cezanne

Wahrnehmung wird aus der Empfindung geboren

zurück zur Startseite pdf share

„Was ich Ihnen wiederzugeben versuche, ist unbegreiflicher, es ist mit den Wurzeln des Seins selbst verflochten, an der ungreifbaren Quelle des Empfindens.“ [1](Paul Cézanne)

Die Quelle der Empfindung, von der Cézanne schreibt, ist immer in uns anwesend – in jedem Augenblick, der ganz der unsere ist.

Es kann dann geschehen, dass ich, von einer Gemäldeausstellung aus dem Museum kommend, plötzlich meine Umgebung und ihre Dinge in einer mir ungewöhnlichen Weise wahrnehme. Zunächst erregen die Steine auf dem Boden meine Aufmerksamkeit: Ich sehe Farben und Farbnuancen auf den Steinen, die wohl Wetterverhältnisse und menschliche Abdrücke auf ihnen hinterlassen haben. Ich tauche ganz in das, was ich da wahrnehme, ein und bin in Einheit mit den Farben und den Konturen. Ich fühle mich aufgenommen in eine magische Welt von Farbschattierungen, Formen und Düften an der Wurzel meiner Empfindungen.

Diesen Quellen unserer Empfindungen ging der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty nach, indem er nach dem Wesen der menschlichen Wahrnehmung forschte.

Maurice Merleau-Ponty (MP) war einer der bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts. „Wenn die Phänomenologie in Frankreich recht bald zu einer eigenen Statur gefunden hat, so ist dies in besonderem Maße Merleau-Ponty zu verdanken.“ [2]

„Phänomenologie, was ist das?“

Mit dieser Frage beginnt MP das Vorwort zu seinem Hauptwerk Phänomenologie der Wahrnehmung.[3]

Der Begriff „Phänomen“ leitet sich vom griechischen Phainomenon ab, das ein Erscheinendes bzw. ein sichtbares Ereignis meint.

Platon unterschied zwischen veränderlichen Erscheinungen und ewigen Ideen. Die Phänomenologie ist eine philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts, begründet von E. Husserl und M. Heidegger, die zu den Phänomenen, zu „den Sachen selbst“ und der Struktur der Erfahrungen der menschlichen Lebenswelt zurückkehren wollten.

Die Phänomenologie gründet auf einer Methode, die ein Phänomen, das heißt eine sinnliche Erfahrung, nicht empirisch, analytisch oder reflexiv intellektuell untersucht, sondern nach ihrem Wesen sucht und dessen Spuren beschreibt.

„Zurückzugehen auf die ‚Sachen selbst’, heißt zurückgehen auf diese aller Erkenntnis vorausliegende Welt, von der alle Erkenntnis spricht und bezüglich deren alle Bestimmung und Wissenschaft notwendig abstrakt, signitiv, sekundär bleibt, so wie Geographie gegenüber der Landschaft, in der wir allererst lernten, was dergleichen wie Wald, Wiese und Fluss überhaupt ist.“ [4]

Empirismus und Intellektualismus

Seine eigene phänomenologische Methode entwickelte MP, indem er sich prozessmäßig von den überlieferten Denktraditionen des experimentellen Empirismus einerseits und dem Intellektualismus andererseits distanzierte.

Die empirische Methode zwängt die Wahrnehmung in ein Kausaldenken und reduziert sie dabei auf ein sinnesphysiologisches Reiz-Reaktions-Schema.

Der Intellektualismus dagegen geht von einem die Welt konstruierenden Subjektbewusstsein aus; dieses stellt wissenschaftliche Theorien auf und formt die Welt, wie sie es wahrnimmt, passend dazu. Descartes zum Beispiel gründet in seinem berühmten Satz Cogito ergo sum seine Existenz auf das Selbstbewusstsein seines Denkens.

