two in one

Zwei Arten der Zeit für zwei Welten

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Tonalzeit ist die „Realzeit“ des täglichen Lebens. Bei ihr dauert eine Stunde sechzig Minuten. Man benötigt sie zum Planen und Strukturieren, um in der chaotischen Unvorhersehbarkeit des Lebens Ordnung zu schaffen. Der Denkapparat, gesteuert vom Ego, kann mit Hilfe der Tonalzeit planen, wie er das Leben meistern kann. Auch im gesellschaftlichen Zusammenleben ist sie notwendig.

Nagualzeit ist demgegenüber „innere Zeit“. Bei ihr kann das Zeiterleben viel länger oder kürzer dauern, als es bei der Tonalzeit der Fall ist. Letztere ist eindimensional, Nagualzeit hingegen hat zwei Dimensionen: die eigene innere Dimension und eine andersweltliche, tiefer reichende, die nur dadurch zu erreichen ist, dass man zuerst in den eigenen Nagual geht. Nagual ist das Reservoir der Intuition und die Tür zu einem höheren Bewusstsein. Wenn wir dort nicht ab und zu verweilen können, werden wir überdreht, unglücklich und erleben eventuell einen Burnout. Die andersweltliche Dimension von Nagual wird auch das unbekannte Unendliche genannt, das nicht mit Worten wiedergegeben, sondern nur innerlich erfahren werden kann. In unserer Zeit versucht man, Nagual auf künstliche Weise durch Virtual-Reality-Systeme zu erschaffen – ein paradoxes Unterfangen.

Wie verläuft der Weg von der Tonalzeit zur inneren Nagualzeit? Der erste Schritt ist die Wachheit und absolute Ehrlichkeit in Bezug auf das, was dir in dir selbst begegnet, sowohl an Hindernissen als auch an spirituellem Potential. Hierzu bedarf es eines objektiven, urteilslosen Schauens der Seele. Wenn dieser Beobachter in unserem Bewusstsein erwacht, können wir uns mit einem gewissen Abstand selbst betrachten. Das ist etwas ganz anderes als unser innerer Kritiker – eine Sub-Persönlichkeit des Egosystems –, für die niemals etwas gut genug ist.

Obwohl das Schauen der Seele in der Nagual-Stille und durch sie geschieht, ist es trotzdem sehr dynamisch. Es verlangt Sorgfalt und Mut, um fleißig die Schritte nach innen zu gehen (und weiterzugehen), begleitet von essentiellen Lebensfragen wie: „Wer bin ich (noch)? Was ist mein Leben? Was ist meine Wahrheit über das Leben, besonders über mein Leben? Was bleibt von mir ohne mein Schaffen und meine äußere Wichtigkeit übrig? Wo sind mein tiefster spiritueller Kern und mein tiefstes spirituelles Verlangen?“

Bei einem Sucher in der Nagualzeit stellen sich diese Fragen von selbst. Er bewahrt jede von ihnen in der Stille der Seele. Die Antworten, die er dann in sich erfährt, gefallen dem Ego nicht sehr, denn dessen Masken und Rollen kommen zum Vorschein. Bei diesem stillen Schauen in den Innenwelten spielt das Denken keine Rolle.

Wenn es gut ist, entfernt die innere Frage bereits die Urteile und Überzeugungen, wie das Leben, die Welt und du selbst sein sollten. Als nächster Schritt kann die Dimension der gnadenvollen Stille des übernatürlichen Nagual ihre Kraft entfalten. Sie kreiert eine andere Wirklichkeit, in der man nur bleiben kann, wenn man bereit ist, die bisherigen eigenen Wahrheiten loszulassen. Und das gilt auch für die Vermutungen hinsichtlich der eigenen Spiritualität. Denn sie sind es oft genug, die eine vollkommene Übergabe an die neue Dimension verhindern und die echte spirituelle Erfahrung vereiteln.

Dein bester Reisegenosse auf diesem Weg ist das aufrichtige Verlangen nach der Wahrheit. Mit den Worten Rumis:

„Was unecht ist, beunruhigt das Herz, doch Wahrheit gibt freudige Ruhe. Durch das Fenster von einem Herzen zum anderen Herzen eilt das Licht, welches Wahrheit von Lügen unterscheidet.“ (Masnavi II 2732, 2462)

 

(Der Artikel entstammt der Zeitschrift Pentagramm 2016 Nr. 4)

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