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Zur integralen Unterscheidung von Stufen und Zuständen des Bewusstseins – Teil 1

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Das Jahr 2006 markiert einen spektakulären Wendepunkt für spirituelle Bewusstseinsforschung und Mystik. Ken Wilber, Bewusstseinsphilosoph und Wegbereiter der Integralen Spiritualität (geb. 1949), kam gemeinsam mit dem Neuropsychologen und Systemanalytiker Allan Combs (geb. 1942) zu einer bahnbrechenden Erkenntnis. Sie befassten sich mit der offensichtlichen Tatsache, dass  unterschiedlich tiefe spirituelle oder mystische Bewusstseinszustände zu allen Zeiten von Menschen aus allen spirituellen Traditionen und Kulturen erfahren wurden. Sie liegen uns heute in einer überwältigenden Zahl von Zeugnissen vor. Das Problem war nur, dass ganz ähnliche Bewusstseinszustände oft sehr unterschiedlich interpretiert wurden. Wilber und Combs erkannten, dass die Deutung einer spirituellen Erfahrung immer abhängig ist von den verschiedenen psychosozialen Werteräumen oder Entwicklungsstufen, auf denen man sich befindet.

Wilber und Combs fassten das Verhältnis von Stufen und Zuständen in einer Graphik zusammen.  Die Kreuzchen bedeuten, dass auf jeder Stufe grundsätzlich alle mystischen Bewusstseinszustände erfahren werden können.

Zustände

1. Zustand

2. Zustand

3. Zustand

4. Zustand

mystische Versenkungsgrade

grobstofflich

physisch

feinstofflich

subtil

bilderlos

formlos

unio mystica

nondual

Erwachen des Geistes: fortschreitende Tiefe Naturmystik Gottesbildmystik Urgrundmystik Einheitsmystik

9.0  Koralle

        +

          +

          +

         +

8.0  Türkis

        +

          +

          +

         +

7.0  Gelb

        +

          +

          +

         +

6.0  Grün

        +

          +

          +

         +

5.0  Orange

        +

          +

          +

         +

4.0  Blau

        +

          +

          +

         +

3.0  Rot

        +

          +

          +

         +

2.0  Purpur

        +

          +

          +

         +

1.0  Beige

        +

          +

          +

         +

Stufen oder kulturelle Evolution

Aufwachsen des Geistes: fortschreitende Weite (von 1.0 bis 9.0)

 

 

 

 

Das  Wilber-Combs-Raster.

Stufen des Bewusstseins

Stufen sind kollektive psychosoziale Werteräume und bleibende „kulturelle Gedächtnisse“ von Individuen und Gesellschaften. Sie entstehen weltweit hintereinander in immer gleicher Reihenfolge als komplexer werdende Systeme menschlicher Zusammenarbeit. Keine Stufe kann übersprungen werden. Jede Stufe erweitert die Kompetenz bei der Lösung von Problemen. Ebenso wächst die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Von Stufe zu Stufe erhöht sich so die Anzahl der Perspektiven, die man einnehmen kann. Der Weg über die Stufen fördert dadurch zunehmend Intellekt, Mitgefühl, Toleranz, Friedfertigkeit und Humanität in Richtung Weltethos. Die nächste Tabelle zeigt (von unten ansteigend) in drei ausgewählten Themenbereichen signifikante Unterschiede der Stufen.

 

Stufe und

Farbcode

Bewusstsein

Gottesbild

Denkweise

9.0 Koralle

noch weitgehend unbekannt

?

?

8.0 Türkis

Holistisch

Panentheismus

Gott als pulsierender Prozess, absoluter GEIST

transrational

7.0 Gelb

systemisch-integrativ

Koinhärenz von Mensch und Gott

transrational

6.0 Grün

pluralistisch-relativistisch

Gott in allen Religionen

Gott in mir Pantheismus

transrational

 

5.0 Orange

individuell-reflexiv

 

Gott ist tot / Atheismus

persönlicher Gott

apersonales Gottesbild

rational-dialektisch

 

4.0 Blau

Konventionell-gewissenhaft

Monotheismus

rational-

mythisch

3.0 Rot

impulsiv-egozentrisch

Polytheismus (Machtgötter)

prärational

 

