Joseph Beuys

Die Macht der Kunst. Zum 100. Geburtstag von Joseph Beuys – Teil 2

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(Zu Teil 1)

I like America and America likes me

H. A.: Die New Yorker Inszenierung I like America and America likes me im Jahre 1974, in der Joseph Beuys einige Tage mit einem Kojoten namens Little John in einem abgeschlossenen Raum verbringt und mit ihm kommuniziert, ist eine Hommage an das heilige Tier vieler indigener Völker und an die „eingeborenen Ureinwohner“ Nord-Amerikas. Wie interpretieren Sie diese ergreifende Begegnung zwischen dem europäischen Künstler und dem Ursprung Amerikas? Ist nicht eine enge Verbundenheit mit dem alten Amerika der First Nations und zugleich eine starke Distanz zu dem aktuellen Amerika (der eingewanderten Europäer und Migranten) zu spüren?

R. S.: Viele haben heute vergessen, was der indigenen Bevölkerung Amerikas von den weißen Eroberern angetan wurde: etwa die Ermordung einer Million Bisons, die ihre Lebensgrundlage darstellten, der Raub ihres Landes, die Zwangsmissionierung ihrer Kinder, die bewusste Ansteckung mit Krankheiten, die die Indianer noch gar nicht kannten und woran sie starben. All das schwingt unterirdisch mit; und wenn der Kojote auf das Wallstreet-Paper pinkelt – wohl ein Symbol für den Raubtierkapitalismus der USA –, ist das ein subtiler Racheakt dafür. Aber der Kojote steht auch für ein animistisches Weltbild, das eng mit der Natur und den Tieren verbunden war. In amerikanischen Western werden oft Kojoten als Störenfriede und angebliche Schädlinge abgeknallt. Beuys nähert sich ihnen zärtlich und kooperativ, auch dies eine Heilungsaktion gegen Wunden von Imperialismus, Kolonialismus, Kapitalismus und Naturzerstörung.

H. A.: Joseph Beuys geht es darum, Neues und Elementares in der Kunst zu offenbaren. Er greift gern auf sehr alte Mythen zurück: Megalithkultur, Kelten, Ureinwohner, Antike. Aber er postuliert auch: Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt!

Wie ist das zu verstehen? Gibt es denn keine Mysterien und Geheimnisse mehr? Findet die wahre Erkenntnis nur im Einzelmenschen auf esoterische Weise statt – aus dem Verborgenen wird etwas ins Bewusstsein, in die Materie gezogen? Und die Offenbarung (das Kunstwerk) spricht zum Betrachtenden?

Sinn für das Geheimnisvolle im Alltag

R. S.: Man sollte einen Hauptbahnhof nicht unterschätzen, denn hier findet tatsächlich viel Menschliches und damit auch Spirituelles statt: Abschied, Trennung, Wiedersehen, Einsamkeit, Mensch und Technik prallen aufeinander, die verschiedensten Kulturen begegnen sich, usw. Ein Ort heftiger Emotionen und auch Geheimnisse, weil Fremde Fremden begegnen, deren Tiefen und Untiefen nur zu erahnen sind. Beuys will, dass wir unseren Sinn für das Geheimnisvolle und Mysteriöse auch schärfen im ganz normalen Alltag, was ihn eben nicht zu einem „Mythenonkel“ macht, sondern zu einem absolut zeitgenössischen Künstler.

H. A.: Jetzt könnte man behaupten, nachdem das Verborgene, das Esoterische im Exoterischen durch den Künstler dokumentiert wird, dass nicht nur jeder Mensch ein Künstler ist, sondern dass er auch ein spirituelles Wesen ist, das hier auf der Erde (im Materiellen) ganz bedeutsame Erfahrungen macht. Das Geistig-Seelische, nimmt es qualitativ zu und determiniert die Menschheitsentwicklung?

R. S.: „Jeder ist ein Künstler“ heißt für mich auch: „Jeder ist ein spirituelles Wesen“, denn er zehrt von den drei großen Wundern, die Beuys immer wieder beschwört: Inspiration, Imagination und Intuition, also von kreativen Kräften, die vielleicht in transzendente Sphären reichen und die wir stärker integrieren müssen. Die Griechen sprachen von den „Musen“ und „Genien“, die den Künstler inspirieren, wie von Göttern, dem würde Beuys zustimmen.

H. A.: Keltische und nordische Mythen hängen zusammen. Der Missbrauch dieser Mythen war im 20. Jahrhundert allgegenwärtig. Ist das der Grund, dass Beuys von bestimmten Schriftstellern und Journalisten in die nationale Ecke gedrängt wird?

R. S.: Er wird aus verschiedenen Gründen dorthin gedrängt, die alle durcheinandergeworfen werden, ohne genau hinzusehen. Mit den Germanen hatte Beuys wenig am Hut und seine Kunst wäre im Dritten Reich mit Sicherheit als „Entartete Kunst“ diffamiert worden. Allerdings kooperierte er einige Zeit auf politischer Ebene mit ehemaligen Nazis (z.B. August Haußleiter, Werner Haverbeck), die jedoch zu dieser Zeit keine explizit völkischen, sondern eher ökologische Ziele verfolgten. Die Beziehungen zu diesen Männern, mit denen damals auch andere renommierte deutsche Politiker verkehrten (z.B. Petra Kelly, Gustav Heinemann, Egon Bahr), müssen noch genauer untersucht werden. Der heutigen Presse reicht oft schon eine „Kontaktschuld“, das heißt, die Tatsache, dass Beuys sich überhaupt mit ihnen getroffen hat. Im Verlaufe der Jubiläumsfeierlichkeiten zu Beuys‘ 100. Geburtstag sollen wissenschaftliche Symposien diese Thematik gründlicher aufarbeiten, was ich für richtig halte.

