das heißt die Betriebssystemebene, für uns vorgegeben ist. Die Grundstrukturen der Matrix können wir nicht verändern. Auch hier spielt Wahrgebung eine wichtige Rolle.

Von der Wahrnehmung zur Wahrgebung

Vergleichbar mit Kindern, die im Sandkasten spielen und dabei bestimmte Figuren erzeugen, erschaffen wir individuell und kollektiv neue Formen im Wahrnehmungs- bzw. im Wahrgebungsraum der Welt. Die Naturgesetze und der Sand entsprechen dabei dem Betriebssystem (und der Hardware). Die Formen verschwinden nach einiger Zeit wieder, der Sand bleibt jedoch bestehen.

Wir benötigen die Form, um Erfahrungen zu machen und etwas bewirken zu können. Die Formenwelt ist die Ausdrucksebene der Seele – eine Art Spielwiese, um Wahrnehmungen der verschiedensten Art erleben und erschaffen zu können.

Unsere Wahrnehmung ist wie ein Interpretationsinstrument für ein komplexes, mehrdimensionales Universum. Die Energie projiziert sich in unser individuelles raum-zeitliches Wahrnehmungskonstrukt. Ohne eine bestimmte Intensität dieser Projektion können wir sie nicht als materielle Wirklichkeit erleben. Wir konstruieren unsere Realität, indem wir aus dem Energiespektrum die Anteile herausfiltern, die uns entsprechen, und wir ersetzen fehlende Teile, um ein stimmiges Bild zu erzeugen. Wir filtern die für uns bedeutsamen Anteile heraus, während wir das für uns Unbedeutende einfach ignorieren.

Wenn zwei Menschen einen Film im Kino sehen, sind die sinnlichen Eindrücke im Prinzip sehr ähnlich. Die Wahrnehmung des Films kann jedoch komplett verschieden sein. Die Geschehnisse auf der Leinwand dienen als Projektionsfläche für die Wünsche, Ängste und Sehnsüchte des Betrachters. Die Projektion macht die teilweise unbewusste, nebulöse Innenwelt erlebbar. Durch das Mitfühlen mit den Protagonisten wird die Illusion auf der Leinwand "real" – eine Art Feedback als Bestätigung. 

Von der Wahrnehmung zur Wahrschaffung (projektives Erschaffen)

Zwei Forscher, die sich intensiv mit dem Thema Wahrnehmung beschäftigt haben, sind Karl Pribram und David Bohm. Karl Pribram sagt, dass unsere Wahrnehmung der Außenwelt eine Art holographisches Bild ist, das vom Gehirn erzeugt wird.[3] Was außerhalb von uns passiert, ist vergleichbar mit den Funkwellen, die den Fernseher mit einem Bild versorgen. Dabei ist das, was wir für Realität halten, das Bild der äußeren Realität in unserem Kopf.

Hierzu wurde ein Experiment gemacht [4]: Soldaten erhielten die Aufgabe, eine Wegstrecke von 25 Meilen zu laufen, wobei ihnen nicht die richtige Länge gesagt wurde, sondern einem Teil von ihnen eine niedrigere und einem anderen Teil eine höhere Angabe gemacht wurde. In der darauf folgenden medizinischen Untersuchung entsprach der physiologische Stress im Körper der mitgeteilten Angabe und nicht der realen Streckenbelastung. Das heißt, dass wir mehr auf das Modell in unserem Kopf reagieren als auf die Realität selbst.

Dies kann als eine Art von Wahrschaffung gesehen werden. Wir geben den äußeren Dingen eine bestimmte Wahrheit in Abhängigkeit von unserem Bewusstsein. Das würde auch den Placebo-Effekt erklären.