2.0 Purpur

magisch-animistisch

Geister- und Ahnenkult

prärational

 

1.0 Beige

archaisch-undifferenziert-symbiotisch

Mutterbrust / Das Nährende

prärational

 

         

Stufen markieren also wichtige Abschnitte unserer historischen Bewusstseinsevolution von primitiven Urhorden (1.0), indigenen Stammeskulturen (2.0), eroberungswilligen Kriegertrupps (3.0), gesetzestreuen Ständegesellschaften in patriarchalen Königreichen (4.0), hin zu freiheitlich-demokratischen Staaten (5.0), pluralistischen Gesellschaften und Sozialstaaten (6.0) und sogar zu selbstlernenden  Netzwerken (7.0) und globalen Ethikgemeinschaften (8.0) quer durch alle Kontinente, Kulturen und Religionen. Wenn eine neue Wertestufe entsteht, gehen die Kompetenzen der darunter liegenden Stufen keineswegs verloren, sondern bleiben erhalten und stehen weiter zur Verfügung. Im Idealfall werden sie von den komplexeren Wertestufen so integriert, dass ihre Schwächen, Schatten und Engführungen erkannt, bearbeitet und überwunden werden, ohne dass die positiven Werte, Kompetenzen und Charismen dieser Stufen verloren gehen oder bekämpft werden. Dank der Entwicklungspsychologie wissen wir heute, dass jedes Baby mit seiner Geburt bei 1.0 beginnt und je nach familiärer und kultureller Förderung im Laufe seiner Entwicklung immer mehr Stufenkompetenzen in sich vereinen kann.

Christen auf verschiedenen Stufen

Allein daraus ergeben sich für spirituelle Gemeinschaften große Konsequenzen. Wir dürfen nicht nur Kinder und Jugendliche durch die ersten 4 bis 5 Wertestufen in ihrer Glaubensentwicklung begleiten, sondern auch Erwachsene. Sie bilden heute keine homogene Gruppe innerhalb der Stufe 4.0 mehr wie noch vor 150 Jahren, sondern verteilen sich heute vor allem auf drei Stufen 4.0., 5.0 und 6.0.  Einige haben bereits ihren Schwerpunkt in 7.0. Folglich haben diese Erwachsenen sehr unterschiedliche Gottesbilder und weit auseinanderdriftende Vorstellungen von Glauben, Gottesdienst und Gemeinschaft.

Wir stehen vor völlig neuen Aufgaben bei der Interpretation biblischer, dogmatischer und mystischer Texte aus unserer reichen christlichen Tradition und den spirituellen Schätzen der anderen Religionen. Wir brauchen neue Konzepte, die uns intellektuell wie spirituell unterstützen, wenn wir gerade einen Wertewandel und Stufenwechsel durchlaufen. Stufenwechsel sind anstrengende Transformationsprozesse. Sie ziehen sich schon bei einem Individuum über mehrere Jahre hinweg und werden oft leidvoll als existentielle Sinnkrise, irritierende Gottverlassenheit, notwendiger Gemeinschaftsbruch mit Vereinsamung oder Glaubensverlust erlebt. Wenn ganze Gesellschaften oder Weltreligionen einen notwendigen Stufenwechsel hin zu mehr Komplexität und humaneren Werten versuchen (wie z. B. das Christentum zur Reformationszeit oder der Islam heute), erzeugt das massive kollektive Instabilität und Konflikte. Das alte Wertevolumen, das vertraute Gottesbild und verbindende Sinngebäude trägt nicht mehr alle. Das heraufsteigende Neue mit seiner größeren Weisheit, einem neuen, emotional attraktiveren und intellektuell überzeugenderen Gottesverständnis und seinen besseren Lösungen für die anstehenden Problemfelder ist anfangs noch nicht stark genug, um sofort alles zusammen halten zu können. Globale Krisen wie der Klimawandel oder die Corona-Pandemie zwingen uns aktuell dazu, mit Hilfe der komplexesten Stufen nach Lösungen für die ganze Menschheitsfamilie und unseren Planeten zu suchen. Das integrale Bewusstsein im Stufenmodell Gott 9.0 kann uns in dieser Situation ein Gefühl für die Chancen des Neuen geben und Mut machen, jeden Stufenwechsel als einen sinnvollen Exodus zu begreifen, für den uns das  Alte Testament mit dem Auszug aus Ägypten ein ermutigendes Narrativ liefert.

