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Welterfahrung als ein „Innen“ – Teil 3

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Zu Teil 2

 

G.F.: Gibt es eine Möglichkeit, in einen bewussten Kontakt zu treten mit dem wahren Ich? Kann sich mir, in meinem aktuellen Bewusstsein, dieses ursprüngliche, wahre Ich, meine wahre Identität, offenbaren?

Wie entsteht Erkenntnis?

Prof. Schad: Versuchen wir, die Nähe zum wissenschaftlichen Denken auch in diese Frage einzubringen, sodass wir da nicht nur in Vermutungen und blinden Erwartungen steckenbleiben. Es ist ja ein interessantes Feld, wie fruchtbare, problemlösende Erkenntnis und Verständnis auftreten. Wie geschieht dieser Vorgang? Wir brauchen eine Erkenntniskunde, die über die Gewinnung von Erkenntnis genauere Auskunft gibt. Der Pädagoge Friedrich Copei hat in den 30er Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel „Der fruchtbare Moment im Bildungsprozess“. Darin fragt er: Was ist der fruchtbare Augenblick in der religiösen Erfahrung? Was ist der fruchtbare Augenblick in der Kunsterfahrung, in der schöpferischen Kunst? Was ist der fruchtbare Moment im Wissenschaftlichen? Ich beziehe mich jetzt auf das Letztere. Copei trägt eine Reihe von Selbstschilderungen zusammen, wie bedeutende Entdeckungen gemacht worden sind.

Einer der größten Mathematiker des 19. Jahrhunderts war Friedrich Gauß. Er hat zum Beispiel die Gleichungslehre grundlegend erforscht. Gauß hat mal geschildert, wie ihm seine entscheidenden Erkenntnisse kommen. Es beginnt damit, dass die Problemstellung möglichst gut herausgearbeitet werden muss. Dann sitzt er am Schreibtisch und versucht, alle Mittel zur Lösung, die er bisher verwendet hat in seiner mathematischen Kunst (Kunst kommt von können), zu verwenden. Er kommt damit jedoch nicht gleich weiter, wenn er vor einem völlig neuen Problem steht. Gauss beschreibt dann, dass, wenn er drei Wochen lang am Schreibtisch intensiv um Problemlösungen gerungen und immer wieder darüber geschlafen hat und trotzdem nicht weitergekommen ist, er alles liegengelassen und seinen Spazierstock genommen hat und über die Felder gewandert ist. Wenn das Wetter schön war und er den blauen Himmel auf sich wirken ließ, die weißen Wolken und die grünende Saat der Felder und den zarten Wind – dann war leicht in einem Augenblick die Lösung da.

Da ist also deutlich, dass er nicht etwas erdacht hat, sondern etwas geschenkt bekommen hat. Große Entdeckungen erfährt der Entdecker als Geschenke aus einer – Platon würde sagen – Ideenwelt. Da die Ideenwelt von Platon jedoch noch deterministisch ist, will ich mich nicht fest auf Platon berufen, aber es gibt das Geschenk aus einer Welt, die aus den Zusammenhängen der Weltinhalte besteht. Denken ist, Einblick in die Zusammenhänge zu bekommen. Und Ähnliches kann man auch von anderen Wissenschaftlern schildern. Heisenberg hat ein ähnliches Erlebnis geschildert, was ihm die Lösung eines monatelangen Problems ermöglicht hat. Er gelangte auf Helgoland nach einer durcharbeiteten Nacht zu einer entscheidenden Innovation für die erste Berechnung des einfachsten Atoms mit Hilfe eines von ihm neu entdeckten mathematischen Verfahrens. Jedes Mal ist es so, dass die Welt in einem spricht und man nicht mehr selber. Das ist das geistige Erlebnis im Erkennen.

G.F.: Das kannst du jetzt auf ganz viele Dinge anwenden. Du gehst auf eine Suche und gelangst bis zu einer Grenze und kommst nicht weiter und dann kommt dir unverhofft etwas entgegen. Es ist sozusagen eine Begegnung, die stattfindet, die plötzlich eine neue Ebene in deinem Bewusstsein begründet. Du kannst dies auch in Bezug auf Begegnungen mit Menschen darstellen. Du bemühst dich um eine andere Ebene in der gemeinsamen Arbeit oder im Zusammensein und plötzlich kommt dir diese Ebene entgegen. Und du kannst es in Bezug auf dich selbst erleben. Das Ich, das wir jetzt gerade sind, kann diesem geistigen, nicht fassbaren Ich, das „wir“ auch sind, in gewisser Weise begegnen, genauer gesagt, von ihm ergriffen werden, von ihm über die Grenze gehoben werden. Das geschieht durch die innere Suche nach der Auflösung der Trennung, nach der Auflösung der Dualität. Es ist immer dieses große Ereignis einer Begegnung aus dem für uns unbekannten Weltenbereich. Und meine Vorstellung ist, dass durch eine solche Bemühung die Welt insgesamt verwandelt wird. Voraussetzung ist die Bereitschaft, selbst verwandelt zu werden. Sie eröffnet uns die Möglichkeit, die Probleme, die wir hier überall auf der Welt herbei geführt haben, auf einer höheren Ebene zu lösen, indem wir diese höhere Ebene als Zukunft in uns erwecken.

