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Weihnachten als inneres Fest – eine Antwort auf Corona (Teil 1)

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Als junger Mensch hatte ich einmal den eigenartigen Gedanken: Könnte etwas schief gelaufen sein in der abendländischen Entwicklung? Hätte unsere Entwicklung auch ganz anders verlaufen können? Gab es Weichenstellungen, von denen wir jetzt die Ergebnisse sehen? Der Gedanke war mir zu ungeheuerlich. Ich schob ihn weg. Er überstieg meine Möglichkeiten. Heute, viele Jahre später, sehe ich, dass wir Abendländer einen bestimmten Weg beschritten haben und dass es dabei tatsächlich Weichenstellungen gab. Ich möchte es am Beispiel des Weihnachtsfestes deutlich machen. Und auch an Corona. 

Jeder von uns lebt sein Leben, und einmal im Jahr ist Weihnachten. Bisher konnte sich die Familie ungehindert treffen. Manche sahen sich vor allem zu Weihnachten. Man veranstaltete ein großes Essen, tauschte sich aus und man machte sich gegenseitig Geschenke. Insgesamt verschaffte es, in der Regel jedenfalls, ein gutes Gefühl. Dieses Jahr ist nun alles anders. Und wir können das zum Anlass nehmen, einmal zu fragen, was denn eigentlich Weihnachten bedeuten könnte.

Ja, natürlich, wir wissen, dass vor etwa 2000 Jahren Jesus geboren wurde. Man lehrte uns, dass er der Sohn Gottes gewesen sei und er durch sein Leben und sein Sterben die Menschen, die an ihn glauben, erlöst habe. Viele gehen gerade zu Weihnachten in die Kirche, um sich hierauf zu besinnen.

Nun haben wir Corona. Und es gibt große Ängste. Und die Hoffnungen der meisten Menschen ruhen vielleicht mehr auf dem Impfstoff als auf dem, was vor 2000 Jahren geschah.

Könnte Weihnachten nicht langsam ausgedient haben? Man könnte doch auch einen anderen Tag im Jahr auswählen, an dem sich die Familie trifft und man einander etwas schenkt.

Oder haben wir etwas vergessen? Ist in uns etwas zugeschüttet, das wir freilegen könnten und das mit Weihnachten zu tun hat?

Die innere Lichtquelle

Bei den Zusammenkünften in unserer Gemeinschaft erlebe ich immer wieder, dass mir ein Licht aufgehen kann. Nicht in Bezug auf irgendeine Frage, auf die ich eine Antwort suche, nein, ganz allgemein ein Licht im Innern. Ich erlebe, dass es im Innern hell wird. Manchmal stärker, manchmal weniger stark. Ein Freund erzählte mir, er sei von der Quelle dieses inneren Lichtes einmal so ergriffen worden, dass er selbst zu dieser Quelle geworden sei. Für Momente sei er ein Lichtpunkt gewesen. In unendlicher Stille und sehr wach. Und aus einer großen Höhe habe er sich selbst wahrgenommen.

In uns kann Licht aufflammen. Zahllose Menschen haben das erlebt und können es erleben. Und dieses Licht will ausgetragen werden. Es bildet ein Feld um uns herum, ein energetisches Feld, ein seelisches Feld. Bei unseren spirituellen Zusammenkünften erhöht sich dieses Feld in seiner Vibration. Ich erlebe es als eine Art seelischen Raum, der weit hinausreichen kann, je nach der Intensität seiner Energie. Wenn sie sehr intensiv ist, dann erfüllt sich dieser Raum sogar mit Bewusstsein. Und ich weiß, dass unsere Gemeinschaft einen solchen Raum bildet, der sich über die Erde erstreckt.

Wenn ich Menschen begegne, betreten sie meinen Seelenraum und ich den ihren. Man achtet in der Regel nicht darauf. Womit sind die Räume dann in diesem Moment angefüllt? Ist Platz für den jeweils anderen darin? Alles hängt davon, womit die Felder angefüllt sind. Denn durch sie berühren wir einander. Man spricht auch von der Ausstrahlung eines Menschen. Wir können bei einem anderen in ein Feld voller Probleme eintreten oder auch in ein Feld voller Licht. Wenn inneres Licht den Raum erfüllt, weitet es ihn. Es ist dann Platz da für alles, mit dem ein solcher Mensch in Kontakt kommt. Alles wird umfangen und berührt von seinem Licht und empfängt Impulse daraus.  

