people

Wirklichkeit - Teil 1

zurück zur Startseite pdf share

L.: Herr Kirchhoff, ich habe eine Reihe Ihrer Bücher gelesen, darunter das Werk Die Anderswelt. Es trägt den Untertitel Eine Annäherung an die Wirklichkeit. Was haben Sie mit dem Begriff Anderswelt gemeint?

Eine zweite Seinsebene – die eigentliche Wirklichkeit

J.K.: Es gibt viele Indizien dafür, dass es hinter der uns bekannten und vertrauten physisch-sinnlichen Welt eine zweite Weltebene gibt, eine zweite Seinsebene. In ihr sehe ich die eigentliche Wirklichkeit. Das heißt nicht, dass die Sinnenwelt nur eine Phantasmagorie wäre, aber sie ist in gewisser Weise, wie es der Philosoph Schelling formuliert hat, nur „halb real“. Sensiblere Menschen spüren das immer wieder. Die physisch-sinnliche Welt ist allein aus sich heraus nicht verstehbar. Man kann sie nur verstehen, wenn man berücksichtigt, dass es eine umfassendere Wirklichkeit gibt. Auch die physisch-sinnliche Welt ist wirklich, sie ist greifbar, kann Freude verursachen oder Schmerzen. Aber es tritt immer wieder das Gefühl auf, dass da noch etwas Anderes ist. Mein Buch hat ja auch einen zweiten Untertitel: Raum, Zeit und Selbst in veränderten Bewusstseinszuständen.

L.: Ich glaube, dass mein eigenes Leben geprägt ist von vielen Berührungen aus Bereichen, die Sie als Anderswelt bezeichnen. Und ich habe sehr viele Darstellungen von Schriftstellern und Dichtern gelesen, bei denen es um solche Berührungen ging. Eine Stelle in Goethes Faust lautet:  

Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen

ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen:

des Lebens Fackel wollten wir entzünden,

ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!

Geht es hierbei auch um die Anderswelt?

J.K.: Ja, das ist diese berühmte Stelle, wo Faust sich abwendet, weil das Licht zu hell ist. Er erlebt den Sonnenaufgang in den Bergen. Dann wird das Licht immer stärker, und schließlich, von Augenschmerz durchdrungen, wendet er sich ab und spricht die Worte: "So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!“ Faust erkennt, dass wir die andere, die höhere Welt nicht direkt erfahren können. Etwas später erlebt er in einem herabstürzenden Gebirgsbach den Regenbogen und kommt zu der Erkenntnis: „Im farbigen Abglanz haben wir das Leben.“

L.: Am Schluss des Faust heißt es ja auch: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“

J.K.: Ja, auch das ist ein Hinweis darauf, dass es eine zweite Wirklichkeitsebene gibt und dass diese erfahrbar ist.

L.: Aber wir haben uns von ihr abgewandt.

J.K.: Es ist gut belegt, dass wir als Menschheit das durch Jahrhunderte und Jahrtausende hin getan haben. Es gibt viele Evidenzen, viele Erfahrungen in Bezug auf die höhere Wirklichkeit. Auch ich habe in dieser Richtung sehr viel erlebt. Es ist keine Phantasie, es ist eine Grunderfahrung seit meinem 19. Lebensjahr, dass man in Kontakt kommen kann mit der höheren Wirklichkeit.  

L.: Welche Charakteristika hat diese Wirklichkeit?

Der Einzelne ist dort mehr er selbst

J.K.: Man muss sie in Relation setzen zu der physisch-sinnlichen Welt, die wir kennen. Wir können in uns hineinblicken, meditativ oder auch gedanklich-meditativ, und zu bestimmten Schichten unseres Wesens gelangen, bei denen wir das Gefühl haben: das kenne ich, daran erinnere ich mich, ja, das bin ich eigentlich. Diese andere Wirklichkeit ist nicht einfach ein Spiegelbild unserer physisch-sinnlichen Welt. Sie überschreitet die normalen Raum-Zeit-Koordinaten, die wir kennen. Ich habe zwar den Begriff Anderswelt gewählt, der aus der keltischen Mythologie stammt (im Englischen: Otherworld). Die Kelten hatten dem Begriff aber eine andere Bedeutung gegeben. Für sie war die Anderswelt mehr oder weniger eine feinstoffliche Dublette unserer Welt.