MP sagt: „Nicht enthält das Ich-denke auf eminente Weise das Ich-Bin, nicht reduziert sich mein Dasein auf das Bewusstsein, das ich von ihm besitze, vielmehr findet umgekehrt das Ich-denke sich in […] dem Ich-bin seiner Existenz integriert: Das Ich-bin geht dem Denken voraus.“

Das wissenschaftliche Denken schafft sich somit eine eigene Wirklichkeit – in beiden Denkrichtungen findet eine Trennung zwischen dem Subjekt und dem Objekt der Wahrnehmung statt. Es ist eine Entschlossenheit, alles Sein als Ding schlechthin zu behandeln, als wäre es für unsere Manipulationen prädestiniert. „Die Wissenschaft experimentiert mit den Dingen und verzichtet darauf, ihnen beizuwohnen.“ [5]

MP bezeichnet dieses Denken deshalb als ein „überfliegendes Denken“, ein Denken im Überflug, das heißt ein Denken, das nicht in der Natur wurzelt, aus dem es stammt. [6]

Die empirische Methode und der Empirismus überspringen die Tatsache, dass sich Wahrnehmung nur in einem „Leib“ vollziehen kann.

Die zentrale Stellung des menschlichen Leibes

Der Leib des Menschen steht zentral in der Philosophie von MP. Er vermittelt zwischen Körper, Seele und Geist und ermöglicht somit, dass der Mensch ein inkarniertes Wesen ist. Da der Leib als Faktum selbst nicht wahrnehmbar ist, stellt er das fehlende Glied in den Wahrnehmungsprozessen der besprochenen Denktraditionen dar.

„Die Wahrnehmung ist nicht zu beschreiben als eines unter den Fakten, die in der Welt vorkommen, da wir […] nie jene leere Stelle zu unterdrücken vermögen, die wir selber sind […] und […] die Wahrnehmung der ‚Fehler’ in diesem ‚großen Edelstein` ist.[7]

MP zufolge ist der Leib eine Textur aus einem Element, das er als Äther beschreibt, der allen Erscheinungen in unterschiedlichen Seinsmodalitäten zugrundeliegt. Er sagt: „Der eigene Leib ist in der Welt wie das Herz im Organismus: er ist es, der alles sichtbare Schauspiel unaufhörlich am Leben erhält, es innerlich ernährt und beseelt, mit ihm ein einziges System bildend.“ [8] Er ist Ausdruck beseelten Lebens und raumerzeugender Bewegung; er öffnet uns zur Welt hin und kommuniziert mit ihr in der Empfindung, in der unsere Wahrnehmung wurzelt. [9] Der Leib ist auch die Synthesis aller Körperteile, deren Sinne in ihm wurzeln; er ist sozusagen ein „natürliches Ich“. [10]

„Die Theorie des Körperschemas ist implicite schon eine Theorie der Wahrnehmung“ [11], sagt er abschließend.

Die Geburt der Wahrnehmung aus der Empfindung

„Die Kunst und namentlich die Malerei schöpfen aus jenem Meer rohen Sinnes, von dem das produzierende Denken nichts wissen will. Sie sind sogar die einzigen, die dies in aller Unschuld tun. [...] Nur der Maler hat das Recht, seinen Blick auf alle Dinge zu werfen, ohne zu ihrer Beurteilung verpflichtet zu sein. Vor ihm, könnte man sagen, verlieren die Ordnungsbegriffe der Erkenntnis und der Tat ihre Wirkkraft.“ [12]

MP hat einen langen inneren Dialog mit dem Maler Paul Cézanne über dessen Wahrnehmungsprozess geführt, den wir hier in einzelnen Aspekten nachvollziehen wollen.[13]

Cézanne litt ständig unter Selbstzweifeln; er wurde erst spät anerkannt und wurde dann allerdings zum Vorbild für nachfolgende Künstlergenerationen, da in jedem einzelnen seiner Gemälde das ganze Geheimnis der modernen Malerei geborgen liege. Matisse nannte ihn gar „eine Art lieber Gott der Malerei“.

Cézanne liebte es, in der freien Natur zu malen, weil er sich in ihr frei bewegen konnte.

