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Wissenschaft aus dem Mysterium der Seele geboren. Carl Gustav Jungs Transformation – Teil 2

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Gott und Teufel (Sermo II)

Die Toten .[…] riefen: Von Gott wollen wir wissen, wo ist Gott? Ist Gott tot?

Basilides antwortet ihnen: Gott ist nicht tot, er ist so lebendig wie je, und seine folgende Erläuterung mag uns zunächst erstaunen:

Gott ist Creatur, denn er ist etwas Bestimmtes und darum vom Pleroma unterschieden. […] Er ist weniger unterschieden als die Creatur, denn der Grund seines Wesens ist wirksame Fülle, während das Wesen des Teufels wirksame Leere ist. Beide, Gott und Teufel, verdeutlichen die in Einheit lebenden Kräfte im Pleroma.

Wir Menschen, in denen das Pleroma zerrissen ist, nehmen das in ihm verbundene Paar als zwei gegeneinander wirkende Kräfte wahr.

Unsere Seele lebt in zwei Welten:

Einerseits in einer raumzeitlich-physischen Natur, deren Zentrum das Ich-Bewusststein ist. Andererseits in einer seelisch-geistigen Natur: die Seele ist das Pleroma selber als ein Teil des Ewigen und Unendlichen. Da die Seele sich ihres Ursprungs jedoch nicht mehr bewusst ist, bildet sich ein großer unbewusster Raum in ihr, in dem das Pleroma und all seine Wirkkräfte verborgen liegen. Sie können sich der suchenden Seele in Bildern und Symbolen mitteilen, die Jung Archetypen nennt.

Archetypen sind für Jung Urformen der Wirkkräfte des Pleroma, welche in der menschlichen Seele Bilder, Visionen, Träume und Symbole erzeugen können, wie zum Beispiel das Gegensatzpaar Gott und Teufel, ein Bild, das in allen menschlichen Seelen latent anwesend ist. Infolgedessen bergen für Jung die geheimnisvollen Gestalten der Archetypen Schätze im kollektiven Unbewussten. So würde die Creatur, aus ihrem Wesen der Unterschiedenheit heraus, sie immer wieder aus dem Pleroma heraus unterscheiden.

Menschliches Leben findet in der Spannung zwischen zwei Gegensätzen statt. Jung sagt: „Das Böse bildet den dem Guten notwendigen Gegensatz, ohne den es auch kein Gutes gäbe. Ersteres kann also auch nicht einmal weggedacht werden.“ [1]

Die in zwei Welten lebende Seele projiziert in die physische Welt, was sie innerlich psychisch erlebt. Ist sie selbst Schöpferin dieser Gegensätze?

Diesem spannungsreichen Leben, das sich in einem bewussten und einem unbewussten Raum vollzieht, entspricht „ein anderes Prinzip als das der gewöhnlichen Kausalität“.

Jung bezeichnet dieses Prinzip als Synchronizität: es ist eine zeitliche Koinzidenz zweier oder mehrerer nicht kausal aufeinander bezogener Ereignisse, welche von gleichem oder ähnlichem Sinngehalt sind. Es handelt sich hier um die relative bzw. subjektive Gleichzeitigkeit einer Erfahrung. Der sinngebende Aspekt der Erfahrung, der Zusammenhang, liegt nicht im äußeren Ereignis, sondern in seinem Sinn, der ihm von der Seele gegeben wird. So kann zum Beispiel ein Archetyp gleichzeitig psychisch und in einem korrelierenden physischen Ereignis auftreten.

Jung erzählt von einem solchen Ereignis: In dem Augenblick, in dem ihm eine Patientin von einem Traum erzählte, in dem sie einen Skarabäus (ein archetypisches Symbol für die Wiedergeburt) als Geschenk erhielt, stieß ein gemeiner Rosenkäfer (ein ähnliches Insekt) leise gegen das Fenster.[2]

Haben die Gegensätze Körper und Bewusstsein bzw. Materie und Geist ihre Wurzeln in einem gleichen Grund?

In dem spannungsreichen Konflikt zwischen äußerer und innerer Welt macht die Seele wertvolle Erfahrungen, lichte und schmerzlich dunkle. Sie sucht nach Lösungen und tritt in einen kreativen Dialog mit ihren eigenen inneren geistigen Kräften. Während dieser Aktivität entfaltet sich ihr Individuationsprozess, der Weg zu ihrem letztendlichen wahren Selbst, das als Mittelpunkt ihres Lebens in ihrem Herzen liegt.

Abraxas ist der höchste Gott (Sermo III)

Basilides lehrt die Christen am Ende von Sermo II: Abraxas ist ein Gott, den die Menschen vergaßen. Er ist das Wirkende, das Gott und Teufel verbindet, er ist ein Gott über Gott, denn er vereinigt die Fülle und die Leere in ihrer Wirkung. […] Hätte das Pleroma ein Wesen, so wäre der Abraxas seine Verdeutlichung

Abraxas, der das Wirkende selbst ist, hat jedoch keine bestimmte Wirkung. Er ist Wirkung überhaupt.

Er ist auch Kreatur, da er vom Pleroma unterschieden ist.

Am Ende von Sermo II heißt es: Hier erhoben die Toten großen Tumult, denn sie waren Christen.

Ihr Gott ist ein allmächtiger, alleiniger Herrscher, er duldet keinen Gott über sich.