Die Ebene, von der ich spreche, ist tiefer verankert. Das auszudrücken, bringt uns an die Grenze der Sprache. Der Einzelne ist in der Anderswelt mehr er selbst, als er es hier ist. Raum ist mehr Raum, Zeit ist mehr Zeit. Das Selbst, der Raum, die Zeit sind tiefer eingehängt – in einem Wurzelgrund der Zeit, des Raums, des Selbst, in einer Ursprungssphäre. Und diese Ursprungssphäre ist geschützt. Man kann sie nicht einfach betreten, so wie man eine Reise unternimmt. Es bedarf bestimmter Voraussetzungen. Es gibt immer eine geheime Tür zur Anderswelt, aber man muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um sie zu öffnen und dort gültige Erkenntnisse zu gewinnen. Es hat mit Meditation zu tun, mit einer bestimmten Art des Denkens und mit Authentizität.

L.: Jeder Mensch hat ein Bewusstsein. Wie ist die Beziehung unseres Bewusstseins zu den Bewusstseinsbereichen der Anderswelt?

Allbewusstsein – Weltseele – lebendiger Raum 

J.K.: Bewusstsein ist eine Grundqualität der Welt überhaupt. Alles ist letztendlich auch Bewusstsein. Nach meiner Überzeugung leben wir in einer Bewusstseinswelt. Das Vorhandensein von Bewusstsein ist das Nicht-Hintergehbare, wenn wir reden, wenn wir denken, wenn wir fühlen, wenn wir sind. Unser Dasein ist kondensiertes Bewusstsein. Man kann sagen, wir sind ein Wirkprinzip der Weltseele, in ihr ist unser gemeinsamer Wurzelgrund. Daraus leitet sich das Bewusstsein ab und deswegen können wir einander auch verstehen.

L.: Kann man sagen: Die Anderswelt ist Allbewusstsein?

J.K.: Ja, sie ist in gewisser Weise Allbewusstsein, in gewisser Weise auch die Weltseele, Raum, lebendiger Raum, in dem die Trennung durch Abstände und Entfernungen aufgehoben ist, das heißt: hier ist auch dort und dort ist auch hier. Es ist eine andere Art von Räumlichkeit, die das physisch-sinnliche, das perspektivische Wahrnehmen überschreitet. Ferne kann dort Nähe sein.

L.: Kann man sagen, dass der Begriff Raum in der Anderswelt eine Verbundenheit durch Bewusstsein bedeutet?

J.K.: Ja, dem würde ich zustimmen. Man könnte es dann noch weiter ausdifferenzieren.

L.: Bei uns ist das Raumempfinden Trennung, Getrenntsein des Einen vom Anderen.  

J.K.: In der höheren Wirklichkeit sind wir als Individuen auch in gewisser Weise voneinander getrennt. Wir schwimmen nicht nur im Meer des Allbewusstseins, sondern sind als Individuen spezielle Existenzen. Durch das Ich – das betone ich immer wieder – durch das Ich als solches haben wir auch einen Zugang zur Anderswelt. Das Ich ist ein hohes Gut.

Das kleine und das große Ich

L.: Die Mystiker und Gnostiker sprechen von der Ich-Überwindung. Seit jeher wird gesagt, das Ich dieser Welt kann nicht in die göttliche Welt eingehen.