Erkenntnis als Akt der Heilung

Prof. Schad: Das, worüber wir gerade sprechen oder zu sprechen versuchen, findet sich bei Hegel in einer optimalen Formulierung. [Er holt ein Buch.] Ich zitiere die Sätze: „Daraus ergibt sich, dass dem Gegenstande, indem und dadurch, dass er begriffen wird, nicht etwas angetan wird, was ihn selbst nichts anginge, sondern dasjenige widerfährt, worauf er angelegt ist und was zu ihm selbst als ein zu seiner Vollendung Unentbehrliches hinzugehört.“

Das heißt, indem ich einen Gegenstand der Welt verstehe, vollziehe ich einen Heilungsakt an dem Gegenstand selbst, weil die Trennung zwischen dem Gegenstand und mir nicht nur vom Gegenstand her, sondern auch von mir dem Gegenstand gegenüber aufgelöst wird. Das heißt, das Denken des Menschen wird plötzlich therapeutisch-schöpferisch für die Weltinhalte. Das steckt in diesem Hegelschen Zitat drin. Und das ist ein ausgezeichneter Hinweis auf das Wechselspiel zwischen Welt und Mensch. Wenn dieses Wechselspiel auf die rechte Weise stattfindet, hebt es den Gegensatz auf und der Mensch wird Weltinhalt und die Welt Menscheninhalt.

Das Wort Welt ist in diesem Zusammenhang so stark verallgemeinert, dass alles, was ich an Einzelheiten antreffe, darauf passt. Ich kann das sogar meinem Leib gegenüber anwenden, denn den Leib kann ich auch zum Gegenstand meines Erkennens machen. Er ist ja auch in dem Sinne „Welt“ und nicht „Ich“.

Wenn man also vorschnell von der Einheit von Geist, Seele und Körper redet, ist das eine Zusammenrührung in einem Topf, die das Weltverständnis verhindert.

G.F.: Die Menschheit wird in der Zukunft auf eine neue Weise in Beziehung treten müssen zu allem, was auf der Erde anzutreffen ist. Und dabei darf nicht nur der Verstand wirken, sondern er muss ergänzt werden durch eine Herzensoffenheit. Sie kann neue Beziehungsräume begründen, in die der tiefe innere Quell, der in uns liegt, hineinwirken kann. Das setzt voraus, dass der Mensch an sich selber arbeiten muss. Dann kann er die liebevolle, offene und auch verstandliche Zuwendung an die Welt leisten. Das scheint mir zu den wichtigen Ergebnissen eines guten inneren, geistigen Weges zu gehören.

Idee und Vernunft

Prof. Schad: Wir haben hierfür sogar eine Hilfe in der Sprache, nämlich den Unterschied von Verstand und Vernunft, den Kant ja auch sehr schön beschrieben hat. Der Verstand geht mit Begriffen um, die Vernunft mit Ideen. Begriffe sind definierbar, Ideen sind wachstümlich. Dadurch ist die Vernunft etwas, mit dem ich die Welt nicht nur als Sein sondern auch als werdendes Geschehen ergreifen kann, weil hier das Denken mitwachsen kann mit der Welt. Das Wort Vernunft kommt von vernehmen. Das heißt, nicht ich projiziere mich auf den Gegenstand mit meinen Denkmodellen, sondern ich habe die Fähigkeit zu vernehmen, was der Gegenstand mir geistig sagen kann. Und da gibt’s nichts, was mich nicht beschenken kann. Also die Umkehrung der Wirkrichtung ist in dem Wort vernehmen ganz wunderbar drin: ich bin offen, ich höre zu, ich bin für die Welt ein Vernehmender. Deswegen ist der Vernunftbegriff so viel schöner, als wenn ich im Verstand bleibe, weil ich da ja nur angewurzelt stehe. Im Verstand stehe ich nur, in der Vernunft werde ich für einen Zusammenhang geistig wahrnehmend.

G.F.: Rilke hat in vielen Gedichten zum Ausdruck gebracht: Die Dinge wollen wahrgenommen werden, die Dinge wollen vom Menschen aufgenommen werden und in seiner Neunten Elegie schreibt er, sie trauen dem Menschen ein Rettendes zu. Sie trauen uns also zu, dass wir sie in uns tatsächlich auf eine neue Ebene der Wirklichkeit heben, die über die jetzige hinausreicht.

(wird fortgesetzt in Teil 4)

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