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Was will werden? Was wird. Was ist

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Ein Mensch, der die Reise zum Mittelpunkt seines Wesens beginnt, durchläuft verschiedene Aspekte der Zeit. Betrachtet er das Leben, indem er darüber nachdenkt, dann fragt er: „Was will werden?“. Betrachtet er es mit dem Herzen, dann erfährt er: „Was wird“. Und durch sein zeitloses Wesen sieht er: „Was ist“.

Wer würde nicht gern in die Zukunft schauen, um unangenehmen Überraschungen aus dem Wege zu gehen? Die Wettervorhersage warnt vor Unwettern. Viele Unternehmer nutzen statistische Methoden, um den Erfolg ihrer Angebote in der Zukunft abzuschätzen.

In dem Moment, in dem wir uns mit der Frage beschäftigen: „Was will werden?“, bewegen wir uns physikalisch gesehen in der 4. Dimension, der Zeit. Jeder Werde- oder Entwicklungsprozess ist zeitgebunden.

Zeit hat verschiedene Aspekte

Der Ökonom betrachtet die Zeit als etwas Quantitatives: Wie kann ich Produktionsabläufe so strukturieren, dass ich immer mehr in immer kürzerer Zeit produzieren und in Geld umsetzen kann? Er sucht heute nach den optimalen Produktions- und Vertriebsabläufen von morgen, um in immer kürzerer Zeit immer mehr zu verdienen. Die Börsen honorieren das mit steigenden Aktienkursen. Hier ist Zeit eine rein quantitative Variable, an der unsere Wohlstandsgesellschaft ihren Erfolg misst und mit der sich im Rahmen des Wettbewerbs feststellen lässt, wie schnell und nachhaltig eine Ökonomie wächst.

Eine wichtige Säule dieses Erfolgs ist die hohe Verfügbarkeit von Wissen. Wir sind im Informationszeitalter angekommen. Und der erfolgreichste Informationskanal ist das Glasfaserkabel, in dem Licht zur Weiterleitung von Information verwendet wird. Licht ist das schnellste Medium im Universum. Wissen breitet sich heute mit Lichtgeschwindigkeit aus.

          Wir komprimieren die Zeit

In früheren Zeiten wurden komplexere Fragen, die mit entfernt lebenden Mitwirkenden gelöst werden mussten, auf dem Postweg verschickt. War der Brief an die Post übergeben, dann trat eine Phase des Wartens oder weiteren Nachdenkens ein, da die Antwort vielleicht, wenn es schnell ging, nach einer Woche zu erwarten war. Wird heute die Frage über das Internet versendet, dann ist sie in wenigen Sekunden beim Empfänger. In wenigen Minuten ist dann vielleicht die Antwort da. Auf diese Weise steigert sich die Anzahl der Handlungen, die in einem Zeitabschnitt möglich sind. Wir haben gelernt, die Zeit zu komprimieren, indem wir die Handlungsgeschwindigkeit erhöhen.

Diese Quantität von Information und Handlung in der Zeit ist letztlich ein Fundament unserer westlichen Gesellschaft. Sie lebt in vielen Bereichen nach der Prämisse „Quantität statt Qualität“. Die Quantität erzeugt eine gewisse Oberflächlichkeit im Erleben und einen undefinierbaren Hunger, der sich nicht sättigen lässt. Mit diesem Hunger jagt der moderne Mensch nach immer größeren und exklusiveren Konsumerlebnissen. In seinem Inneren verschwinden die Erlebnisse wie in einem großen Schwarzen Loch, in das alles ohne Sättigungsgefühl hineinfällt.

          Das Schwarze Loch

Alle Zeitstrukturen „Was will werden?“, „Was wird“ und „Was ist“ sind bereits in uns vorhanden und erfahrbar. Je nachdem, wo ein Mensch mit seiner inneren Achtsamkeit steht, kann er eine von ihnen erleben. Betrachten wir den Menschen wie einen Kreisel, dann stabilisiert er sich in seinem Leben, indem er sich mit hoher Geschwindigkeit dreht. Entsprechend der Dynamik in einem Kreisel hat sein Leben am äußeren Rand eine hohe Geschwindigkeit – während in der Mitte die Zeit vollkommen stillsteht. Leichter zu erkennen ist diese Kreiselform im Universum. Die Milchstraße ist ein Spiralnebel, in dem sich unsere Erde mitbewegt und dessen Form an einen Kreisel erinnert. Ihr Zentrum besteht nach den Erkenntnissen der Wissenschaft aus einem Schwarzen Loch. Schwarze Löcher sind hochgradig verdichtete Materie und Quellen enormer Gravitationskräfte. Sie wirken strukturierend im Raum, krümmen ihn und verlangsamen die Zeit. Letztlich verleiht das Schwarze Loch der Galaxie Form und Bewegung. Es verschlingt große Mengen an Materie und presst sie auf kleinstem Raum zusammen. In seinem innersten Punkt steht die Zeit still und wird zur „Nicht-Zeit“, und der Raum ist so stark komprimiert, dass er zum „Nicht-Ort“ wird.

Der Mensch ist ein „Mikrokosmos", wie die hermetische Philosophie sagt, symbolisch eine Miniatur des gesamten Universums und, wenn man es aus geistiger und spiritueller Sicht betrachtet, kann man in mancher Hinsicht das Bild des Spiralnebels auf ihn anwenden. Entsprechend dessen Dynamik erfährt der Mensch, wenn er sich mit seiner inneren Achtsamkeit vom Zentrum entfernt, dass die Geschwindigkeit seines Lebens zunimmt. Viele Menschen laufen heute auf dieser äußersten Umlaufbahn, die ihnen die Erfahrung jener schnell brennenden Lebensbahn vermittelt, wie wir sie täglich erleben, immer danach suchend, was werden will. Irgendwann haben sich die Erfahrungen ihres Geschwindigkeitsrausches so verdichtet und komprimiert, dass Kräfte wirksam werden, die an die Gravitationskräfte in einem Schwarzen Loch erinnern.