Erkenntnissuche

H. A.: Wer einmal im Landesmuseum Darmstadt den Block-Beuys – eine sieben Räume umfassende Installation des Künstlers – erlebt hat, müsste eigentlich unmittelbar von solchen abstrusen Vorurteilen geheilt sein. Wird heute die Freiheit der Kunst angegriffen? Oder ist es nur ein Mangel an Verständnis? Verliert die Kunst ihre Macht?

R. S.: Kunst hat schon lange ihre Macht verloren, ist nur noch ein Sahnehäubchen auf dem Kuchen einer Spaß- und Leistungsgesellschaft bzw. überteuertes Objekt und Geldanlage auf den Kunstmärkten. Aber das Sperrige an Beuys‘ Kunst könnte, wenn es stärker in den Fokus gerückt würde, erneut als Stachel funktionieren und uns klarmachen, dass Kunst nicht der Unterhaltung dient, sondern eine Form tiefer Erkenntnissuche ist.

H. A.: Die Kelten hatten bereits die Dreigliederung des sozialen Organismus „erfunden“. Hätte man im frühen 20. Jahrhundert Rudolf Steiner begriffen, wäre der Nationalismus in der Gesellschaft nicht so stark geworden und das Grauen hätte in der Form nicht stattgefunden.

Wie ist Ihre Meinung zur Vitrine Auschwitz, die eine zentrale, sehr berührende Rolle im Block-Beuys spielt?

R. S.: Beuys ist in seinen Objekten klüger als manchmal in seinen Worten; die Auschwitz-Vitrine ist ein gutes Beispiel dafür. Er hat schon 1958 mit einem Entwurf für ein Auschwitz-Mahnmal an einem Wettbewerb teilgenommen, was seine tiefe Betroffenheit durch den Holocaust zeigt. Die Auschwitz-Vitrine in Darmstadt spiegelt das ebenso, da sie eine Collage der Gewalt und des Grauens ist: man assoziiert Stromschläge, Folter, Dreck, Kälte, Einsamkeit, Krankheit, Tod, Wahnsinn, und auf einem Teller liegt ein Gekreuzigter aus Plastilin, der an den Satz des Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel denken lässt, wonach Jesus Christus in Auschwitz selbst am Galgen hing. Beuys hat aber in einigen Interviews meiner Meinung nach unpassende Vergleiche zwischen Auschwitz und unserer Zeit gezogen: heute lebe Auschwitz in anderer Form und vielleicht noch schlimmer weiter, weil „Seelen verbrannt würden“, etc.

Diese unpassenden Vergleiche aber werden komischerweise in der kritischen Berichterstattung nicht erwähnt, vielleicht, weil sie zu unbekannt sind. Auch der vielgerühmte Dokumentarfilm Beuys von Andres Veiel hat das alles ganz weggelassen. Ich habe diesem Thema in meinem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. „Völkisch“ oder „deutschnational“ – wie es jetzt manchmal in der Presse heißt – ist Beuys dagegen nicht, seine Kunstwerke schon gar nicht, man findet keine einzige rassistische oder antisemitische Äußerung von ihm.

„Die Axt für das gefrorene Meer in uns“

H. A.: Ich habe das Gefühl, Kunst wird zunehmend die einzige Möglichkeit, Wahrheit zu kommunizieren. Die Sprache ist nicht mehr in der Lage, authentisch zu sein. Die Kunst spricht immer noch eine deutliche Sprache. Soll ihr das letzte Geheimnis entrissen werden? Vielleicht ist das auch gut so!

R. S.: Kunst ist ein enormes Wahrnehmungsorgan, weil sie unser Denken, Fühlen und Sehen öffnen kann, manchmal auch schmerzhaft. Sie ist – anders als der religiöse Glaube – nicht ideologisch benutzbar, weil sie sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht; sie taugt nicht zum Dogma, zur Lehre, zum politischen Programm. Daher halte ich es auch für falsch, Beuys in erster Linie als „politischen Künstler“ zu verstehen, wie es heute – in Ermangelung eines ästhetischen Sensoriums – oft getan wird. Kafka definierte Kunst einmal als „die Axt für das gefrorene Meer in uns“. So etwas Ähnliches will auch Beuys, und das kann dann in der Konsequenz auch zur Kritik an Gesellschaftssystemen führen. Aber zuerst muss der radikale Impuls vom Kunstwerk her kommen, sonst bleibt alles nur Anbiederung an den Zeitgeist und leere Programmatik.

H. A.: Herzlichen Dank für dieses Gespräch, Herr Sünner.

 

Anmerkung der Redaktion: Rüdiger Sünners Film Zeige deine Wunde – Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys (DVD, 85 Min., € 14,90) vermittelt ein eindrückliches und berührendes Bild des Künstlers und seines Werkes.

 

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