Der Quantenphysiker David Bohm geht noch einen Schritt weiter. Er sieht indirekte Beweise für die Existenz einer Realität jenseits unserer 3D-Realität: das Quantum-Energiefeld oder Quanten-Potenzial. In seinem Buch Ganzheit und implizite Ordnung sagt Bohm: „Wir haben gesehen, dass im Quanten-Kontext die Strukturen in allen unmittelbar wahrnehmbaren Aspekten der Welt aus einer umfassenderen impliziten Ordnung kommen, in der alle Aspekte am Ende verschmelzen in einer undefinierbaren und unermesslichen Holonbewegung." [5]

Michael Talbot schreibt dazu in seinem Buch Das holographische Universum [6]

„Fasst man die Theorien von Bohm und Pribram zusammen, so ergibt sich daraus ein völlig neues Weltbild: Unser Gehirn konstruiert auf mathematischem Wege eine objektive Realität durch die Interpretation von Frequenzen, die letztlich Projektionen aus einer anderen Dimension sind, einer tieferen Seinsordnung, die sich jenseits von Raum und Zeit erstreckt. Das Gehirn ist ein Hologramm, das sich in einem holographischen Universum verhüllt."

Und an anderer Stelle:

Was sich ‚da draußen’ befindet, ist ein unermesslicher Ozean von Wellen und Frequenzen, und die Wirklichkeit erscheint uns nur deshalb konkret, weil unser Gehirn imstande ist, diesen verschwommenen holographischen Eindruck aufzunehmen und in die vertrauten Objekte zu verwandeln, die unsere Welt ausmachen." [7]

Reine Wahrgebung – Reine Wahrnehmung

Die holographische, konstruktivistische Sicht deutet an, wie relativ und wie begrenzt die eigene natürliche Wahrnehmung ist. Das führt unweigerlich zur Frage: Wenn es hinter der Welt der Erscheinungen etwas Universelles, Zeitloses und Raumloses gibt – wie kann ich etwas davon unmittelbar und direkt erfahren?

In dem Buch Die Stimme der Stille spricht H. P. Blavatsky von der Überwindung der sinnlichen Wahrnehmungskonstruktion [8]:

„Erst wenn ihm seine eigene Erscheinungsform so unwirklich vorkommt wie im Wachzustand alle Formen, die er im Traume sieht; wenn er aufgehört hat, die vielen Töne zu hören, vermag er den EINEN wahrzunehmen, den inneren Ton, der die äußeren zum Schweigen bringt. Dann erst, nicht früher, wird er Asat, der falschen Region entsagen, um in das Reich von Sat, zum Wahren, zu gelangen. Bevor die Seele sehen kann, muss die innere Harmonie erlangt und müssen die irdischen Augen für jede Illusion blind geworden sein."

Und weiter heißt es in der Stimme der Stille: „Verschmelze deine Sinne zu einem Sinn."

Diese Worte können als Hinweise verstanden werden, dass es möglich ist, zu einer Art ursprünglicher Wahrnehmung zurückzukehren, die zugleich ursprüngliche Wahrgebung ist. Dann gibt es keine Trennung mehr. Der Wahrnehmende und das Objekt der Wahrnehmung verschmelzen zu einer Einheit. Die Welt des Werdens wird zurückgelassen, und die Wahrnehmung öffnet sich für das Sein.

Das Sein offenbart sich als ungetrenntes Bewusstsein im aktuellen Moment – im Jetzt und im offenen Raum – im Hier.

 

 

 


[1] Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik, https://lexikon.stangl.eu/4674/wahrnehmung

[2]  Rupert Sheldrake, Das schöpferische Universum, S. 196

[3]  Karl H. Pribram, The form within my point of view, S. 127

[4]  Shlomo Breznitz & Collins Hemingway, Maximum Brainpower, S. 165

[5]  David Bohm, Wholeness and the Implicate Order, S. 197

[6]  Michael Talbot, Das holographische Universum, S. 87

[7]  A.a.O.

[8]  Helena Petrowna Blavatsy, Die Stimme der Stille, S. 16

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