          Vom Zentrum gehen Kräfte aus

Ähnlich den Gravitationskräften eines Schwarzen Loches im Universum gehen vom Zentrum des Menschen Kräfte aus, die das Erleben von Raum und Zeit verändern. Auf diese Weise erlebten Mystiker wie Jakob Böhme, Rumi oder Meister Eckhart eine Dynamik, die die eigene Welt aus den Angeln hob.

Es gibt heute einige Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass die Raumzeit in einem Schwarzen Loch auseinanderfällt. Das würde zugleich bedeuten, dass es eine tiefere physikalische Struktur mit anderen Gesetzen gibt, in der das Schwarze Loch seine Wurzeln hat. Auch in der Geistesgeschichte der Menschheit gibt es die Ideen verschiedener Philosophen und Menschheitslehrer, die davon ausgehen, dass der Mensch in seinem tiefsten Inneren, in seinem „Schwarzen Loch“ in einer anderen Natur wurzelt.

Der qualitative Aspekt der Zeit

Die Verdichtung der Erfahrungen zieht die Achtsamkeit von der Außenkante des Spiralnebels langsam hin zum Zentrum. Hermann Hesse lässt Siddharta in seiner gleichnamigen indischen Erzählung feststellen, was dann passiert. Der Mensch kann in der tiefen Meditation die Zeit aufheben. Ihr qualitativer Aspekt rückt in den Vordergrund. Aus dem „Wieviel kann ich erleben?“ wird ein „Was erlebe ich?“ Der Mensch wird also mit der Dimension der Tiefe verbunden. In den westlichen Gesellschaften werden sich zurzeit viele Menschen des Mangels an Tiefe bewusst. Durch die pandemische Situation ist die Erlebnisgeschwindigkeit abgebremst. Im spirituellen Bereich wird eine solche „Erlebnisbremse“ durch Meditation erzeugt. Der Mensch verschließt seine Sinnesorgane zeitweilig vor der Außenwelt, lässt sich nach innen ziehen und wird sich seiner Tiefe bewusst.

          Die Tür zur Tiefe

Beginnt man, sein Leben zu reflektieren und zu hinterfragen, dann werden die unterschiedlichen Qualitäten der Zeit erfahrbar. Zeit bedeutet Einmaligkeit. Jeder Zeitpunkt vergeht, und es ist unmöglich, zu ihm zurückzukehren. Jeder Zeitpunkt ist einmalig und nur zu erfassen, wenn die Frage „Was will werden?“ – das Credo der dynamischen quantitativen Zeit – zu einem „Was wird“ als dem Ausdruck einer bewusst reflektierten, qualitativen Zeit wird. Allein im „Jetzt“ öffnet sich eine Tür zu einem ganz neuen Verständnis von Raum und Zeit.

Die qualitative Zeit besitzt eine Tür zur Dimension der Tiefe. Viele Mystiker haben versucht, den Menschen diese Dimension vor Augen zu führen. Sie öffnet sich zu einem Raum, der nicht begrenzt ist. Sein Mittelpunkt ist ein „Nicht Ort “, die „Zeit“ dort eine „Nicht Zeit“. Jedes „Was will werden?“ kommt dort zum Stillstand, wird in einer stillen Betrachtung zu einem „Was wird“.

Das allgegenwärtige Sein

Dieses „Was wird“ ist mit einer totalen Präsenz im absoluten Moment der Gegenwart verbunden. Das Leben offenbart sich von Moment zu Moment. Herman Hesse beschreibt darüber hinaus noch einen Zustand, der am Ende seiner Erzählung Siddharta zum Tragen kommt. In der großen Schau, die Siddharta seinem Freund Govinda zuteilwerden lässt, kommt es zu einem „Was ist“, das die Erfahrung beinhaltet, dass alles bereits ist, dass alles gleichzeitig besteht als ein Aspekt der Einheit. Aus dieser Erfahrung verabschiedet sich Govinda mit einem brennenden Herzen.

Schwarze Löcher sind nicht dunkel, weil sie kein Licht enthalten, sondern weil ihnen nichts Wahrnehmbares zu entkommen scheint. Und doch strahlen sie Energie in Form quantenverschränkter Information aus. Diese Information scheint nicht den Gesetzen der Raumzeit zu unterliegen, sondern hat etwas „Allgegenwärtiges“. Die Gesetzmäßigkeiten sind hoch abstrakt mathematisch. Aber es gibt in der Geschichte der Menschheit Philosophen und Mystiker mit Erfahrungen, die eine Entsprechung hierzu haben. Herman Hesse schreibt davon in seinem Siddharta.

Wenn im Menschen der Aspekt erwacht, in dem er „Buddha“ ist und das Leiden sein Ende findet, die Tiefe also, aus der heraus er mit geschlossenen Augen alles sieht, dann ist er in dem „Was ist“ angekommen. Er ist wie eine Galaxie, aus dessen Mittelpunkt die Kräfte des „Schwarzen Loches“ die gesamte „Galaxie“ in eine neue Ordnung bringen.

 

Literatur:

Hermann Hesse, Siddharta, eBook, Suhrkamp 2011

Marianne Oesterreicher (Hrsg), Hans-Peter Dürr, Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen, Herder 2004

https://www.quantamagazine.org/the-black-hole-information-paradox-comes-to-an-end-20201029/?s=08
 

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