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Der Mythos als Zugang zur Welt – Teil 2

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Nach Teil 1

 

Die Suche nach der verlorenen Einheit

Globalisierung, neoliberale Ausbeutung, Umweltzerstörung, Artensterben, Klimawandel, Menschen auf der Flucht, Furcht vor kultureller Überfremdung, Verfall tradierter Werte und jetzt die Pandemie mit den damit verbundenen Auswirkungen auf unser Leben – dies ist keine Kausalkette, auch kein Kreislauf, sondern eine systemische Vernetzung von Symptomen eines kranken Systems, die im Einzelnen das Gefühl von blinder Angst und Ohnmacht auslösen kann. Eine ethische Anleitung durch die Religion findet kaum mehr statt; die Kirche als Institution präsentiert sich als ewig gestrig und schweigt. Stattdessen haben wir als einzig noch intakte Instanz „die Wissenschaft“. Ungeachtet akademischer Falsifizierung wurde sie immer mehr zum dogmatischen Verkünder der Wahrheit. Wer die offizielle Lehrmeinung hinterfragt – genau die Tätigkeit, die das Wesen der freien Forschung sein sollte – wird ausgeschlossen.

Erst jetzt erkennen wir, dass der Mythos im Wilden Denken der indigenen Völker eben nicht ein minderwertiges, prä-logisches Weltverständnis war, sondern ein anderes. In Verbundenheit zu den Ahnen, dem Verständnis für eine Anderswelt und mit wissenschaftlichen Geräten (noch) nicht messbaren Kräften, wird die gegenseitige Abhängigkeit des Menschen zu seiner Umwelt intuitiv erkannt. Damit verbunden ist ein nachhaltiges, emphatisches, achtsam vorausschauendes Handeln, welches den Einzelnen in Verantwortung für zukünftige Generationen einbindet. All das steht unserer jetzigen Situation diametral entgegen. Wir haben es zugelassen, dass unsere Politik und Ökonomie so etwas wie ein Gesetz eines nicht endenden Wirtschaftswachstums propagieren. Weiter kann man sich nicht mehr von dem entfernen, was der Mythos einmal war: kollektive Weisheit und Erkenntnis, die in einer ewigen Geschichte weitergegeben wurde.

Der Weg des Helden

Stattdessen leben die Götter, die C.G. Jung als Archetypen in uns betrachtete, die Walter F. Otto jedoch als real erfahrene Wirkmächte verstand, im Monomythos als Superhelden durch Verfilmungen fort – und zwar weltweit. Die Identifikation mit dem Helden und seinen Werten (Freundschaft, Toleranz, Vergebung, Caritas) geschieht individuell, eröffnet jedoch auch die Möglichkeit für gemeinschaftliches interkulturelles Handeln. Der Mythos ist in seinen Grundaussagen selbst interkulturell. Er ermöglicht Inklusion.

Der Weg des Helden ist der Weg des Menschen, der aus den bisherigen Lebensmustern ausbricht, um eine bedeutsame Tat zu vollbringen. Er muss schwierige Prüfungen durchleben, durch die sich ihm die Augen für die Abgründe und Höhen des eigenen Wesens und des Lebens insgesamt öffnen. Seine Abenteuer bedeuten Einweihungen, bei denen das Ewige und Unzerstörbare in ihm aufleuchtet. Die Gestalten und Geschehnisse im Mythos symbolisieren Aspekte des menschlichen Innern, die durchlebt werden wollen. Die Folge ist eine innere Verwandlung, eine Reifung, durch die sich das Lebensverhalten insgesamt ändert. Der Held kehrt zurück in das menschliche Miteinander, um seine Aufgabe nun auf neue Weise zu erkennen und zu erfüllen. Die Botschaften des Mythos wollen den Einzelnen also in der Tiefe berühren und zu einem Weg veranlassen. Heute werden sie jedoch vom reinen Entertainment verdeckt. Der schnelle Kick des Bombast-Kinos ist einzig auf Kommerz ausgerichtet. Laut und schnell ist unsere Welt, die Informationsflut überfordert uns – nun kommt die Angst vor einem unsichtbaren Feind hinzu. Der Abgrund einer perfekten Verblendung hat sich vor uns geöffnet.

Die Menschheit als Ganzes ist aus der Balance geraten. Wenn wir das Sowohl-als-auch des Mythos nicht zulassen, werden wir nicht überleben. Der Mensch benötigt beide Perspektiven auf die Welt – die Ratio der Aufklärung genauso wie das Geheimnis in der Mystik. Mythos und Logos müssen den Ausgleich finden, damit wir zu unserer Mitte gelangen! Wir benötigen einen neuen Zugang zur Sinnfrage: Woher kommen wir? Wozu sind wir hier auf der Erde?