MP: „Er bringt also seinen Leib ein“, und indem er „der Welt seinen Leib leiht, verwandelt er die Welt in Malerei [...], und um dies zu verstehen, muss man den [...] gegenwärtigen Leib wiederfinden, [...] der ein Geflecht aus Sehen und Bewegung ist.“ [14]

Inmitten der Landschaft schaffte Cézanne sich seine Optik, aber „unter Optik verstehe ich ein logisches Sehen, also nicht irgend etwas Vernunftwidriges“, sagte er.

Er sah das ganze Wahrnehmungsfeld vor sich, das heißt den großen Horizont der Landschaft, die Totalität ihrer ganzen Fülle, und indem er sich zunächst Klarheit über ihre geologischen Strukturen verschaffte, erarbeitete er sich sein Sehfeld. Er ließ die Landschaft in sich aufkeimen und fand sein Motiv, eine noch unsichtbare Gestalt. Dann bewegte er sich nicht mehr von der Stelle und schaute nur noch, „bis ihm die Augen“, wie Madame Cézanne sagte, „aus dem Kopf heraustraten“.[15]

MP erläutert, dass Cézanne uns teilnehmen lässt „an einem Wahrnehmungsprozess, der uns einen ‚logos in statu nascendi’ an die Hand gibt jenseits von jedem Dogmatismus unter wirklichen Bedingungen von Objektivität …“ [16] Cézanne malte seine Perspektiven nicht nach den Lehrbüchern. So wirken sie zunächst auf der Leinwand etwas starr; wenn man jedoch genauer hinschaut, so sieht man, dass unser Auge ihre spontane Bewegung ergänzt. Cézanne malte nur nach Maßgabe des erlebten Sichtbaren. MP erklärt, dass die Psychologie erst spät entdeckte, dass die Perspektive, die wir erleben, nicht die der geometrischen Perspektive ist.

Aus diesem Grunde malte Cézanne auch keine festen Konturen um Gegenstände. Seine berühmten Äpfel finden ihre Form nicht durch begrenzende Linien. Er folgte ihren sich wölbenden Rändern durch Farbmodulationen, die sie rund und prall erscheinen lassen, ganz so wie unser Auge, das kein photographisches ist, sie wahrnimmt. Es geht nicht darum, das menschliche Wissen auf Empfindungen zu reduzieren, sondern der Geburt dieses Wissens beizuwohnen. MP sieht in der primordialen Wahrnehmung noch keinerlei Unterschied zwischen den Sinnen. „Erst die Wissenschaft vom menschlichen Körper bringt uns später bei, zwischen unseren Sinnen zu unterscheiden.“ [17]

Cézanne erlebte vielmehr sein Motiv als ein Zentrum, von dem die Sinnesdaten ausstrahlen.

„Die Welt ist das, was wir wahrnehmen“, sagt MP.[18]

Unsere Wahrnehmung der Welt basiert auf einem Grundverhältnis von Körper, Seelenleib und Geist. „Diese Wahrnehmung liegt für mich in der Empfindung“, erklärte Cézanne. Empfindung vollzieht sich wiederum im Leib und durch ihn, denn er versammelt in sich alle Sinne, die nach Ausdruck ihrer zugrundeliegenden „logischen“ Einheit streben. „Die sensorischen Eigenschaften eines Dings konstituieren vielmehr in eins und zusammengenommen ein selbes Ding, so wie mein Blick, mein Gefühl und meine sämtlichen Vermögen ein und dasselbe, den in seinem einheitlichen Handeln integrierten Leib, bilden.“ [19]

Die Unsichtbarkeit in der Sichtbarkeit

Der Mensch steht auf einem doppelbödigen Grund, denn einerseits steht er in einer sichtbaren und andererseits in einer unsichtbaren Welt.

Er hat einen sichtbaren physischen Körper, der durch einen unsichtbaren Leib belebt und beseelt wird.

