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Der Mythos als Zugang zur Welt – Teil 1

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Eine geheimnisvolle Ordnung

Während der Betrachtung der Fixsterne und den regelmäßigen Bewegungen der Planeten (dt. Wanderer) erkannte man eine geheimnisvolle Ordnung (griech. Kosmos). Die schamanischen Geschichtenerzähler sahen die Ursache für die Geschehnisse des Lebens im Wirken von höheren Wesen bzw. Schicksalsmächten. Der Mythos gab Orientierung (Orient von lat. sol oriens = dort, wo sich die Sonne erhebt und das Licht wiederkehrt) in einer feindlichen und chaotischen Welt. Er erklärte (erleuchtete) die Ewigen Fragen nach unserer Herkunft, dem Sinn des Lebens, der richtigen Lebensweise und dem Geheimnis des Todes. Der Mythos war unmittelbar mit dem Ritus verbunden und omnipräsent, da die Götter unter den Menschen waren. Diese Weltwahrnehmung, dieses Eingebundensein in ein großes Ganzes können wir heute nicht mehr nachvollziehen, sondern nur noch erahnen. In der Deutung der Romantiker zeugt das Schauen von einer kontemplativen Sinneserfahrung, die unmittelbar mit dem Numinosen verbunden war – die Wirkmächtigkeit des Mythos.

Was den Mythos grundlegend von anderen Erkenntnismodellen unterscheidet, sind seine vielfältigen sowohl individuellen als auch kollektiven Funktionen. Dabei wird er immer emotional, meist unbewusst aufgenommen. Unwiderstehlich ist für uns, dass der Mythos auf unser verstandesmäßiges Begreifen verzichtet. Wir können spüren, dass alles Sinn ergibt, auch wenn er uns nicht verständlich ist. Dieses Gefühl bestärkt, stützt und bejaht, bietet einer Gemeinschaft Halt und vermittelt gleichzeitig dem Individuum Identität.

Die vier Funktionen des Mythos

Der Mythos erfüllte seit Jahrtausenden folgende vier Funktionen:

Er vermittelt soziologisch eine ethische Ordnung im sozialen Miteinander einer Gemeinschaft. Regeln des Zusammenlebens werden mit mythologischem Hintergrund erklärt (äußere Wahrnehmung).

Er schafft psychologisch Orientierung und Sinn in den Krisen, Übergangsphasen und Wandlungszeiten. Er hilft bei deren individueller Bewältigung (innere Wahrnehmung und deren Ausdruck).

Er verbindet kosmologisch die Umwelt des Menschen mit seiner Spiritualität (Reflexion).

Er bringt mystisch den Menschen in systemische Beziehung seines Bewusstseins mit dem Mysterium des Kosmos (Transformation).

Es handelt sich also bei diesem Phänomen um einen selbst- und gemeinschaftsbildenden Transformationsprozess, der sich im Mythos verbirgt. Joseph Campbell bemerkt: „Mythologie ist keine Ideologie. Sie wird nicht vom Gehirn entworfen, sondern vom Herzen erfahren.“

Wie der Logos den Mythos verdrängte

Mit den Vorsokratikern begann die Suche nach dem Urstoff der Welt. Für Heraklit bestand dieser aus Feuer, der treibenden Kraft, aus dem der Logos heraus geordnet und beseelt wird, der wiederum den Kosmos durchdringt. Der Logos, in der Bedeutung noch bei Homer als Synonym für den Mythos verwendet, verdrängte den Mythos, als der rationale Verstand begann, die Welt in ihre Bestandteile zu zerlegen. In der Anzweiflung der Götter, in ihrer Betrachtung als anthropomorphe Prinzipien, begriff Platon den Mythos als eine erdichtete, ja lügnerische Geschichte und den Logos als eine Erklärung oder Darstellung. Laut seinem Dialog Theaitetos kann nur das Wissensgegenstand sein, was sich innerhalb des Logos, also als erklärbar wiederfindet. Erst durch die schärfere Definition des Logos wurde demnach der Mythos zu dessen Gegenpol.

Mit dem Triumph des Christentums wurde der Begriff weiter diskreditiert als überwundener Aberglaube der als minderwertig angesehenen und als Konkurrenz verachteten alten Religionen. Die ungeheure Arroganz der westlichen Kultur, die sich zunächst als vom „einzig wahren“ Glauben geleitet sah und dann die wissenschaftliche Erkenntnis als den richtigen Entwicklungsweg des Menschen definierte, schaffte die bisherige Definition des Mythos ab. Der Renaissance-Humanismus trennte Mythos von Religion; Descartes mechanisierte das Wunder des Lebens – ab dem 18. Jahrhundert ging es einzig darum, was tatsächlich geschieht.

Lautet die Frage tatsächlich: Mythos oder Wirklichkeit? Die Logik sieht einzig ein Entweder-oder, der spirituelle Zugang ermöglicht jedoch ein Sowohl-als-auch.

Die entseelte Wirklichkeit

Dichter und Philosophen wie Hölderlin, Schelling oder Novalis erkannten, im schwärmerischen Zauber und Sehnen nach der antiken Welt, dass wir infolge der entseelten Rationalität der Aufklärung Arkadien endgültig verloren haben und dass dieser Verlust vom Menschen als eine große Leere empfunden wird. Doch ermöglichte erst die Aufklärung den Schritt hin zum mündigen Menschen, der die Verantwortung für sein eigenes Leben anzunehmen hat. Vorher war es determiniert als Spielball der Götter – allerdings zahlte der Mensch für diese Freiheit einen hohen Preis. Er verlernte, sich als symbiotisch in die Natur eingebunden zu begreifen und beutete diese als Ressource aus. Hybris (dt. Anmaßung) nannten das die alten Griechen.

Mit den Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden neuen Wissenschaften, wie der Ethnologie oder der Psychoanalyse, gewann der Mythos als Forschungsgegenstand wieder Bedeutung. Kurz nach Nietzsches Feststellung, wir selbst hätten Gott getötet, wurde der Mythos für eine menschenverachtende Ideologie instrumentalisiert und entfesselte dabei seine ganze archaische Wucht. Durch den Nationalsozialismus wurde deutlich, dass der Mythos immer in uns und durch uns wirkt.

Je unruhiger, unsicherer und unüberschaubarer eine Zeit, desto mehr sehnt sich der Mensch nach emotionaler Verbindung mit einer übergeordneten Ordnung. In der Beliebigkeit der Postmoderne wird ihm die Möglichkeit dazu gesellschaftlich kaum mehr geboten. Alles um ihn herum scheint in immer schnellerer Veränderung, gar in Auflösung.

Dass wir uns aktuell in einer Zeit der umfassenden Transformation befinden, liegt nun offen vor uns. Die weltweite Bedrohung durch das Corona-Virus wirkt auf unsere Lebensweise wie eine Entschleierung – de eigentliche Bedeutung des Begriffs Apokalypse.

Corona, aus dem sich unsere Krone als Herrschaftssymbol par excellence ableitet, ist im Ursprung der Sonnenkranz, den man schon bei Lichtgöttern wie Helios oder Sol invictus findet, mit denen sich Kaiser und Könige verglichen. Aus ihm entwickelte sich später der Nimbus als Heiligenschein. Zum Schutz vor Corona verhüllen wir unsere Gesichter, den Ausdruck unserer Persönlichkeit – ein Wort, das sich von den antiken Theatermasken ableitet (lat. personare – hindurchtönen). Es ist faszinierend, mit welcher mythologisch aufgeladenen Symbolik wir es aktuell zu tun haben – einer Symbolik, die uns den Spiegel vorhält.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

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