J.K.: Ich unterscheide zwischen dem „kleinen“ Ich und dem „großen“ ICH. Da ist einmal das normale Ich, das Ego. Zwei Iche treffen aufeinander, stehen sich sozusagen gegenüber und kommen ggf. in Konflikt. Aber das Ich im tiefsten Sinne, als das große ICH verstanden, ist die eigentliche Essenz des Einzelnen. Es ist dasjenige, was die Reinkarnationen ermöglicht. Reinkarnation bedeutet nicht, dass der Mensch, wie er sich hier als ein Ich darstellt, einfach weiter geht, durch den Tod hindurch. Nein, das Bewusstsein, was wir hier kennen, wird aufgelöst. Was weiter geht, ist etwas anderes, etwas Größeres, Stärkeres, etwas, das mehr durchflutet ist von der Weltseele, und das ist das große ICH. Und dieses ICH ist es auch, das sich erinnert.

L.: Das könnte man auch als das wahre Selbst des Menschen bezeichnen.

J.K.: Das ist richtig. In meinem Werk Die Anderswelt habe ich versucht, eine Sprache zu verwenden, die nicht die übliche spirituelle oder auch esoterische Sprache ist. Ich habe ganz bewusst für manche Dinge andere Begriffe benutzt. Deswegen habe ich das Wort „höheres Selbst“ oder „wahres Selbst“ nicht verwandt. Stattdessen spreche ich vom kosmischen Anthropos. Mit kosmisch meine ich geistig-kosmisch. Das ist ein Begriff, der letztlich auch das höhere Selbst meint. Ich wollte die eingefahrene Begrifflichkeit aufbrechen. Das kleine Ich hat keinen Zugang zur Anderswelt. Die Individualität des Menschen hat sozusagen einen vergänglichen Teil und einen unvergänglichen Teil. Der unvergängliche Teil hat den Zugang zum Göttlichen.

L.: Wie bekomme ich als ein Ich dieser Welt Zugang zu dem kosmischen Anthropos, der „Ich“ in der anderen Welt bin?

Der Zugang zu mir selbst

J.K.: Ja, das ist ein Bewusstseinsweg. Wir sind Bewusstseinswesen, wir durchlaufen verschiedene Inkarnationen und dabei reifen wir. Es gibt wohl einen Ursprungsimpuls, in dem alles schon irgendwie vorhanden ist. Ich habe in meinen Werken das Wort archeteleologisch benutzt. Arche bedeutet Ursprung und Telos Ziel. Das Wort soll aussagen, dass Ursprung und Ziel des unsterblichen Menschen von vornherein miteinander vereint sind. Dadurch wird es auch möglich, dass wir uns an unseren Ursprung erinnern. Er ist in gewisser Weise immer mit anwesend. Das heißt nicht, dass unser Leben in einer vorher festgelegten Weise abläuft. Aber das wahre Selbst oder der kosmische Anthropos ist unsere Uressenz, das sind wir eigentlich, darin wurzeln wir, das macht unsere Würde letztendlich aus.

Man kann diesen kosmischen Anthropos auch verraten. Man kann ihn durch irrsinnige Taten und Einstellungen missachten. Das löst dann einen karmischen Bumerang aus.

Also: wie ist der Zugang? Wir befinden uns auf einem langen Weg, über viele Inkarnationen hinweg, der nicht einfach ist. Der Zugang ist dann ein Sich-Erinnern an die eigene Essenz. Man erinnert sich an sich selbst. Platon nannte das Anamnesis.

L.: Die Gnostiker sprachen von dem großen Vergessen-

J.K.: In der Regel haben wir unseren Ursprung vergessen, er ist verschüttet. Viele Menschen haben keinen Zugang zu ihm. Und sie haben vielleicht auch niemanden, der ihnen hilft oder ihnen Hinweise gibt. Es ist also schwierig. Es ist ein Weg, der nicht einfach vom Himmel fällt. Man kann einzelne Erfahrungen machen, es kann plötzliche Öffnungen geben, eine Tür kann sich für Momente auftun, aber das reicht nicht. Es bedarf eines Weges und der Hilfestellungen.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

zurück zur Startseite pdf share