In dem objektiven Denken des Verstandes und der Wissenschaft, das sich der primordialen Erfahrung entzieht, bildet sich ein Bewusstsein, das ein Phänomen, wie zum Beispiel unseren Körper, objektiv setzt. Indessen „[...] ist schon die Setzung eines einzigen Gegenstandes der Tod des Bewusstseins, da sie, wie eine Lösung durch die Einführung eines einzigen Kristalls sich gänzlich kristallisiert, alle Erfahrung erstarren lässt [...].

Gelingt es uns, dieses Denken zu durchstoßen, [.,.] dürfte dies der entscheidende Wendepunkt sein. Wir werden sehen, wie der Eigenleib sich in der Wissenschaft selbst der Behandlung entzieht, der sie ihn unterwerfen will.“ [20]

Es ist die Kunst, die uns das Rätsel und die Tiefe der Wahrnehmung lehrt

Ein gemaltes Bild ist selbst unsichtbar, aber es macht sichtbar.

Cézanne malt bisweilen Menschen mit Gesichtern wie Gegenstände und bildet die äußere anonyme Wirklichkeit seiner Zeit nach, Indessen, wenn man genauer hinsieht, wird „der Geist sichtbar und ablesbar an den Blicken, die doch selbst nichts anderes sind, als Farbkomplexe. [...] Der Maler, der denkt und unmittelbar auf den Ausdruck zusteuert, verfehlt das Geheimnis des plötzlichen Erscheinens eines Menschen in der Natur, das sich stets erneuert, sobald wir einen Menschen erblicken.“ [21] Das gemalte Bild selbst zeigt uns ein undurchdringliches Gesicht, jedoch, wenn wir uns in das stumme Gesicht vertiefen, enthüllt es uns sein Geheimnis in seinem Ausdruck.

„Es ist, als wüsste jede Stelle von allen“, sagte Rilke über die Bilder von Cézanne.

Das gleiche gilt für das gesprochene Wort: sein Hintergrund ist das Schweigen, das seinen stummen Sinn ausdrücken kann.

Es ist wiederum der Leib, der hier als verborgene Ausdruckseinheit sinnstiftend wirkt, denn Kunst ist eine Ausdruckshandlung.

MP regt an, dass auch der Philosoph, und wir können hinzufügen: auch der Wissenschaftler, sich „auf die stumme vorgegebene Welt einlassen soll, um ihr aus der Tiefe des Schweigens zum Ausdruck zu verhelfen“.[22]

In dieser Durchlässigkeit der Ebenen, die alles mit allem verbindet, in welcher der Leib selbst einer unsichtbaren weltumspannenden Matrix zugehört, sieht MP ein zukünftiges Denken und ein neues Sein des Menschen.

„Das, was existiert, ist eine unendliche Aufgabe.“ (Maurice Merleau Ponty)

 

 


[1] Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, Philosophische Essays, Hamburg 2003, S. 275

[2] Bernhard Waldenfels, Phänomenologie der Wahrnehmung in Frankreich, Frankfurt 1987, S. 142

[3] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin, 1966, S. 3

[4] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 5

[5] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 437

[6] Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, a.a.O., S. 27

[7] Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, a.a.O., S. 277

[8] Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, a.a.O., S. XIV (Einleitung)

[9] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 239

[10] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 243

[11] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 242

[12] Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, a.a.O., S. 277

[13] Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, Frankfurt 1987, S. 11-33

[14] Maurice Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist, a.a.O., S. 278

[15] Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, a.a.O., S. 16-22

[16] Maurice Merleau-Ponty, Das Primat der Wahrnehmung, Frankfurt 2003, S. 50

[17] Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, a.a.O., S. 19

[18] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 13

[19] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 368

[20] Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, a.a.O., S. 96

[21] Maurice Merleau-Ponty, Der Zweifel Cézannes, a.a.O., S. 20

[22] Maurice Merleau-Ponty, Das Sichtbare und das Unsichtbare. Philosophische Essays, Hamburg 2003, S. 56

zurück zur Startseite pdf share