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Wissenschaft aus dem Mysterium der Seele geboren. Carl Gustav Jungs Transformation – Teil 1

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Die Schrift Sieben Reden an die Toten ist eine Art gnostischer Mythos, in einer „eigentümlichen Sprache“ formuliert, wie Jung in späteren Jahren selbst sagte. Er habe sich „von innen her gezwungen [gefühlt], das zu formulieren und auszusprechen […] Dann fing es an, aus mir herauszufließen, und in drei Abenden war die Sache geschrieben“.[1] Im Rückblick sah er in dieser Lebensphase „Quelle und Ursprung“ seines späteren Werkes.[2]

C.G. Jung suchte nach dem Licht in den Mysterien der Seele. Er befasste sich mit der Alchemie und gelangte über sie zu einer Auseinandersetzung mit den Werken der frühchristlichen Gnostiker. 

Das relativ kurze Traktat [3] trägt den Untertitel Die Sieben Belehrungen der Toten. Geschrieben von Basilides in Alexandria, der Stadt, wo der Osten den Westen berührt.[4]

In sieben Reden wendet sich Jung in Gestalt des Basilides an die „Toten“. Basilides war ein berühmter Gnostiker des 2. Jh.. Er vertrat ein Weltbild, nach dem die göttliche Seinsfülle (das Pleroma) ihr Wesen in einem siebenfachen Prozess offenbart – durch gegensätzlich polar aufeinander gerichtete Kräfte.

Die „Toten“, um die es in der Schrift geht, sind keine wirklich toten Wesen, sondern Menschen, die sich tot fühlen, weil es ihren Seelen an wahrer Kenntnis mangelt.

Sie kamen zurück von Jerusalem, wo sie nicht fanden, was sie suchten. Sie begehrten bei mir Einlass und verlangten bei mir Lehre, und so lehrte ich sie. Jung vertrat – wie einst Basilides – eine „Gnosis Kardias“, das heißt eine Kenntnis, die im Herzen des Menschen ihren Ursprung hat.

Der Aufbau der Sermones ist in sieben Belehrungen gegliedert, die den sieben Stufen eines seelischen Entwicklungsprozesses entsprechen. Dieser entfaltet sich in einem Panorama von Seelenräumen, in denen Bilder auftauchen und Geschehnisse der Transformation stattfinden.

In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf vier wesentliche Belehrungen.

„In uns ist das Pleroma zerrissen“ (Sermo I)

Basilidis lehrt die Toten:

Höret: ich beginne beim Nichts. Das Nichts ist dasselbe wie die Fülle. In der Unendlichkeit ist voll so gut wie leer. Das Nichts ist leer und voll. […] Das Nichts oder die Fülle nennen wir das PLEROMA. Dort drin hört denken und sein auf, denn das Ewige und Unendliche hat keine Eigenschaften.  

Das Pleroma ist ein grenzenloser, unpersönlicher Raum am Wurzelgrund der menschlichen Seele; er umfasst ihr bewusstes und unbewusstes Leben. Die Seele ist nach Jung die intrapsychische Definition dieser Fülle.

Wir sind aber das Pleroma selber, denn wir sind ein Teil des Ewigen und Unendlichen. Wir haben aber nicht teil daran, sondern sind vom Pleroma unendlich weit entfernt, nicht räumlich oder zeitlich, sondern WESENTLICH, indem wir uns im Wesen vom Pleroma unterscheiden als Kreatur, die in Zeit und Raum beschränkt ist.

Die Eigenschaften des Pleroma offenbaren sich in Gegensatzpaaren, als:

  • das Wirksame und das Unwirksame
  • die Fülle und die Leere
  • das Lebendige und das Tote […]
  • das Helle und das Dunkle […]
  • das Gute und das Böse […]
  • das Eine und das Viele usw.

Die Gegensatzpaare sind die Eigenschaften des Pleroma, die nicht sind, weil sie sich aufheben.

Das Pleroma ist alles, Unterschiedenheit und Ununterschiedenheit. Die Unterschiedenheit ist die Creatur. Sie ist unterschieden. Darum unterscheidet der Mensch, denn sein Wesen ist Unterschiedenheit.

Die Eigenschaften, die sich im Pleroma aufheben, sind im Menschen unterschieden.

In uns ist das Pleroma zerrissen.

In diesem Satz liegt das wesentliche geistige Wissen, das Basilides den Toten vermitteln möchte. Die Seele des Menschen befindet sich nicht in der ursprünglichen Fülle ihres Wesens. Sie unterscheidet die Eigenschaften des Pleroma in Gegensätze, die sich in ihr nicht aufheben, sondern einzeln in Erscheinung treten.

Der Mensch ist sich der kompensatorischen Reaktion seines Unbewussten nicht mehr bewusst, wenn er sich zum Beispiel das Schöne und Gute wünscht und das Hässliche und Böse erhält. Es ist die Ganzheit, die sich hierbei meldet.

Die Gefahr besteht nun, dass ein Mensch, indem er sich nach der ursprünglichen Ganzheit zurücksehnt, in Gedanken dem Pleroma verfällt und sich sein Bewusstsein in dessen leeren Fülle auflöst.

Basilidis sagt: Nicht euer Denken, sondern euer Wesen ist Unterschiedenheit. Darum sollt ihr nicht nach Verschiedenheit, wie ihr sie denkt, streben, sondern nach EUERM WESEN. 

Die Ganzheit des Menschen nach seinem einzigartigen Wesen will sich in seinem ursprünglichen Selbst offenbaren. Jung nennt das Streben danach das Principium Individuationis: die inhärente Tendenz der menschlichen Psyche, ihr Licht des Bewusstseins nicht aufzugeben, um nicht in den inneren Abgrund des uranfänglichen Nichts zurückzufallen.“ [5]

(wird fortgesetzt in Teil 2)

 


[1] Aniela Jaffé, Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, Olten, 3. Auflage, 1985, S. 193 f.

[2] Stephan A. Hoeller, Der gnostische Jung und die sieben Reden an die Toten, Calw 1987

[3] Es ist veröffentlicht u.a. als Anhang zu Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, a.a.O.

[4] Die kursiv geschriebenen Textstellen sind wörtliche Zitate aus den Sieben Reden an die Toten.

[5] Stephan Hoeller, a.a.O., S. 81

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