Schritte im Paradigmenwechsel

Seit den Achtzigerjahren wird ein Paradigmenwechsel beschworen. Er muss, so schrieben damals u.a. Fritjof Capra, Rupert Sheldrake, Marilyn Ferguson, Hans-Peter Dürr oder Ken Wilber, überall gleichzeitig passieren. Ein kollektiver Bewusstseins-Sprung. Nun bricht diese Veränderung auch in unseren Alltag so überdeutlich herein, dass wir uns ihr nicht länger davor verschließen können. Dabei vermag uns der Mythos zu leiten und starke Wurzeln zu geben auf der Suche nach der eigenen Identität.

Der erste Schritt wäre eine Rückbesinnung auf das, was wir stets suchen und brauchen: Entschleunigung und Achtsamkeit. Auf dieser Basis können wir die Schritte, die der Mythos uns abverlangt, nachvollziehen. Er ist die essenzielle Ermöglichung einer Persönlichkeitsentwicklung, die sich vom Hedonismus und Narzissmus des überhöhten Ego abwendet. Wir sind Gäste auf der Erde, gemeinsam mit allen anderen Lebewesen. Die archetypischen Motive des Mythos können eine umfassende Gemeinsamkeit vor unserem inneren Auge aufleuchten lassen. Wir können eine Tragkraft erleben, die man als kosmische Liebe bezeichnen kann, als Kraft des großen Zusammenhangs aller Dinge. Ihr können wir in uns Raum geben.

Der zweite Schritt wäre eine Einbindung des eigenen Rituals in den Alltag. Integrale Spiritualität und Mystik werden die Religionen ablösen. Es geht, so Andreas Mang, bei einem Wiederfinden des Mythos nicht darum, an alte Götter zu glauben, sondern eher um die Vergegenwärtigung von kosmischen Prinzipien, die man als Entitäten verehren kann. Um den Zugang zum Mythos wiederzufinden, bedarf es der Spiritualität, die dort beginnt, wo der Mensch erkennt, dass er in seiner bisherigen Welt nicht wirklich zu Hause ist. Er beginnt, das Metaphysische zu ergründen und entwickelt Empathie für die Zusammenhänge im Kosmos und das eigene Eingebundensein ins Ganze. So ist der Mythos, zum Beispiel in der Heldenreise, das Erkennen des Eigenen, welches uns stets auch im Gegenüber begegnet (sanskr. Tat Tvam AsiDas bist du).

Der dritte Schritt wäre eine Neuausrichtung des individuellen und gemeinschaftlichen Lebensmodells. Wir selber erschaffen unsere Realität mit jedem Gedanken, jedem Wort, mit jeder Handlung. Es geht um die Frage, wie ich ein wahrhaftiges, authentisches Leben führe in einer Welt, die immer technokratischer wird und Überwachungs-Dystopien von heilsversprechenden Transhumanisten immer wahrscheinlicher werden lässt.

Wie die Kindheit, so stellt Christoph Jamme fest, ist der Mythos stets präsent – in der Weise, in der wir mit ihm umgehen. Begreifen wir ihn als Chance in der Krise! Es liegt an jedem Einzelnen. Wir können ihn in uns flüstern hören, spüren ihn um uns herum. Der rationale Logos bringt uns nur bis zu einem bestimmten Punkt – der Mythos jedoch schafft uns erst den Zugang zur Fantasie und inneren Schau, ohne die Kreativität und Out-of-the-Box-Denken nicht möglich wären. Ihn als Zugang zur Welt wiederzuentdecken, ermöglicht uns eine Zukunft, die sich lebenswert nennen darf.

 

Axel Voss

studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign in Florenz sowie Erwachsenenbildung in Kaiserslautern. Als Dozent, Referent und Seminarleiter faszinieren ihn die kulturhistorischen Hintergründe des Mythos und des Symbols. Seine Themenschwerpunkte sind u.a. Symbolforschung, vergleichende Mythologie und Religionswissenschaft, hier besonders Sakralsymbolik, antike Mysterien und der Topos des Heiligen.  Er ist in der Erwachsenenbildung tätig.

www.symbology.de

www.mrt-essen.de

www.symbolforschung.org

Literaturempfehlungen:

Karen Armstrong, Eine kurze Geschichte des Mythos, Berlin Verlag, 2004

Joseph Campbell, Das bist du, Ansata Verlag, 2002

Rüdiger Sünner, Wildes Denken: Europa im Dialog mit spirituellen Kulturen der Welt, Europa Verlag, 2020

Andreas Mang, Aufgeklärtes Heidentum: – Philosophien – Konzepte – Vorstellungen, Edition Roter Drache, 2014

Andreas Weber, Alles fühlt: Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften, thinkOya Verlag, 2007

 

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