Astronomy

Wirklichkeit - Teil 2

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Nach Teil 1

 

L.: Meine Wahrnehmung ist, dass sich jeder in einer Zweipoligkeit befindet. Ich bin der niedere Pol, und dann ist da der höhere Pol meines Wesens, der in einer großen Tiefe verankert ist. Wenn ich einmal von ihm berührt worden bin, versuche ich, die Beziehung zu ihm aufzubauen. Ein erster Schritt ist wohl die Sehnsucht.

J.K.: Ja, richtig. Man hat ja oft auch in normalen Zuständen das Gefühl: Da ist noch etwas Anderes. Das haben sehr viele Menschen. Aber was mache ich dann? Es ist eine Zweipoligkeit. Man kann sagen: es gibt den Inkarnationspol und den Exkarnationspol. Beide sind in uns. Das heißt: Wir sind immer auch schon gestorben. Wir sind gleichzeitig immer auch da, wo wir nach dem Tode sein werden. Der Tod ist stets anwesend, nicht als ein Schreckgespenst, sondern als eine eigene Seinsqualität. Insofern können wir uns auch an den Tod erinnern. Wir kennen ihn, weil wir letztlich in der Tiefe auch der Tod sind, in diesem tiefen spirituellen Sinn: nicht im Sinne eines Schreckgespenstes, durch das wir vernichtet werden. Denn das werden wir ja gar nicht.

Das Meer, die Sonne, die Sterne

L.: Könnten wir auf die einfachsten Berührungen durch die Anderswelt zu sprechen kommen? Viele Menschen haben eine Sehnsucht nach dem Meer. Oder sie schauen nachts, wenn es möglich ist, in den Sternenhimmel. Oder – das Allereinfachste –, sie stellen sich in die Sonne.

J.K.: Ja, und warum machen sie das? Das Meer ist die Weite, die Weiteempfindung, und die Sonne hat das Licht. Aus meiner Naturphilosophie wissen Sie, dass ich das Licht anders sehe, als es von der Naturwissenschaft gesehen wird. Das Licht per se, das Licht als solches ist an sich schon ein Anderswelt-Phänomen.

L.: Wir erleben die Außenseite der Dinge. Schon die einfache Logik kann uns sagen, dass es daneben auch eine Innenseite der Dinge geben muss.

J.K.: Das wissen wir ja auch von uns selbst. Wir haben ein Außen und ein Innen, und alle Dinge haben ein Innen. Es geht bei der Anderswelt um das Innen. Wenn ein Mensch gern den Sternenhimmel betrachtet – wenn er’s denn kann in der Zeit der Umweltverschmutzung, dann liegt darin auch etwas ihn tief Berührendes. Die Betrachtung des Sternenhimmels sagt einem tiefen Empfinden: hier gibt es noch etwas anderes als das, was die Physik, die Astrophysik uns präsentieren will. Da ist etwas, was uns elementar angreift. Wir spüren, dass wir auf irgendeine Weise in diesem kosmischen Zusammenhang zu Hause sind. Man kann die Ahnung bekommen: hier bin ich richtig, hier bin ich eigentlich zu Hause. Das meine ich mit dem Geistig-Kosmischen. Der sichtbare Sternenhimmel ist ein Symbol, ein Anklang von etwas, was dahinter steht. Es sind nicht einfach glühende Gasbälle, die sich da bewegen. Ein tiefes, in uns verwurzeltes Gefühl kann uns eines Besseren belehren.

Ähnliches gilt für den Regenbogen. Immer wieder habe ich es auf Reisen beobachtet. Wenn einer sagte: Da gibt’s einen Regenbogen, dann stürzen die Menschen hin und zücken ihre Fotoapparate. Sie spüren, dass in diesem Regenbogen mehr enthalten ist, dass er Symbol ist für ein tiefes Geschehen. Und Entsprechendes ist auch beim Meer der Fall. Allein die Horizontlinie des Meeres hat eine ganz eigene Magie, der man sich anheimgeben kann. Das Meer ist in gewisser Weise im Menschen selbst. Und Entsprechendes gilt beim Gebirge.

L.: Wenn man also sagt, dass alles, was sich in der Außenwelt zeigt, eine verborgene Innenseite hat, dann ist erklärbar, dass große Dinge in der Außenwelt Resonanzen in uns hervorrufen, die etwas Großem in unserer eigenen Innenwelt entsprechen.

Wie groß der Mensch eigentlich ist

J.K.: Ja, man spürt dann etwas von dem, wie groß der Mensch eigentlich ist. Das hat auch mit Weite zu tun. Ich kann mich an eine sehr intensive Erfahrung erinnern, die ich gemacht habe, als ich 20 Jahre alt war. Es war in den Dolomiten, es war eine erschütternde Erfahrung. Sie hatte auch mit dem Sternenhimmel zu tun und einer Öffnung. Es war eine ganz entscheidende Erfahrung in meinem Leben. Sie fand nachts statt. Ich spürte den ganzen folgenden Tag hindurch noch, dass ich viel größer bin als meine physisch-sinnliche Gestalt. Ich hatte eine ungeheure Weite. Und auch die Landschaft um mich herum erschien mir plötzlich gar nicht mehr so groß. Ich erlebte mich nicht mehr als der kleine Mensch in dem gewaltigen Dolomiten-Gebirge, fast hatte ich das Gefühl, dass es umgekehrt ist. Das hatte nichts mit Aufblähung zu tun, mit größenwahnsinnigen Vorstellungen. Es war eine Grundempfindung, wie groß der Mensch in Wahrheit ist und was ihn eigentlich in seiner Würde auszeichnet.