Spirituelle Gemeinschaft als Transitraum für Stufenreisende

Wir könnten unsere spirituellen Gemeinschaften mit Hilfe der integralen Spiritualität zu schützenden, aber gleichwohl offenen Transiträumen weiterentwickeln. Zu Herbergen, die uns Proviant und integral geschulte Reisebegleiter geben für den jeweils nächsten Exodus, der uns zum unbekannten „gelobten Land“ der nächsten Bewusstseinsstufe führen kann. Spirituelle Begleitung wäre dann die Kunst, Menschen beim Verstehen ihrer persönlichen Pilgerreise durch die Wertestufen zu unterstützen. Dazu muss man die „Sprache“ der jeweiligen Wertestufe sprechen, auf der sich die Pilgernden gerade befinden. „Was auch immer empfangen wird, wird entsprechend der Art und Weise des Empfängers empfangen“ formulierte schon Thomas von Aquin (1225-1274). Ein Prinzip, das heute in der Entwicklungspsychologie nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene gilt. Darauf verweist schon das Neue Testament. Der Evangelist Lukas deutet das für die zu seinen Lebzeiten bereits entfalteten Stufen 1.0 bis 4.0 an, wenn er davon spricht, dass  Jesus im Gespräch mit Schriftgelehrten oder seinen Jüngern „die Gedanken erkannte“ (Lk. 6, 8; 9, 47) und je nach Gegenüber dann im Gespräch auf dessen Wertestufe und Entwicklungshorizont zielte.

Wenn wir dieses Wissen auf die christliche Mystik beziehen, so sehen wir verschiedene Wertestufen und stufenabhängige Konzepte über Gott und die Welt. Sie sind bei einem Thomas von Kempen (1380-1471) in seinem mittelalterlichen Mystikbestseller Die Nachfolge Christi – Werteraum 4.0 – andere als bei einer Autorin des 20. Jahrhunderts wie Evelyn Underhill (1875-1941). Auch sie schrieb einen Bestseller über christliche Mystik (1911: Mysticism), bezog aber bereits die wissenschaftliche Perspektive der Wertestufe 5.0 und das psychologisch-spirituelle Interesse der Stufe 6.0 mit ein. Simone Weil (1909-1943), Edith Stein (1891-1942) oder Etty Hillesum (1914-1943) sind ebenso Mystikerinnen wie Katharina von Genua (1447-1510), Mechthild von Magdeburg (um 1207-1282) oder Juliana von Norwich (um 1342-nach 1413), aber ihre Bewusstseinsschwerpunkte und Reflexionsmöglichkeiten liegen nicht auf der gleichen Wertestufe. Vielgelesene christliche Anleitungsbücher für den mystischen Weg wie etwa Die aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers (1881) müssen wir darum heute neu daraufhin überprüfen, wo sie Kinder einer Wertestufe sind und damit neben ihren authentischen mystischen Beschreibungen unbewusst problematische Schattenaspekte einer Stufe vermitteln, die spätere Stufen bereits erkannt und bearbeitet haben. In den „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ etwa wird das Herzensgebet nicht nur sehr gut beschrieben, sondern einem leibeigenen (!) achtjährigen Kind buchstäblich eingeprügelt, ohne dass der Autor sich der Unerträglichkeit dieses Verhaltens bewusst ist. Probleme dieser Art begegnen uns in Mystikertexten (aller Religionen!) leider tatsächlich. Das liegt daran, dass man im inneren Gebet der Versenkung, in der Meditation oder Kontemplation immer nur das eigene Innere als Erfahrungsraum Gottes erforscht, aber keine kulturell bedingten äußeren Wertestufen sehen oder den eigenen Schatten erkennen kann. Das Wissen darüber liefern uns erst die modernen Wissenschaften wie Sozialpsychologie und Kulturanthropologie.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

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