Woher kommt dieses Licht? Jeder Mensch ist mit einem geistigen Punkt verbunden. Ich möchte es mit einem Stern vergleichen, den man am Himmel sieht, einen Lichtpunkt, einen Feuerpunkt. Er ist einerseits in mir, gehört zu mir und ist andererseits Teil eines geistigen Universums. Er und ich, wir gehören zusammen. Er ist der Gegenpol meiner Existenz. Ich bin der irdische Pol, er ist der geistige. Wir scheinen weit voneinander entfernt zu sein. Und das Gefühl der Verlorenheit, das so viele Menschen haben, beruht darauf, dass sie ihren geistigen Gegenpol nicht kennen. Alles Suchen des Menschen zielt wohl letztlich darauf ab, diesen göttlichen Aspekt zu finden, der zu ihm gehört. Er drängt uns und er ruft uns. Wir sollen vollständig werden. Wir sollen unser wahres Selbst finden, diesen unbekannten Aspekt von uns, der im Ewigen ist.

Ich nehme täglich Nahrung zu mir, und sie schenkt mir meine biologischen Lebenskräfte. Der andere Pol meines Wesens schenkt mir die geistig-seelischen Kräfte.

Ich habe es oft erlebt, wie dieser Stern in mir aufgeht und sein Licht den Seelenraum füllt. Das ist für mich die eigentliche Bedeutung von Weihnachten. Inneres Licht strahlt in die Nacht hinein, die Nacht, die ich selbst bin.

Jeder Mensch hat einen solchen transzendenten Aspekt. In diesem göttlichen Aspekt sind wir miteinander vereint, auch wenn wir uns im normalen Leben als Fremde gegenübertreten.  

Wenn die Barriere zu dem inneren Stern weggenommen ist, wenn wir von seinem Licht also ergriffen werden, ändert sich unsere Beziehung zu anderen Menschen. Wir erleben etwas von demselben Potenzial in ihnen. Tieferes Verständnis wird möglich, Verständnis auch der Tragik des Lebens, der Tragik der Unwissenheit in Bezug auf das eigene Innerste. Jeder trägt die Lichtquelle in sich. Wenn wir uns dessen bewusst werden, stimulieren wir unsere Entwicklung gegenseitig auf machtvolle Weise. Es ist eine ganz andere Entwicklung als die, die wir jetzt erleben. Auch unsere Beziehung zur Welt der Tiere und Pflanzen ändert sich radikal.

Die Weichenstellung

Was ist denn geschehen in der abendländischen Entwicklung? Vor etwa 2500 Jahren haben griechische Philosophen wie Pythagoras und Heraklit erkannt, dass im Menschen ein Gott verborgen ist. Sie sprachen vom Logos im Menschen. Und sie versuchten, mit ihren Anhängern einen Weg zu gehen, auf dem der innere Gott erwacht. In der Bibel finden sich viele Stellen, die auf das Göttliche im Menschen hinweisen. Im Johannesevangelium, im 10. Kapitel, sagt Jesus: Wisst ihr nicht, dass ihr Götter seid? Die gnostisch-christlichen Gruppen in den ersten Jahrhunderten erlebten den Logos im eigenen Innern. Und sie verstanden das Evangelium so, dass es darum geht, dieses Göttliche im Menschen zu erwecken.

Doch diese Bemühungen wurden bekämpft. Man verfolgte die Gnostiker und verbrannte ihre Schriften. Und so ging es später auch anderen Gruppen und Einzelnen, vor allem den großen Mystikern und Mystikerinnen. Aber auch einer der frühen Kirchenväter, Origenes, erlebte den Gott in sich und verkündete ihn in seinen Schriften. Auf einem Konzil in Konstantinopel im 9. Jahrhundert wurde seine Lehre jedoch zur Irrlehre erklärt. Göttlich-Geistiges im Menschen? Nein, der Mensch hat nur Seele, und nicht auch göttlichen Geist.

Darin liegt die Weichenstellung. Die Menschen wandten ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr der Erde zu. Der Gedanke eines göttlichen Aspektes im eigenen Innern wurde vergessen, er verschwand im Unbewussten. Natürlich wirkten seine Impulse weiter und jeder nahm sie entgegen. Man betete auch, man war religiös, doch man sah die Impulse aus dem Innern als gute Regungen an, als Gewissensimpulse des eigenen Naturwesens. Man rechnete sie sich selbst zu, und nicht dem göttlichen Pol, dem unsichtbaren geistigen Gefährten.