L.: Warum sind wir hier als so kleine Wesen? Warum hat dieses Große, Andere, Umfassende eine Außenwelt hervorgerufen, wie wir sie kennen?

Immer wieder gab es einen Absturz

J.K.: Dazu kann man viel sagen. Sie stellen die Frage, warum es die physische Welt mit den Merkmalen, die sie hat, überhaupt gibt und warum wir darin auftauchen. Ich möchte sagen, weil es in kosmischen Systemen immer wieder einen fundamentalen Absturz gegeben hat. Der Absturz kann so weit gehen, dass es einen zwingt, den Durchgang durch die unteren Reiche anzutreten, um sich von dort wieder zum Menschen zurückzuentwickeln. Es gibt in Goethes Faust in zweiten Teil eine prägnante Stelle, wo zum Ausdruck gebracht wird, wie der Mensch wieder neu anfangen muss. Es geht um den Homunculus. Er wirft sich ins Meer, in das Urmeer sozusagen und fängt wieder von vorn an.

Ein Absturz ist immer möglich. Und immer erhält der Mensch die Möglichkeit, sich wieder nach oben zu entwickeln. Stets gibt es die Bewährung. Es ist also nicht gleichgültig, was wir tun.

L.: Wer ist es, der abgestürzt ist?

J.K.: Der kosmische Anthropos, wenn er als solcher wirklich erfasst wird, kann nicht abstürzen. Er ist ein Potenzial im Menschen, eine Möglichkeit. Die Buddhisten würden sagen, er versinnbildlicht die Buddhaschaft, die in jedem angelegt ist. Jeder ist potenziell der Buddha, aber diese Möglichkeit ist noch nicht verwirklicht. Nur wenn man tatsächlich zum kosmischen Anthropos geworden ist, wenn man die Buddha-Stufe erreicht hat, gibt es keinen Absturz mehr. Aber vorher ist es möglich.

Menschsein heißt, in der Bewährung zu stehen, in einer kosmischen Verantwortung, die unterschiedlich ist, je nach der kosmischen Ebene, auf der man lebt. Und hierbei kann man scheitern.

L.: Wenn wir einmal davon ausgehen, dass wir den Weg zurück suchen auf eine höhere Ebene, auf die Ebene der Weltseele, wie Sie das beschreiben, dann werden wir selbst dabei ja verwandelt, in unserem Bewusstsein und auch in unserer Gestalt. Bewirken wir in dem Naturfeld, in dem wir leben, durch einen solchen Weg etwas Segensreiches?

Wie wirken die Wege der Befreiung auf die Natur?

J.K.: Ich habe ein eigenes Buch darüber geschrieben: Die Erlösung der Natur. Ja, in gewisser Weise kann der Mensch die Natur auch erlösen. Die unteren Reiche, die Tiere und die Pflanzen warten darauf. Das Wort „erlösen“ ist natürlich ein schwieriger Begriff, das ist mir bewusst. Auf jeden Fall kann der Mensch segensreich einwirken auf die unteren Reiche. Er kann auch bestimmte dämonische Tendenzen, die es in diesen Reichen gibt, auflösen, indem er einen solchen Weg geht.

L.: Wir erleben heute eine Krise der Naturreiche. Sie verlieren ihre Vitalität, viele Arten ziehen sich zurück, bilden sich gar nicht mehr neu. Hat diese Krise der Natur etwas mit der aktuellen Krise des menschlichen Bewusstseins zu tun?

J.K.: Ja, unbedingt. Wir leben in einer Grundlagenkrise, in einer extremen Situation. Die Corona-Krise hängt damit zusammen. Es geht letztlich um die Grundfrage unseres Daseins: Was ist eigentlich der Mensch? Und das rührt viele an. Wir befinden uns heute in einer ganz entscheidenden Situation auf diesem Planeten. 

L.: Vielleicht zeigt gerade die aktuelle Krise der Natur und des Menschen die Notwendigkeit auf, einen inneren Weg zu gehen, einen Weg der inneren Verwandlung, durch den auch die Natur ganz neue Impulse bekommt.

J.K.: Pathetisch ausgedrückt, spricht die Natur gleichsam zu uns: „Du, Mensch, könntest es leisten, du müsstest es leisten. Warum machst du es nicht?“ Ja, da ist der Mensch zu einer neuen Sichtweise aufgefordert. Aber das müsste er erst mal begreifen, und das ist schwierig. Denn die mechanistische Naturwissenschaft hat das Bewusstsein der meisten Menschen an die Außenseite der Dinge gebunden. Um den seelischen Weg zu erkennen, müssen bei Vielen gewaltige Hindernisse beseitigt werden.

L.: Ganz herzlichen Dank für dieses Interview, Herr Kirchhoff.

 

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