Die neunte Elegie

Rainer Maria Rilke, Transformation: Die neunte Elegie

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Sag ihm die Dinge. Er wird staunender stehn; wie du standest
bei dem Seiler im Rom, oder beim Töpfer am Nil.
Zeig ihm, wie glücklich ein Ding sein kann, wie schuldlos und unser,
wie selbst das klagende Leid rein zur Gestalt sich entschließt,
dient als ein Ding, oder stirbt als ein Ding –, und jenseits
selig der Geige entgeht. – Und diese, von Hingang
lebenden Dinge verstehn, daß du sie rühmst; vergänglich,
traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten zu.
Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln
in – o unendlich – in uns! Wer wir am Ende auch seien.


Musik


Manchmal habe ich mein Leben so empfunden,
als säße ich in einem Fahrzeug, das auf der falschen Spur fährt,
dass das, was wir Normalität nennen,
nicht meiner inneren Wahrheit entspricht.

Und irgendwann habe ich den Mut aufgebracht,
mich zu meinem Innern zu bekennen.

Und dann ist eine Beziehung entstanden zu dem,
was Rilke den Engel nennt,
das göttliche Wesen, das mich trägt,
das ich in der Tiefe bin.
 
Nach schier endlosem Schlaf beginnt er,
in mir zu erwachen.
Manchmal ist es ganz deutlich,
und dann wieder ist nichts mehr davon zu spüren.

Mein Leben kehrt sich aber zu ihm hin.

Der Abgrund zwischen mir und dem geistigen Universum
schließt sich langsam.
Eine Kommunikation wird möglich,
ein wortloses Miteinander, ein Einverständnis miteinander.

Ein Sinn tut sich für mein Dasein auf.
Ich bin das Sinnesorgan des Unsterblichen hier in dieser Welt.
Durch mich erlebt es diese Welt.

Preise dem Engel die Welt, sagt Rilke.
Zeig ihm das Einfache, das als ein Unsriges lebt,
sag ihm die Dinge.
Und er staunt, durch dich hindurch.

Ich erlebe, dass ich auf ganz neue Weise staunen kann.
Ich denke, es ist das Staunen meines Innersten.
Ein neues Glück erfüllt mich.

Ich erlebe die Natur als Abbild des Göttlichen.
Und ich beginne, mich mehr und mehr als Abbild zu empfinden.

Der Ursprung hat die Verbindung zu mir wieder aufgenommen.
Er schenkt mir den Mut und die neue Wahrnehmung.
Er macht mich zu einem neuen Menschen,
wenn ich es zulasse.

Wir werden Gefährten.

Ich spüre eine große Klage,
die durch die Innenwelt zieht, die Klage über den Riss
zwischen den Welten.

Jeder von uns kann Brücke werden,
jeder von uns kann den Abgrund füllen.
Die Dinge verdorren in unserer Welt,
weil wir ihre Seelenkräfte nicht mehr stärken.
Es liegt bei uns,
ob wir ihnen ihren Lebensgrund neu schaffen.

Das beginnt ist unserem unsichtbaren Herzen, dort,  
wo wir uns mit dem göttlichen Wesen vereinen.

Und die Dinge spüren das, wenn wir uns hierum bemühen.
Sie trauen uns ein Rettendes zu, sagt Rilke.

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