Die Menschen bemühten sich, ihr Leben besser zu gestalten, und so entwickelte sich der Verstand und mit ihm die Wissenschaften, und unser jetziges Ego bildete sich heran. Es ist stark geworden und erfüllt meist unseren seelischen Raum. Für anderes ist dann nur wenig Platz darin. Der göttliche Pol, der dort ebenfalls hineinstrahlen könnte, ist vergessen. Nur wenn jemand in eine sehr große Lebenskrise kommt, kann er spüren, dass er plötzlich von einer unbegreiflichen inneren Kraft getragen wird.

Die heutigen Wissenschaften erklären uns, dass der Mensch durch ein Spiel bloßer Materieteilchen im Verlaufe einer langen Evolution entstanden ist. Für eine göttliche Sinngebung ist in dieser Lehre kein Platz. Anders wird es, wenn einem Menschen inneres Licht aufgeht. Dann zeigt sich ihm, dass bei allem Äußeren, das wir erleben und erforschen, immer auch noch eine andere Welt beteiligt ist, die geistig-seelische Welt. Sie strahlt ihre Inhalte und Impulse in die Natur und die Menschen hinein. Die Grundgestalten im Reich der Pflanzen und der Tiere sind Ausdruck geistig-seelischer Impulse. Wir erahnen etwas von ihnen, wenn wir uns auf den Zauber in der Natur einlassen.  

Kommen wir zurück zu Weihnachten. Von der Weihnachtsgeschichte werden Kinderseelen ergriffen. In ihnen ist der innere Gott noch nicht vom Ego überlagert. Der innere Stern leuchtet noch, und er spiegelt sich in den Seelenraum des Kindes hinein. Daraus könnten wir etwas lernen. Weihnachten soll uns veranlassen, das in uns bewusst stattfinden zu lassen, was in den Kinderseelen unbewusst stattfindet.

Und die Corona-Krise? Wir werden dringend aufgefordert, Abstand voneinander zu halten. Doch der äußere Abstand ist nur ein Spiegel des großen inneren Abstandes, ja des Abgetrenntseins von der Mitte unseres Wesens, von dem Lichtquell, dem Wärme- und Feuerquell in uns. Die Corona-Maßnahmen und die rationale Kälte, die mit ihnen verbunden ist, sind Kräfte der Kälte. Sie führen uns vor Augen, dass wir generell in der Kälte leben, entfernt von dem innersten Herd. Die allgemein vorhandene Kälte wird durch die Maßnahmen nur noch etwas verstärkt. Im wirtschaftlichen Leben ist diese Kälte schon lange vorherrschend: im geschäftlichen Umgang miteinander, im Umgang mit der Erde, im Umgang mit den indigenen Kulturen der Völker.  

Ist das nun das endgültige Ergebnis der abendländischen Kultur?

In mir ist etwas lebendig geworden. Es ist wie ein Aufschrei. Vielleicht geht es auch anderen so, vielleicht gerade jetzt, in diesen Tagen. In meinem Inneren regt sich etwas. Eine Lichtquelle wirft ihr Licht in seelische Räume. Und dieses Licht will sich vereinen mit dem Licht anderer. Der innere Gott, verstoßen, verketzert, verdrängt, vergessen – er beginnt zu erwachen. Er ist die Grundlage für das Menschsein, die Grundlage eines jedes Menschen, gleichgültig, ob er religiös ist oder nicht.

Wenn der innere Gott erwacht, entwickeln sich seelische Augen und es entsteht ein neues Bewusstsein. Wir sehen, wir erleben etwas von den Innenwelten.

Im Laufe meines Lebens habe ich mich viel mit der materiellen Seite der Dinge beschäftigt. Doch ich erlebe zugleich, dass das Leben in der Materie nur die eine Seite der Medaille ist. Wir reichen auch ins Transzendente, ins Göttliche hinein, in Dimensionen, die über Zeit und Raum hinausgehen.

Weihnachten feiert man in der dunkelsten der Nächte. Dort sind wir nun offenbar angekommen. Nun kann die Umwendung unseres Lebens stattfinden. Wir können uns auf den Weg begeben, ganz zu werden. Wir können daran gehen, die große Wunde in uns zu heilen.  

Und Corona? Was hat Corona damit zu tun? Darauf wollen wir im zweiten Teil des Artikels eingehen.

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 

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