Die Toten wollen jedoch weiter über Abraxas belehrt werden, denn sie kamen heran wie Nebel aus Sümpfen und riefen: Rede uns weiter über den obersten Gott. Basilides erklärt ihnen, dass Abraxas die ewige unendliche wirksame Fülle des sich in dialektischen Gegensätzen offenbarenden Lebens ist und zugleich sein Streben nach der ursprünglichen Vereinigung.

Abraxas ist für Basilides das oberste Urwesen und die höchste gnostische Gottheit. Die sieben Buchstaben seines Namens verweisen auf seine Herrschaft über die sieben Planeten und auf die sieben Wochentage, die zusammen numerisch (nach den Zahlenwerten des hebräischen Alphabets) die Zahl 365, also die Zahl der Tage eines Jahres bilden.

Abraxas herrscht über die Dauer und das ewig drehende Rad von Geburt und Tod.

Er ist Kraft, Dauer, Wandel.

Der Name Abraxas wird zum archetypischen Symbol für eine alles durchdringende befreiende Kraft des Seins, deren Licht den Sucher in Stufen wie auf einer Leiter nach oben zur Erkenntnis führt.

Er ist auch der Archetypus der Ganzheit, der die spirituelle Kraft zur Verwandlung des Seins symbolisiert. Er befreit den nach Ganzheit strebenden Menschen aus der Bindung an Raum und Zeit und aus den Fesseln, welche die Seele an die gegensätzlich wirkenden dualen Kräfte des irdischen Daseins binden.

Die Seele fühlt sich in der Regel machtlos diesen Kräften ausgeliefert und gerät in einen ausweglosen inneren Konflikt, der ihre Energie aufbraucht.

Im Symbol der Ganzheit des Abraxas liegt die mögliche Verbindung der Gegensätze: das alchemistische Principium Coniunctio Oppositorum.

Innerpsychisch bedeutet dies, dass die sich nach Einheit und Ganzheit strebende Seele ihre innere spirituelle Dynamik aktiviert, welche im Punkt des Ausgleichs zwischen den Zweiheiten freigesetzt wird.

Der Konflikt erweist sich somit als heilsam und schöpferisch für das Wachstum der Seele. Der Individuationsprozess führt sie durch schmerzlich unbewusste Räume. Mit Hilfe des freigesetzten Lichts kann die Seele daran gehen, die dunklen Schatten dieser Räume und mit ihnen das einseitig rational geschulte Ich-Bewusstsein sowie das eigensinnige Ego zu verwandeln und zu integrieren. Jung sagt: „Das Bestreben der Gnostiker [...] ist auf Individuation hin ausgerichtet, auf die Re-Integration des differenzierten und entfremdeten Bewusstseins mit dem Unbewussten.“ [3]

Das Symbol des Abraxas weist darauf hin, dass es außer einem konflikthaften auch einen komplementären Dualismus gibt: außer einem „Entweder-oder“ ein „Beides gilt“.

Der Mensch steht zwischen zwei Unendlichkeiten (Sermo VII)

In der siebten Rede bitten die Toten: ... lehre uns vom Menschen, und so wendet sich Basilides dem Menschen zu.

Alle Bilder und archetypischen Symbole liegen in Wirklichkeit in der Psyche des Menschen selbst und werden von ihr auf einen scheinbar außen liegenden Schirm projiziert. „Das Böse außer uns ist der untrennbare und identische Zwilling alles Unerwünschten und Bösen in uns selbst.“ [4]

Wenn die menschliche Seele sich dieses Vorgangs bewusst wird, bedeutet das die Geburt ihres Bewusstseins aus dem Schoße des großen inneren Raumes, der das Unbewusste genannt wird.

Diese Bewusstwerdung geschieht parallel zu einer Umwandlung des ganzen Menschen. Auf dem Weg zur Selbstwerdung erfahren die dunklen Anteile – das entfremdete Ich und das eigensinnige Ego – eine Umwandlung. Jung sagt: „Erst wenn der Alchemist das opus contra naturam, das große Werk gegen die Natur unternimmt, verändern sich die Elemente wirklich“ … und der Mensch wird zum „lebendigen Stein der Weisen“.[5]

Basilides erklärt: Der Mensch ist ein Tor zwischen zwei Räumen, dem Makro- und dem Mikrokosmos. Klein und nichtig ist der Mensch, schon habt ihr ihn im Rücken, und wiederum seid ihr im unendlichen Raume, in der kleineren oder inneren Unendlichkeit.

Wenn diese beiden Räume im Tor des Menschen zusammentreffen, vollzieht sich das besprochene Phänomen der Synchronizität.

Während der Mensch auf dem Wege zu sich Selbst in diesen beiden Welten wandelt, begleitet ihn in unermesslicher Entfernung [...] ein einziger Stern im Zenith.

Dieser Stern ist das während all der Erfahrungen in seiner Seele gewachsene persönliche Gottesbild (Imago Dei): Dies ist der eine Gott dieses Einen, dies ist seine Welt, sein Pleroma, seine Göttlichkeit.

Das flammende Schauspiel des Abraxas und alle äußeren Bilder verlieren ihre Macht über das Bewusstsein und der Mensch wird dazu bereit, seinem inneren göttlichen Licht zu folgen. Er erkennt sein einzigartiges göttliches Selbst.

 


[1] a.a.O., S. 90

[2] a.a.O., S. 213-215

[3] a.a. O., S. 119

[4] a.a.O., S. 210

[5] a.a.O., S. 211

 

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